Kognitive BeeintrÀchtigung: ICMC-USP erkennt sie in einer Sitzung
Veröffentlicht am: 25.10.2026 um 00:12 Uhr | Redaktion boerse-global.deKlassische Screening-Verfahren zur Feststellung beginnender Hirnleistungsstörungen stoĂen in der Praxis regelmĂ€Ăig an methodische Grenzen. Herkömmliche Papier-Bleistift-Tests wie die Mini-Mental State Examination oder der MoCA-Test gelten als anfĂ€llig fĂŒr soziokulturelle EinflĂŒsse und weisen bei frĂŒhen Stadien oft nur eine geringe SensitivitĂ€t auf.
Vor diesem Hintergrund gewinnen AnsĂ€tze an Bedeutung, die immersive Technologien mit maschinellem Lernen kombinieren. Am Institut fĂŒr Mathematik und Informatik der UniversitĂ€t von SĂŁo Paulo (ICMC-USP) in SĂŁo Carlos wurde hierfĂŒr eine Plattform konzipiert, die Virtual Reality, Elektroenzephalografie (EEG) und kognitive Analysen zusammenfĂŒhrt.
Multimodale Erfassung in einer einzigen Untersuchungssitzung
Das System zielt auf die Erkennung einer leichten kognitiven BeeintrĂ€chtigung (CCL) ab. Nach SchĂ€tzungen sind rund 15 bis 20 Prozent der ĂŒber 65-JĂ€hrigen von solchen BeeintrĂ€chtigungen betroffen, wobei etwa die HĂ€lfte der Betroffenen innerhalb von fĂŒnf Jahren eine Demenz entwickeln kann. Die Neuentwicklung des ICMC-USP setzt darauf an, Diagnoseverzögerungen zu reduzieren.
Teilnehmer absolvieren dabei einmalige, immersive Aufgaben in einer virtuellen RealitĂ€t. WĂ€hrend des Durchlaufs registriert das System simultan die Blickbewegungen mittels Eye-Tracking sowie die HirnaktivitĂ€t ĂŒber ein EEG. Die gewonnenen Messdaten werden anschlieĂend von Modellen des maschinellen Lernens und tiefen neuronalen Netzen ausgewertet.
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Besonderer Wert wurde bei der Architektur der Algorithmen auf deren Interpretierbarkeit gelegt, um klinischem Fachpersonal nachvollziehbare Entscheidungsgrundlagen bereitzustellen. Berichten vom Oktober 2026 zufolge gelingt die Klassifizierung bereits im Rahmen einer einzigen Untersuchungssitzung.
Forschungskontext und geplante Open-Source-Veröffentlichung
Hinter dem Vorhaben steht Postdoktorand Roberto Douglas GuimarĂŁes de Aquino unter der Leitung von Alexandre Delbem. Das Projekt ist im Rahmen des Forschungszentrums ciaGsaĂșde angesiedelt, das von der brasilianischen Förderorganisation FAPESP finanziert wird, und entstand in partnerschaftlicher Kooperation mit der Ingenieurschule von SĂŁo Carlos (EESC-USP).
Die Initiatoren verfolgen eine Strategie des offenen Wissenstransfers: Sobald die klinische Validierung vollstÀndig abgeschlossen ist, sollen die Software, die zugrundeliegenden Algorithmen sowie anonymisierte DatensÀtze öffentlich auf der Plattform GitHub als Open-Source-Ressourcen bereitgestellt werden.
Digitale Verfahren ergÀnzen die neuropsychologische Diagnostik
Die Entwicklung reiht sich in ein wachsendes Feld technologiegestĂŒtzter Testverfahren ein, die auf standardisierte und zeiteffiziente Messungen setzen. So erforscht beispielsweise das Unternehmen Altoida einen Tablet-basierten Augmented-Reality-Test namens NeuroMarker, der motorische Aufgaben, AR und Sprache kombiniert.
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In einer unabhĂ€ngigen Validierungskohorte von 75 Teilnehmern in Chicago und Barcelona erzielte ein XGBoost-Modell dabei eine FlĂ€che unter der Kurve (AUC) von 0,87 bei einer mittleren DurchfĂŒhrungszeit von 13,8 Minuten. Laut Medicare-basierten SchĂ€tzungen bleiben bis zu 90 Prozent der FĂ€lle leichter kognitiver BeeintrĂ€chtigungen bislang undiagnostiziert.
Auch sprachbasierte Verfahren rĂŒcken zunehmend in den Fokus. Forschende europĂ€ischer UniversitĂ€tskliniken in Belgien und den Niederlanden validierten mit der niederlĂ€ndischen Adaption der Mini-Linguistic State Examination (MLSE) einen 15-minĂŒtigen Sprachtest an 90 Patienten und 276 Kontrollpersonen, der eine hohe TrennschĂ€rfe zwischen Gesunden und Betroffenen erreichte.
Der Ansatz des ICMC-USP erweitert dieses Spektrum um eine Methode, die motorische Interaktion im virtuellen Raum mit neurophysiologischen Signalen direkt verknĂŒpft, um kognitive Abbauprozesse frĂŒhzeitig und objektiv messbar zu machen.
