Krebs und Gewichtsverlust: Fast jeder Zweite verliert mindestens 5 Prozent
Veröffentlicht am: 20.10.2026 um 15:12 Uhr | Redaktion boerse-global.deDie krebsassoziierte Kachexie gehört zu den schwerwiegendsten Begleiterscheinungen von Krebserkrankungen. Der fortschreitende Verlust von Muskel- und Fettmasse lĂ€sst sich durch herkömmliche ErnĂ€hrung allein nicht ausgleichen und schrĂ€nkt LebensqualitĂ€t sowie Ăberlebenschancen erheblich ein.
Neue wissenschaftliche Untersuchungen beleuchten nun die biologischen Mechanismen, laborchemische Marker und das Ausmaà von MangelernÀhrung in verschiedenen Krankheitsstadien.
FrĂŒhe Diagnose und VerĂ€nderungen im Labor
Auf der Jahrestagung der deutschsprachigen Fachgesellschaften fĂŒr HĂ€matologie und Onkologie in Wien stellten Forschende aus Wien Ergebnisse vor, wonach eine krebsassoziierte Kachexie mit charakteristischen VerĂ€nderungen zahlreicher Laborparameter einhergeht. Die Identifikation verlĂ€sslicher Marker gilt als zentraler Schritt, um den schleichenden Gewichtsverlust frĂŒher diagnostizieren zu können.
ErgÀnzend dazu zeigte ein Team aus Greifswald auf der Tagung, dass Personen mit gastrointestinalen Tumoren hÀufig bereits zum Zeitpunkt der Erstdiagnose mangelernÀhrt sind.
Dass NÀhrstoffdefizite zudem komplexe Krankheitsbilder auslösen können, verdeutlichte ein Fallbericht des UniversitÀtsklinikums Rostock um Luise Nissle: Bei einem 39-jÀhrigen Mann, der wegen Belastungsdyspnoe als Notfall aus einem anderen Krankenhaus zugewiesen worden war, imitierte ein schwerer kombinierter MikronÀhrstoffmangel klinisch und laborchemisch das Vollbild einer thrombotischen Mikroangiopathie mit HÀmolyse und Thrombozytopenie.
Hohe PrĂ€valenz und epidemiologisches AusmaĂ
Das AusmaĂ der Gewichtsverluste in der Onkologie belegt eine Analyse des Teams CANCAN, einer von Cancer Research UK und dem US National Cancer Institute gegrĂŒndeten Initiative im Rahmen von Cancer Grand Challenges. Das Team analysierte Daten von fast 60.000 Krebskranken am Memorial Sloan Kettering Cancer Center mit ĂŒber 2,3 Millionen Gewichtsmessungen.
Fast die HĂ€lfte der Patienten erlebte demnach mindestens einmal einen Gewichtsverlust von 5 Prozent oder mehr innerhalb von sechs Monaten. Bei BauchspeicheldrĂŒsen- und Magenkrebs waren rund 7 von 10 Betroffenen betroffen.
Da laborchemische Marker und die Interpretation von Blutwerten eine zentrale Rolle bei der Erkennung körperlicher MangelzustĂ€nde spielen, hilft dieser Ratgeber dabei, die eigenen Ergebnisse besser einzuordnen. Erfahren Sie in diesem kostenlosen Report, welche Werte fĂŒr Ihre Gesundheit wirklich entscheidend sind. Laborwerte-Selbstcheck kostenlos anfordern
Insgesamt betrifft die Kachexie laut der Untersuchung rund die HĂ€lfte der Krebskranken. Vom Team CANCAN entwickelte FrĂŒhmodelle fĂŒr Lungenadenokarzinome und kolorektale Karzinome schĂ€tzen das Kachexie-Risiko fĂŒr ZeitrĂ€ume von einem, zwei und drei Jahren ab, sind derzeit jedoch noch nicht klinisch belastbar.
Weitere Daten liefern Forschende der Sapienza University of Rome in einer Untersuchung mit 28 unbehandelten Patienten mit gastrointestinalen Tumoren, ĂŒberwiegend kolorektaler Art, sowie 10 Kontrollpersonen.
Bei den Krebspatienten war der Serumspiegel von Lipocalin-2 (LCN2) signifikant höher; zudem korrelierte LCN2 mit den EntzĂŒndungsmarkern Interleukin-6 (Spearman-Wert 0,862) und Interleukin-8 (0,789).
Wer sich mit dem Einfluss von EntzĂŒndungsprozessen auf das allgemeine Wohlbefinden befasst, findet in der antientzĂŒndlichen ErnĂ€hrung einen wirksamen Ansatz zur UnterstĂŒtzung des Körpers. Dieser kostenlose Ratgeber zeigt Ihnen, welche Lebensmittel natĂŒrliche EntzĂŒndungs-Killer sind und wie Sie Ihre VitalitĂ€t steigern können. Gratis-Ratgeber: EntzĂŒndungshemmende ErnĂ€hrung sichern
In dieser Kohorte wiesen 57 Prozent (16 von 28 Personen) einen ungewollten Gewichtsverlust in den vorangegangenen sechs Monaten auf; 57 Prozent befanden sich in den Krankheitsstadien I bis II und 43 Prozent in den Stadien III bis IV. Anorexie trat bei genau der HĂ€lfte der Patienten auf.
LCN2 war unabhĂ€ngig mit dem Gewichtsverlust assoziiert, mit einer bereinigten Odds Ratio von 1,043 pro Nanogramm pro Milliliter unter BerĂŒcksichtigung von Alter, Geschlecht und C-reaktivem Protein. Bei fortgeschrittenen gastrointestinalen Tumoren liegt der Anteil von Kachexie und Anorexie SchĂ€tzungen zufolge bei bis zu 80 Prozent.
ZellulÀre Mechanismen des Muskelschwunds
Einblicke in die molekularen Ursachen liefert ein Forschungsteam der Medizinischen Hochschule Hannover um PD Dr. Arnab Nayak, das den sogenannten CIC-Mechanismus der krebsinduzierten Kachexie entschlĂŒsselte. Nach Angaben der Forscher betrifft das Syndrom bis zu 80 Prozent der Krebspatienten und ist je nach Krebsart weltweit fĂŒr 30 bis 50 Prozent aller krebsbedingten TodesfĂ€lle verantwortlich.
Auf molekularer Ebene fĂŒhrt eine verstĂ€rkte SUMOylierung des Proteins L3mbtl2 dazu, dass sich dessen Bindung an die DNA löst, was die Expression wichtiger Muskelgene, darunter ATP2A1 beziehungsweise SERCA1, herabreguliert. In Zellversuchen kontrahierten sich ohne eine Reduktion von L3MBTL2 rund 75 Prozent der Muskelzellen regelmĂ€Ăig, nach der Reduktion sank dieser Anteil auf etwa 55 Prozent.
Unter Kachexie-Bedingungen verringerte sich die AktivitĂ€t von ATP2A1 um mehr als die HĂ€lfte; ein verĂ€ndertes Protein mit einer Mutation an der SUMO-Konjugationsstelle machte rund 82 Prozent dieses AktivitĂ€tsverlusts wieder rĂŒckgĂ€ngig.
Im Mausmodell sowie in der Zellkultur konnte die Kachexie durch diese Mutation teilweise korrigiert werden. Eine wirksame Therapie steht bislang jedoch nicht zur VerfĂŒgung, und ein Medikament wurde in der Studie nicht getestet.
WÀhrend die Grundlagenforschung nach molekularen Angriffspunkten sucht, befasst sich die klinische Praxis mit Begleitproblemen der ErnÀhrungstherapie. Ein Autorenteam um Zheng Meihua und Kollegen untersuchte hierzu evidenzbasierte AnsÀtze, um BlÀhungen und Durchfall bei der postoperativen enteralen ErnÀhrung von Personen mit Tumoren des Verdauungssystems gezielt vorzubeugen.
