Kognitive Resilienz: 30 Prozent zeigen trotz Alzheimer-Merkmalen keine EinbuĂen
Veröffentlicht am: 29.10.2026 um 22:33 Uhr | Redaktion boerse-global.deNicht jeder Mensch, in dessen Gehirn sich typische Merkmale einer Alzheimer-Erkrankung ablagern, entwickelt im Alter zwangslĂ€ufig Demenzsymptome. Rund 30 Prozent der Ă€lteren Erwachsenen weisen trotz physischer VerĂ€nderungen wie Amyloid-Plaques und Tau-Fibrillen keine kognitiven EinbuĂen auf.
Dieses PhĂ€nomen wird in der Neurowissenschaft als kognitive Resilienz bezeichnet. Eine im Fachjournal Cell Stem Cell veröffentlichte Untersuchung des Netherlands Institute for Neuroscience liefert neue ErklĂ€rungsansĂ€tze fĂŒr diese Widerstandskraft und rĂŒckt dabei unreife Neuronen im Hippocampus ins Blickfeld.
AktivitÀtsmuster statt reiner Zellzahl
Unter der Leitung von Evgenia Salta und der Erstautorin Giorgia Tosoni analysierte das Forschungsteam gespendetes Hirngewebe aus der Netherlands Brain Bank. An der Arbeit waren zudem Paul Lucassen und Carlos Fitzsimons vom Swammerdam Institute for Life Sciences der UniversitÀt Amsterdam beteiligt.
Untersucht wurden Gewebeproben von Verstorbenen aus drei Vergleichsgruppen: Personen ohne nachweisbare Alzheimer-VerĂ€nderungen, Erkrankte mit Alzheimer-Demenz sowie Menschen, die trotz biologischer Krankheitsmerkmale kognitiv unauffĂ€llig geblieben waren. Die Spender wiesen ein durchschnittliches Alter von ĂŒber 80 Jahren auf.
Entgegen frĂŒherer Annahmen unterschied sich die Zahl der unreifen Nervenzellen zwischen den resilienten Personen und den Demenzerkrankten kaum. Unreife Neuronen lieĂen sich vielmehr in allen drei Gruppen nachweisen. Die entscheidenden Unterschiede zeigten sich stattdessen in der GenaktivitĂ€t.
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Bei den kognitiv resilienten Personen wiesen die unreifen Neuronen verstĂ€rkt genetische Programme auf, die fĂŒr das ZellĂŒberleben und die Reaktion auf StressschĂ€den zustĂ€ndig sind. Gleichzeitig traten Signale fĂŒr EntzĂŒndungsprozesse und den programmierten Zelltod deutlich seltener auf als bei Personen mit manifester Demenz.
Mögliche Schutzmechanismen im Hippocampus
Die Forschenden vermuten, dass diese widerstandsfĂ€higen Zellen eine regulierende Funktion ĂŒbernehmen und das umliegende Nervengewebe stabilisieren könnten, anstatt lediglich abgestorbene Neuronen zu ersetzen.
Salta sieht in Prozessen der adulten Neurogenese einen potenziellen SchlĂŒssel zum VerstĂ€ndnis der kognitiven Resilienz. Im Rahmen der Untersuchungen wurden unter anderem biologische Marker wie p-tau217, Beta-Amyloid, NfL und Alpha-Synuclein betrachtet.
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Auch internationale Experten beobachten die Forschung zur Neubildung von Nervenzellen im fortgeschrittenen Lebensalter mit Interesse. Der Neurowissenschaftler Hongjun Song von der University of Pennsylvania merkte an, dass fĂŒr viele Fachleute inzwischen weniger die Arbeit mit dem PhĂ€nomen im Raum stehe, sondern vielmehr die Frage, wie sich diese Mechanismen therapeutisch nutzen lieĂen.
Grenzen der bisherigen Erkenntnisse
Das Forschungsteam ordnet die Resultate jedoch vorsichtig ein. Da es sich um eine reine Beobachtungsstudie an Post-mortem-Gewebe handelt, liefern die Daten keinen Nachweis fĂŒr eine ursĂ€chliche Schutzwirkung oder eine aktive Neurogenese im lebenden Organismus.
Ob die verĂ€nderten GenaktivitĂ€tsmuster die Ursache der kognitiven Resilienz darstellen oder lediglich deren Begleiterscheinung sind, bleibt vorerst ungeklĂ€rt. Direkte RĂŒckschlĂŒsse auf neue therapeutische Behandlungsmethoden lassen sich aus den aktuellen Befunden daher noch nicht ableiten.
