Krebs-Bluttests, NHS-Studie

Krebs-Bluttests: NHS-Studie mit 140.000 Menschen verfehlt ihr Hauptziel

Veröffentlicht am: 15.10.2026 um 15:09 Uhr | Redaktion boerse-global.de

Der Galleri-Test senkte späte Krebsstadien nicht; bei Leberkrebs schnitt ein Bluttest für Risikopatienten beim frühen Nachweis besser ab als Ultraschall.

Krebs-Bluttests: Studien zeigen Grenzen und Nutzen für Risikogruppen
Ein steriler Laborarbeitsplatz mit Zentrifugentechnik und medizinischen Probenröhrchen zur Krebsforschung. Illustration mit AI erstellt.

Aktuelle wissenschaftliche Fachberichte und gesundheitspolitische Diskussionen widmen sich verstärkt der Validität von Bluttests zur Krebsfrüherkennung. Während neue Technologien versprechen, Tumorerkrankungen bereits in frühen Phasen über zirkulierende Biomarker zu identifizieren, warnen Fachleute vor voreiligen Schlüssen und betonen den unersetzbaren Stellenwert etablierter Vorsorgeuntersuchungen.

Kontroversen um klinischen Nutzen und Studienergebnisse

Im Zentrum der Debatte stehen Multi-Krebs-Früherkennungstests, die Blutproben auf Spuren verschiedener Tumorarten absuchen. Zu den bekanntesten Verfahren zählt der Galleri-Test, der Methylierungsmuster in über 100.000 DNA-Fragmenten analysiert und Signale für mehr als 50 Krebsarten erfassen soll.

Laut Schätzungen der US-Arzneimittelbehörde FDA entfallen rund 58 Prozent der Krebstodesfälle auf Tumorarten, für die bisher kein routinemäßiges Screening existiert.

Allerdings dämpfen jüngere Studiendaten übertriebene Erwartungen. In der großangelegten englischen NHS-Galleri-Studie mit über 140.000 Erwachsenen im Alter zwischen 50 und 77 Jahren konnte das primäre Ziel nicht erreicht werden: Der Test führte nicht zu einer Reduktion später Krebsstadien bei der Erstdiagnose.

Zwar stiegen die Diagnosen in den Stadien I und II um 16 Prozent, gleichzeitig nahmen jedoch die Befunde im Stadium III zu. Prof. Stig E. Bojesen vom dänischen Herlev und Gentofte Hospital verwies darauf, dass das britische Projekt von Beginn an kontrovers verlief, unter anderem weil das nationale Screening-Gremium nicht eingebunden worden war.

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Auch in den USA wächst die Skepsis auf institutioneller Ebene. Anthony Letai, Direktor des National Cancer Institute (NCI), äußerte auf einer Fachtagung Bedenken, dass viele Menschen die Leistungsfähigkeit solcher Assays überschätzten. Ein unkritischer Einsatz unausgereifter Tests in breiten Bevölkerungsgruppen berge das Risiko physischer und finanzieller Belastungen.

Phil Castle, Leiter der NCI-Abteilung für Krebsprävention, stellte den konkreten Patientennutzen infrage. Zwar stimmte ein FDA-Beraterausschuss mit 10:0 Stimmen für die Sicherheit und mit 6:4 Stimmen für die Wirksamkeit von Galleri, prüfte dabei jedoch nicht den tatsächlichen klinischen Nutzen.

Castle warnte vor gesetzlichen Mechanismen, die nach einer Marktzulassung zu einer Kostenerstattung durch Medicare führen könnten, ohne dass eine Empfehlung des nationalen Expertengremiums USPSTF vorliegt. Fachleute wie H. Gilbert Welch beziffern die potenziellen jährlichen Kosten für ein flächendeckendes Screening aller US-Bürger ab 50 Jahren auf 60 bis 100 Milliarden US-Dollar.

Differenzierte Ergebnisse bei spezifischen Risikogruppen

Neben universellen Screenings zeigen sich differenzierte Ergebnisse bei fokussierten Bluttests für Hochrisikopatienten. In der US-amerikanischen ALTUS-Studie unter Leitung von Dr. Binu V. John an der University of Miami wurde der mt-HBT-Bluttest bei 2.293 auswertbaren Erwachsenen mit Leberzirrhose oder chronischer Hepatitis B untersucht.

Der Test misst spezifische DNA-Methylierungen sowie das Protein AFP unter Berücksichtigung des Geschlechts. Bei frühem Leberzellkarzinom erzielte das Verfahren eine Sensitivität von 66,7 Prozent gegenüber 22,2 Prozent beim herkömmlichen Ultraschall.

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Bei Tumoren unter zwei Zentimetern Größe lag die Sensitivität bei 63,6 Prozent, verglichen mit 9,1 Prozent beim Ultraschall. Allerdings verfehlte der Bluttest mit einer Gesamtspezifität von 81,8 Prozent das Ziel von 82 Prozent knapp und blieb deutlich hinter der Ultraschalluntersuchung zurück, die eine Spezifität von 98,6 Prozent erreichte.

Parallel arbeiten weitere Technologie- und Diagnostikunternehmen an ähnlichen Konzepten. Natera erhielt von der FDA den Status eines bahnbrechenden Medizinprodukts für einen experimentellen Test auf zellfreie DNA bei zwölf Krebsarten, legte dazu bislang jedoch keine Leistungsdaten vor.

Bosch entwickelt ein kompaktes Analysegerät auf Basis von Mikrosystemtechnik, das mit geringen Blutmengen auskommen soll; eine spätere Marktreife erfordert jedoch die Zertifizierung nach der europäischen In-vitro-Diagnostika-Verordnung.

Warnung vor Schnelltests und Vorrang für Standardverfahren

Experten warnen unterdessen vor frei verkäuflichen Heimtests, die vermeintlich schnelle Klarheit versprechen. Qu Hui vom Qilu-Krankenhaus in Shandong stellte klar, dass einfache Speichel-Pepsin-Tests nicht für die Früherkennung von Magenkrebs geeignet sind, da sie lediglich einen gastroösophagealen Reflux abbilden.

Auch Stuhltests zeigen primär gastrointestinale Blutungen an und können Fehlalarme auslösen. Magen- und Darmspiegelungen bleiben nach einhelliger Fachmeinung unverzichtbare Standardverfahren, da sie neben der präzisen Diagnostik die direkte Entnahme von Gewebeproben und die Entfernung von Krebsvorstufen ermöglichen.

Dass auffällige Laborwerte stets einer sorgfältigen ärztlichen Abklärung bedürfen, belegen auch Erfahrungen aus dem britischen CHAPS-Programm zur Prostatakrebs-Vorsorge: Von über 12.000 untersuchten Männern wiesen 974 einen auffälligen PSA-Wert auf, was zu 350 urologischen Überweisungen und schließlich 178 bestätigten Diagnosen führte.

Pathologen und Urologen betonen daher, dass Biomarker im Blut konventionelle Früherkennungsmaßnahmen allenfalls ergänzen, aber keinesfalls ersetzen können.

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