Kniearthrose, Studien

Kniearthrose: 217 Studien zeigen, welches Training Schmerzen lindert

Veröffentlicht am: 23.10.2026 um 20:09 Uhr | Redaktion boerse-global.de
Eine Metaanalyse sieht aerobes Training bei Kniearthrose vorn; ergÀnzende Trainingsformen helfen gezielt, TENS bringt keinen Zusatznutzen.
Ein sonniger Waldweg in einem Park, der zu Bewegung und körperlicher AktivitÀt einlÀdt. Illustration mit AI erstellt.

Bei der Behandlung von Kniegelenksarthrose gewinnt die Bewegungstherapie in der medizinischen Forschung zunehmend an Gewicht. Eine umfassende Netzwerk-Metaanalyse von Forschern der chinesischen UniversitÀt Zhejiang, die im Fachjournal The BMJ ausgewertet wurde, belegt den Stellenwert von AusdaueraktivitÀten.

In der Untersuchung von 217 randomisierten Studien aus den Jahren 1990 bis 2024 mit insgesamt 15.684 Teilnehmern wies aerobes Training wie Gehen, Radfahren und Schwimmen durchgÀngig die höchste Wahrscheinlichkeit auf, hinsichtlich Schmerzlinderung, Gelenkfunktion, Gangbild und LebensqualitÀt am besten abzuschneiden.

Die Evidenzsicherheit fĂŒr die Schmerzlinderung durch aerobes Training wird dabei kurz- und mittelfristig fĂŒr ZeitrĂ€ume von 4 beziehungsweise 12 Wochen als moderat eingestuft. Bei der Verbesserung der Gelenkfunktion gilt diese moderate Evidenz sowohl kurz- und mittelfristig als auch langfristig fĂŒr einen Zeitraum von 24 Wochen.

Andere Trainingsformen zeigten spezifische Vorteile: So verbesserte Mind-Body-Training die Funktion kurzfristig stark, wĂ€hrend neuromotorisches Training das Gangbild auf kurze Sicht positiv beeinflusste. Keine der untersuchten Trainingsformen wies mehr unerwĂŒnschte Ereignisse auf als die jeweiligen Kontrollgruppen.

Diskrepanz zwischen Röntgenbefund und tatsÀchlichen Beschwerden

Die Relevanz wirksamer konservativer Therapien ist hoch. Der im BMJ behandelten Datenlage zufolge zeigen fast 30 Prozent der ĂŒber 45-JĂ€hrigen radiologische Anzeichen einer Kniegelenksarthrose, wobei etwa die HĂ€lfte davon unter schweren Symptomen leidet.

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Angaben der französischen Krankenversicherung Assurance-maladie verdeutlichen zudem, dass ein radiologischer Befund nicht zwingend mit Schmerzen einhergeht: Nur 40 Prozent der Patienten mit einer radiologisch bestĂ€tigten mittelschweren Gonarthrose verspĂŒren Beschwerden. Bei einer schweren Verlaufsform liegt der Anteil der symptomatischen Betroffenen bei 60 Prozent.

Experten der Assurance-maladie raten daher davon ab, bei Gonarthrose gĂ€nzlich auf Sport zu verzichten. Empfohlen werden schonende AktivitĂ€ten wie tĂ€gliches Spazierengehen – gegebenenfalls mit einem Gehstock auf der dem betroffenen Knie gegenĂŒberliegenden Seite – sowie Schwimmen.

Sportarten mit abrupten Richtungswechseln und Joggen sollten hingegen gemieden werden. Treten akute SchĂŒbe mit starken morgendlichen Schmerzen, Knieschwellungen oder einer Morgensteifigkeit von mehr als 15 Minuten auf, sollte das Training vorĂŒbergehend ausgesetzt und Ă€rztlicher Rat eingeholt werden.

Biomechanische Wirkmechanismen und Zusatzverfahren

Die molekularen HintergrĂŒnde der Bewegungswirkung beleuchtet eine Übersichtsarbeit von Forschern der Southwest Medical University Luzhou im Fachjournal Dove Press.

Das Autorenteam deutet Arthrose als systemisches Versagen der Mechanotransduktion. Dieses werde durch ein dysreguliertes mechanosensitives Netzwerk getrieben, an dem Faktoren wie Piezo, TRPV4, Integrin-FAK, Hippo/YAP-TAZ und Wnt/?-catenin beteiligt sind, welche ĂŒber Kalziumionen und reaktive Sauerstoffspezies interagieren.

Gezielte Bewegung fungiere hierbei als physiologische Mechanotherapie, die zellulĂ€re Prozesse von einem entzĂŒndlichen und abbauenden Zustand hin zu anabolen und stabilisierenden Reaktionen verschieben könne.

Dass apparative ErgÀnzungen zu aktivem Training nicht immer einen messbaren Mehrwert bringen, ergab eine sham-kontrollierte Studie in Physiotherapy Research International mit 96 Betroffenen. Die zusÀtzliche Gabe von Hochfrequenz-TENS zu einem strukturierten Bewegungsprogramm zeigte keinen signifikanten Zusatznutzen.

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Die adjustierte Differenz auf der KOOS-Schmerzskala lag direkt nach der Behandlung bei 1,05 Punkten und nach einem Monat bei 0,40 Punkten. Beide Werte verfehlten die festgelegte Relevanzschwelle von 10 Punkten deutlich. Auch bei Kraft und Funktion blieben signifikante Unterschiede aus.

Stufenweise Therapie und langfristige Lebensstilmaßnahmen

FĂŒr die praktische Umsetzung empfiehlt die Weltgesundheitsorganisation Personen ab 65 Jahren mindestens zwei wöchentliche Krafttrainingseinheiten der Hauptmuskelgruppen ergĂ€nzend zur AusdaueraktivitĂ€t. Das US-amerikanische National Institute on Aging rĂ€t zu einer Kombination aus Kraft, Ausdauer, Gleichgewicht und FlexibilitĂ€t.

Einfache EinstiegsĂŒbungen umfassen das Kniestrecken im Sitzen mit 8 bis 10 Wiederholungen je Seite, das Aufstehen vom Stuhl mit 5 bis 8 Wiederholungen sowie Fersenheben und Beinheben im Liegen oder Stehen. Treten scharfe Schmerzen oder plötzliche Schwellungen auf, ist das Training zu stoppen.

Im klinischen Management orientiert sich die Behandlung am Stufenplan nach Kellgren-Lawrence. Bei den Graden 1 und 2 stehen Gewichtsreduktion, Physiotherapie und Krafttraining im Vordergrund, gegebenenfalls flankiert von topischen Antirheumatika oder maximal zweiwöchigen Gaben oraler NSAR.

Eine Gewichtsabnahme entlastet die Gelenke spĂŒrbar: Jedes reduzierte Kilogramm Körpergewicht senkt die Kniebelastung beim Gehen um 3 bis 4 Kilogramm. Bei Grad 3 kommen Injektionen mit HyaluronsĂ€ure mit einer Wirkdauer von 6 bis 12 Monaten oder plĂ€ttchenreichem Plasma fĂŒr 8 bis 18 Monate infrage.

Bei fortgeschrittenem Gelenkverschleiß nach Grad 4 und konservativem Therapieversagen bleibt der Gelenkersatz, dessen Haltbarkeit bei rund 15 Jahren liegt. Auch Fachleute wie der OrthopĂ€de Babak Moradi betonen, dass Betroffene bereits vor kĂŒnftigen medikamentösen Neuentwicklungen durch Muskelaufbau, gesunde ErnĂ€hrung und Gewichtsreduktion erhebliche Therapieeffekte erzielen können.

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