KI-Chatbots und Nachrichten: 34% Falschinformationen zur Wahl
20.06.2026 - 12:48:29 | boerse-global.de
Mehrere aktuelle Studien zeigen: Die Systeme liefern nicht nur erschreckend viele falsche Informationen, sie beeinträchtigen auch die Fähigkeit der Nutzer, Fakten selbstständig zu prüfen.
Jeder dritte KI-Beitrag zur Wahl enthält Falschinformationen
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Eine am heutigen Samstag veröffentlichte Studie des britischen Thinktanks Demos kommt zu alarmierenden Ergebnissen. Demnach enthielten 34 Prozent aller Antworten von KI-Chatbots zur schottischen Wahl Falschinformationen – inklusive erfundener Skandale. Getestet wurden Plattformen wie ChatGPT, Gemini und Replika.
Besonders schlecht schnitt Replika ab. Aber auch ChatGPT lag mit einer Fehlerquote von fast 50 Prozent weit vorn. Die geringste Fehlerrate wies Grok auf. Fast die Hälfte aller Antworten enthielt keinerlei Quellenangaben.
Hochgerechnet haben rund zehn Millionen Briten KI zur Wahl-Informationssuche genutzt. Vijay Rangarajan, Chef der britischen Wahlkommission, fordert deshalb gesetzliche Regelungen.
Die Behörde handelt bereits: Gemeinsam mit dem Innenministerium startete sie ein Pilotprojekt zur Deepfake-Erkennung. Sarah Mackie, Leiterin der Kommission in Schottland, kündigte an, dass die Öffentlichkeit und Polizei vor besonders riskanten Inhalten gewarnt werden. Allerdings fehlen der Kommission bislang rechtlich durchsetzbare Befugnisse, um Plattformen zur Löschung solcher Inhalte zu zwingen.
KI-Nachrichtennutzung wächst – Vertrauen bleibt gering
Der Digital News Report 2026 des Reuters Institute zeigt: Weltweit nutzen inzwischen zehn Prozent der Befragten wöchentlich KI-Chatbots für Nachrichten – ein Anstieg von sieben Prozent im Vorjahr. Besonders die 18- bis 24-Jährigen greifen darauf zurück: 17 Prozent von ihnen informieren sich per KI.
Doch das Vertrauen hinkt hinterher. Nur ein Prozent der Befragten sieht KI als primäre Nachrichtenquelle. Immerhin 44 Prozent der aktiven Nutzer vertrauen den Informationen – aber lediglich vier Prozent klicken auf die Originalquellen. In der Gesamtbevölkerung liegt das Vertrauen in KI-Nachrichten bei rund 20 Prozent. Die Systeme dienen vor allem für Rückfragen, aktuelle Nachrichten oder Zusammenfassungen.
Der Preis der Bequemlichkeit: Kognitive Abhängigkeit
Eine Studie des Massachusetts Institute of Technology (MIT) zeigt die Schattenseite der KI-Nutzung. In einer vierwöchigen Untersuchung mit 67 Teilnehmern verbesserte der Einsatz von KI-Assistenten wie GPT-4o zunächst die Erkennung von Falschnachrichten um 21 Prozent.
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Doch schon nach vier Wochen sank die Fähigkeit der Probanden, ohne KI-Hilfe Fehlinformationen zu identifizieren – um 15,3 Prozent. Besonders perfide: Ein Viertel der Teilnehmer glaubte fälschlich, ihr kritisches Denken habe sich verbessert.
Die Forscher stellten fest: Systeme, die einfache „Ja-oder-Nein"-Antworten liefern, schaden den kognitiven Fähigkeiten mehr als solche, die durch gezielte Rückfragen zum Nachdenken anregen. Ein Muster, das sich bereits in einer Lancet-Studie von 2025 zeigte: Auch Ärzte verloren an diagnostischer Genauigkeit, als sie KI-gestützte Krebserkennung nutzten.
Propaganda-Netzwerke kapern KI-Trainingsdaten
Ein weiteres Problem: Die Integrität der Trainingsdaten. Ein NewsGuard-Bericht vom März 2025 dokumentierte die Aktivitäten des russischen Propaganda-Netzwerks „Pravda". Seit April 2022 veröffentlichte es 3,6 Millionen Artikel auf 150 Domains in 49 Ländern.
Das Netzwerk zielte gezielt auf die Trainingsdaten großer Sprachmodelle ab. Ergebnis: Zehn führende KI-Chatbots wiederholten in 33 Prozent der Fälle falsche Kreml-Erzählungen. Die menschliche Reichweite des Netzwerks ist minimal – sein Einfluss auf KI-Ausgaben dagegen enorm.
Erst gestern wurde zudem bekannt, dass Googles KI-Übersichten in mindestens 20 Fällen fiktive Einträge aus einem Fan-Projekt als Fakten präsentierten. Die KI hatte die entsprechenden Haftungsausschlüsse schlicht ignoriert und Fan-erschaffene Monster als reale Wesen beschrieben.
Internationale Rufe nach Regulierung
Die Politik reagiert. Singapurs Premierminister Lawrence Wong betonte gestern in einem Gespräch mit dem Singapore Press Club, KI-gesteuerte Fehlinformationen machten es zunehmend schwer, einen gesellschaftlichen Konsens über grundlegende Fakten zu bewahren. Er forderte ein vertrauenswürdiges Medien-Ökosystem und robuste Faktenchecks.
Auch die Vereinten Nationen schlugen am Donnerstag Alarm: KI-Algorithmen verstärkten Hassrede und Stereotype. KI-generierte Fehlinformationen verbreiteten sich überproportional schnell. Nötig sei ein koordinierter internationaler Aktionsplan gegen digitalen Extremismus.
In ReykjavĂk kamen Experten am Donnerstag zu dem Schluss: Soziale Medien und KI sind die größten Herausforderungen fĂĽr den demokratischen Diskurs. Ihre Antwort: Verlässlicher Journalismus sei unverzichtbar, um die Risiken einzudämmen.
