Krebsbedingter, Muskelschwund

Krebsbedingter Muskelschwund: MHH-Forscher bremsen Kraftverlust im Labor

Veröffentlicht am: 19.10.2026 um 23:09 Uhr | Redaktion boerse-global.de
VerÀnderte L3MBTL2-Funktion beeintrÀchtigt Muskelgene und Kontraktion; Eingriffe an SUMO-Stellen korrigierten Symptome teilweise in Modellen.
Mikroskopische Nahaufnahme von menschlichem Skelettmuskelgewebe mit erkennbarer Faserstruktur. Illustration mit AI erstellt.

Der fortschreitende Verlust von Muskelmasse zÀhlt zu den gravierendsten Begleiterscheinungen fortgeschrittener Tumorerkrankungen. Wissenschaftler der Medizinischen Hochschule Hannover (MHH) um PD Dr. Arnab Nayak haben nun grundlegende molekulare AblÀufe der krebsinduzierten Kachexie (CIC) aufgeklÀrt. Ihre Untersuchung legt dar, wie molekulare VerÀnderungen die Funktion von Muskelzellen lahmlegen und den strukturellen Verfall des Gewebes antreiben.

Hohe MortalitÀt durch Kachexie bei fortgeschrittenen Tumoren

Die krebsinduzierte Kachexie stellt die Onkologie seit Langem vor erhebliche Probleme. Nach Angaben der MHH-Forscher betrifft das Syndrom bis zu 80% der Krebspatienten beziehungsweise Personen mit fortgeschrittenen Tumorerkrankungen.

Je nach Krebsart ist der drastische Muskelschwund zudem fĂŒr 30-50% aller krebsbedingten TodesfĂ€lle weltweit verantwortlich. Betroffene leiden nicht nur unter starkem Gewichtsverlust, sondern vor allem unter einer fortschreitenden SchwĂ€chung der gesamten Skelettmuskulatur.

Die Rolle von L3MBTL2 und gestörte Genaktivierung

Im Zentrum des neu identifizierten Mechanismus steht das Protein L3MBTL2. In den meisten Geweben fungiert dieses MolekĂŒl regulĂ€r als Repressor, der die AktivitĂ€t bestimmter Gene unterdrĂŒckt. In gesunden Muskelzellen verhĂ€lt es sich jedoch paradox: Dort aktiviert L3MBTL2 gezielt muskelspezifische Gene.

Bei einer krebsinduzierten Kachexie wird dieses GefĂŒge jedoch empfindlich gestört. Durch eine verstĂ€rkte sogenannte SUMOylierung – das Anheften spezifischer SUMO-Proteine – verliert L3MBTL2 die FĂ€higkeit, an die Erbsubstanz DNA zu binden.

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In der Folge sinkt das AktivitÀtsniveau entscheidender muskelspezifischer Gene deutlich ab, darunter das Gen ATP2A1 (auch bekannt als SERCA1). Dies zieht eine Kettenreaktion nach sich: Der Kalziumhaushalt der Muskelzellen gerÀt aus dem Gleichgewicht, die Sarkomere desorganisieren sich und die mechanische KontraktionsfÀhigkeit bricht ein.

Laborbefunde zu Kontraktion und GenaktivitÀt

Die Auswirkungen dieser Fehlsteuerung wiesen die MHH-Forscher in experimentellen Reihen nach. WĂ€hrend sich unbehandelte Muskelzellen im Experiment zu rund 75% regelmĂ€ĂŸig kontrahierten, sank dieser Anteil nach einer gezielten Reduktion von L3MBTL2 auf etwa 55%.

Gleichzeitig zeigte sich, dass die AktivitĂ€t von ATP2A1 unter den Bedingungen einer Kachexie um mehr als 50% eingebrochen war. Dieser Funktionsverlust ließ sich jedoch durch Eingriffe an der Proteinstruktur beeinflussen: Eine gezielte Mutation der SUMO-Stellen machte rund 82% des AktivitĂ€tsverlusts rĂŒckgĂ€ngig.

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Durch die Modifikation dieser spezifischen SUMO-Konjugationsstelle gelang es den Forschenden zudem, die Kachexiesymptome sowohl im Zellkulturmodell als auch im Mausmodell teilweise zu korrigieren.

Grenzen aktueller TherapieansÀtze

Trotz der detaillierten Einblicke in die zellulĂ€re Kaskade bleibt die medizinische Versorgung der Betroffenen vorerst eingeschrĂ€nkt. GegenwĂ€rtig steht keine wirksame Therapie zur Behandlung der Kachexie zur VerfĂŒgung. Ein konkretes Arzneimittel wurde im Rahmen der aktuellen Versuchsreihen ebenfalls noch nicht getestet.

Die Ergebnisse des Teams um PD Dr. Arnab Nayak, die im Fachjournal Cell Death & Discovery (Gand et al., 2026, doi:10.1038/s41420-026-03337-y) veröffentlicht wurden, liefern jedoch einen zentralen molekularen Angriffspunkt.

KĂŒnftige Forschungsarbeiten mĂŒssen nun untersuchen, ob sich die SUMOylierung von L3MBTL2 pharmakologisch gezielt unterbinden lĂ€sst, um den Muskelschwund bei Krebserkrankungen wirksam aufzuhalten.

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