Lebenserwartung, Deutschland

Lebenserwartung in Deutschland: Einkommen entscheidet ĂĽber bis zu 8,6 Jahre

Veröffentlicht am: 01.10.2026 um 16:39 Uhr | Redaktion boerse-global.de

Das Durchschnittsalter steigt, während hohe Gesundheitsausgaben, sinkendes Arbeitsangebot und Vorschläge zur Rentenreform die Folgen der Alterung zeigen.

Deutschland altert: Gesundheitskosten und Rentenreformen im Fokus
Landschaft mit sanften Hügeln, Bäumen und Morgennebel in einer ruhigen ländlichen Umgebung. Illustration mit AI erstellt.

Deutschland wird im statistischen Durchschnitt älter. Nach einer Auswertung des Statistischen Bundesamtes auf Basis von rund 10.500 Gemeinden lag das Durchschnittsalter der Bevölkerung Ende 2025 bei 45,0 Jahren – gegenüber 43,9 Jahren im Jahr 2011. Die Zahl verdeutlicht einen langfristigen Trend, der Gesundheitssystem, Arbeitsmarkt und Rentenpolitik gleichermaßen betrifft.

Längeres Leben, aber ungleich verteilt

Parallel zur steigenden Durchschnittsalter-Kennziffer wächst auch die Lebenserwartung Neugeborener. Für im Jahr 2025 geborene Mädchen beziffert Destatis die Lebenserwartung auf 83,6 Jahre, für Jungen auf 79,1 Jahre – ein Plus von zwei beziehungsweise drei Monaten gegenüber dem Vorjahr.

Deutliche regionale Unterschiede bestehen fort: Zwischen 2023 und 2025 lag Baden-Württemberg vorn, mit 84,4 Jahren bei Frauen und 80,3 Jahren bei Männern. Am niedrigsten war der Wert bei Frauen im Saarland (82,0 Jahre), bei Männern in Sachsen-Anhalt (76,4 Jahre).

Noch deutlicher fällt die Spreizung beim Blick auf das Einkommen aus. Eine Auswertung von RKI und Sozio-oekonomischem Panel für den Zeitraum 1992 bis 2016 zeigt, dass Männer der niedrigsten Einkommensgruppe im Schnitt 8,6 Jahre kürzer lebten als Männer der höchsten Gruppe, bei Frauen betrug der Unterschied 4,4 Jahre.

Die Sterblichkeit vor dem 65. Lebensjahr lag in der niedrigsten Einkommensgruppe bei 27 Prozent der Männer und 13 Prozent der Frauen, in der höchsten Gruppe bei 14 beziehungsweise 8 Prozent.

International belegt Deutschland mit einer Lebenserwartung von 80,8 Jahren laut Weltbank-Daten aus dem Jahr 2024 einen mittleren Rang – deutlich hinter Monaco (86,5 Jahre), San Marino (85,8) und Hongkong (85,4), aber weit über dem Weltdurchschnitt von 73,5 Jahren und Nigeria mit 54,6 Jahren.

Nach Eurostat-Zahlen fĂĽr 2024 lag die deutsche Lebenserwartung bei 81,2 Jahren, knapp unter dem EU-Durchschnitt und deutlich unter Spanien mit 84,0 Jahren.

Hohe Ausgaben, auffällige Versorgungsmuster

Die deutschen Gesundheitsausgaben beliefen sich 2024 laut Destatis auf 538,2 Milliarden Euro, umgerechnet 6.444 Euro je Kopf beziehungsweise 12,4 Prozent des Bruttoinlandsprodukts.

Trotz dieser hohen Summen fällt Deutschland im OECD-Vergleich bei bestimmten Versorgungsindikatoren auf: Die Zahl vermeidbarer Krankenhauseinweisungen liegt bei 810 je 100.000 Einwohner, gegenüber einem OECD-Schnitt von 473. Zugleich verfügt Deutschland mit 7,7 Krankenhausbetten je 1.000 Einwohner über fast doppelt so viele Betten wie im OECD-Durchschnitt üblich.

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Arbeitsmarkt unter Druck durch Alterung

Die demografische Entwicklung schlägt sich im Arbeitsmarkt nieder. Bis 2040 werden rund 13,3 Millionen Erwerbspersonen das Rentenalter von 67 Jahren überschritten haben – das entspricht etwa 30 Prozent der Erwerbspersonen des Jahres 2025. Im Basisszenario der Bundesbank sinkt das Arbeitsangebot in Vollzeitäquivalenten bis 2035 jährlich um knapp 0,5 Prozent. Ein zusätzlicher Produktivitätszuwachs von 0,5 Prozentpunkten pro Jahr könnte die Produktion den Berechnungen zufolge rechnerisch stabil halten.

Als mögliche Stellschraube gilt künstliche Intelligenz. Schätzungen zufolge könnte sie die Arbeitsproduktivität jährlich um 0,4 bis 1,3 Prozentpunkte steigern.

Eine Berechnung zum US-Zuwachs der totalen Faktorproduktivität durch KI binnen zehn Jahren nennt einen Wert von unter 0,53 Prozent, während eine Anthropic-Studie – ausdrücklich keine Prognose – ein mögliches zusätzliches jährliches US-Produktivitätswachstum von 1,8 Prozentpunkten über zehn Jahre in den Raum stellt.

Eine Umfrage der EZB aus dem laufenden Jahr ergab, dass 52 Prozent der Beschäftigten im Euroraum KI bei der Arbeit nutzen; Nutzer berichteten im Median von drei eingesparten Stunden pro Woche.

Tübinger Szenarien bis 2060 beziffern das Automatisierungspotenzial in Gesundheit, Sozialem, Lehre und Erziehung auf rund 40 Prozent, in Produktion und Fertigung dagegen auf gut 87 Prozent. In der deutschen Industrie kommen demnach bereits 449 Industrieroboter je 10.000 Beschäftigte zum Einsatz.

Debatte um Rentenalter und Reformen

Angesichts dieser Entwicklungen gewinnt die Debatte um das Renteneintrittsalter an Schärfe. Die Alterssicherungskommission schlägt vor, das Mindesteintrittsalter für langjährig Versicherte mit 35 Beschäftigungsjahren von 63 auf 64 Jahre anzuheben.

Das Bundesarbeitsministerium erklärte auf eine Kleine Anfrage der Grünen, es erarbeite die gesetzliche Umsetzung, konkrete Berechnungen zu den Wirkungen lägen aber noch nicht vor. Auch Erkenntnisse darüber, wie viele Betroffene aus gesundheitlichen Gründen oder mangels Arbeit früher in Rente gehen, fehlten der Bundesregierung demnach bislang.

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Das DIW berechnete im Auftrag der Bertelsmann-Stiftung, dass die Anhebung rund 727 Millionen Euro einsparen würde; die Abschaffung der abschlagsfreien Rente für besonders langjährig Versicherte käme auf eine Ersparnis von rund 9,5 Milliarden Euro. Der rentenpolitische Sprecher der Grünen, Armin Grau, bezweifelt den Nutzen der Anhebung und warnt vor möglichen Mehrkosten in anderen Sozialsystemen sowie vor einem erschwerten Altersübergang.

Weitergehend schlägt die Rentenkommission vor, das Renteneintrittsalter alle zehn Jahre um sechs Monate anzuheben – ein Artikel beziffert den möglichen Renteneintritt 2051 dann auf 68 Jahre. Ein Aufruf von 46 Ökonomen fordert die Bundesregierung auf, das Reformpaket der Rentenkommission vollständig umzusetzen und die geplante Abschaffung der abschlagsfreien „Rente mit 63“ nach 45 Beitragsjahren beizubehalten.

Die Unterzeichner bezeichnen diese Regelung als teure Sonderleistung, von der überdurchschnittlich häufig Männer, Besserverdienende und gesundheitlich weniger belastete Beschäftigte profitierten; bei Streichung einzelner Maßnahmen müsse gleichwertiger Ersatz geschaffen werden.

In eine ähnliche Richtung argumentiert ein separater Aufruf von 47 Wirtschaftswissenschaftlern, der neben einem späteren Renteneintritt auch einen stärkeren Nachhaltigkeitsfaktor, die Einbeziehung weiterer Gruppen und eine gesetzliche Kapitalrente fordert.

Statt der „Rente mit 63“ solle der Staat gezielt Menschen mit gesundheitlichen Einschränkungen oder trotz langer Erwerbsbiografie niedrigen Rentenansprüchen unterstützen.

Historische Einordnung und offene Fragen der Forschung

Der langfristige Anstieg der Lebenserwartung ist historisch beispiellos: Wer um 1900 in Deutschland geboren wurde, musste mit weniger als 50 Lebensjahren rechnen. Männer des Jahrgangs 1978 erreichen im Durchschnitt 70 Jahre, für heute geborene Babys werden je nach Geschlecht rund 80 Lebensjahre genannt.

Zugleich mahnt die Forschung zur Vorsicht gegenüber vielen populären Langlebigkeits-Versprechen: Viele sogenannte Longevity-Tipps seien wissenschaftlich nicht belegt, ihr statistischer Effekt auf die Lebensdauer sei klein. Ansätze wie mRNA-basierte Verjüngung wurden bislang nur in Tierversuchen und an einzelnen Geweben erprobt.

Parallel existiert eine kleine, aber wachsende Szene der Kryokonservierung: Firmenangaben zufolge lagern bereits mehrere Hundert menschliche Körper bei minus 196 Grad Celsius, mehrere Tausend lebende Personen hätten eine entsprechende Konservierung nach ihrem Tod angekündigt – bei Kosten von mindestens 200.000 Euro.

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