Klinik-Krisenvorsorge: Baden-Württemberg stellt 5,2 Millionen Euro bereit
Veröffentlicht am: 06.10.2026 um 21:09 Uhr | Redaktion boerse-global.de
Um medizinisches Personal auf die psychische und fachliche Belastung bei Großschadenslagen und Katastrophen vorzubereiten, setzen Krankenhäuser verstärkt auf spezialisierte Trainingsprogramme und realitätsnahe Simulationen. Angesichts komplexer Notfallszenarien sollen standardisierte Handlungsabläufe, klare Kommunikationsstrukturen und das Zusammenspiel verschiedener Fachdisziplinen unter extremem Zeitdruck gefestigt werden.
Strukturierte Abläufe im Schockraum
Ein wesentlicher Baustein dieser Vorbereitung ist die Weiterbildung für zeitkritische Notfallsituationen. So etablierte das Städtische Klinikum Braunschweig ein neues Kurszentrum der Deutschen Gesellschaft Interdisziplinäre Notfall- und Akutmedizin (DGINA). Neben Aachen, Fürth und Villingen-Schwenningen handelt es sich um den vierten Standort für das Format Advanced Critical Illness Life Support (ACiLS) in Deutschland.
Das Programm wird seit 2022 unter dem Dach des DGINA-Notfallcampus angeboten und legt den Schwerpunkt auf das nicht-traumatologische Schockraummanagement. Nach einer vorbereitenden E-Learning-Phase durchlaufen Ärztinnen, Ärzte, Pflegekräfte sowie Beschäftigte des Rettungsdienstes praktische Workshops und Szenariotrainings.
Neben medizinischen Fertigkeiten stehen dabei insbesondere Kommunikation, Führungsfähigkeiten und Teamarbeit im Fokus, um kritisch erkrankte Patienten auch in stressintensiven Phasen geordnet zu versorgen.
Belastungsproben im laufenden Klinikbetrieb
Neben standardisierten Kurseinheiten überprüfen Krankenhäuser ihre Abläufe zunehmend durch praktische Großübungen. An der BG Unfallklinik Murnau fand am 2. Oktober 2026 ein solches Szenario statt, bei dem 30 zeitgleich eintreffende Verletzte zusätzlich zum regulären Klinikbetrieb versorgt werden mussten.
Rund 150 Einsatzkräfte aus der Klinik, dem Bayerischen Roten Kreuz, der Kreisbrandinspektion Garmisch-Partenkirchen, der Polizei und dem Gesundheitsamt waren beteiligt.
Baden-Württemberg stellt rund 5,2 Millionen Euro bereit, damit Stadt- und Landkreise gemeinsam mit Traumakliniken Notfallszenarien proben — bis Ende 2027 und bis Ende Oktober 2028 sind je zwei Übungen vorgesehen. Wer seinen Krankenhausalarm- und Einsatzplan vorher belastbar aufstellt, ist bei der nächsten Großschadenslage nicht der Engpass. Der kostenlose Report bündelt die wichtigsten Hebel für Ihre Krisenvorsorge. Krisenvorsorge-Report jetzt anfordern
Die Murnauer Übung testete einen neu implementierten Krankenhausalarm- und Einsatzplan. Das Szenario beinhaltete unter anderem eine vorsorgliche Isolierung und Diagnostik von Patienten mit einer Infektion, die sich im weiteren Verlauf als Tularämie herausstellte. Geschäftsführer Markus Schepp und der Leiter der Stabsstelle Katastrophenmedizin, Dr. Martin Dotzer, zogen nach dem ersten Durchlauf eine positive Bilanz der internen Zusammenarbeit.
Auch in Rheinland-Pfalz erprobte das Regionale Traumazentrum des Ev. Stifts St. Martin in Koblenz die Bewältigung eines Massenanfalls von Verletzten. Im Rahmen eines landesweiten Übungstags simulierten Rettungsdienst, Feuerwehr und Katastrophenschutz die Folgen eines Reisebusunfalls während einer schweren Unwetterfront.
Neben der Triage und Sichtung lag das Augenmerk auf einer papierbasierten Dokumentation, um die Handlungsfähigkeit auch bei begrenzter Notstromversorgung zu sichern. Chefarzt Prof. Dr. Konrad Schütze und der Katastrophenschutzbeauftragte Jochen Schmitt bewerteten die logistischen Abläufe und die Kooperation der Beteiligten positiv.
Öffentliche Förderung und Nachwuchsausbildung
Um die Krisenvorsorge in den Versorgungsstrukturen dauerhaft zu verankern, investiert auch die öffentliche Hand. Die baden-württembergische Landesregierung stellte am 29. September 2026 rund 5,2 Millionen Euro bereit, damit Stadt- und Landkreise gemeinsam mit Traumakliniken Notfallszenarien proben können.
Bis Ende 2027 und bis Ende Oktober 2028 sind jeweils zwei Übungen in den geförderten Kreisen vorgesehen, die nach einem All-Gefahren-Ansatz neben Massenunfällen auch IT-Störungen, Stromausfälle und langanhaltende Hitzewellen abdecken.
Bei einem Massenanfall von Verletzten entscheidet die Sichtung in den ersten Minuten — und eine Dokumentation, die auch ohne Notstrom funktioniert. Genau hier setzen die aktuellen Klinikübungen an: Triage, klare Kommunikationswege und das Zusammenspiel der Fachdisziplinen unter extremem Zeitdruck. Der kostenlose Leitfaden zeigt Ihnen Schritt für Schritt, wie Sie diese Abläufe im eigenen Haus verankern. Triage- und Sichtungsleitfaden jetzt sichern
Parallel dazu rückt die Katastrophenkompetenz in die akademische Ausbildung. An der Hochschule Bielefeld vermittelt ein neues Wahlmodul unter der Leitung von Prof. Dr. Christina Anna Hajek Pflegestudierenden Fachwissen zu Krisenlagen und Übergabeprozessen.
Durch Einblicke in den Rettungsdienst der Feuerwehr Bielefeld, vertreten durch den Ärztlichen Leiter Dr. Carsten Obermann und Amtsleiter Gordon Majewski, werden organisatorische Schnittstellen transparent gemacht. Hajek betonte in diesem Zusammenhang die Notwendigkeit, pflegerische Expertise fest in Krisenstäbe und Übungskonzepte einzubinden.
