Long, Covid

Long Covid: Ruhepuls liegt schon vor der Infektion um 2,37 SchlÀge höher

Veröffentlicht am: 30.09.2026 um 15:30 Uhr | Redaktion boerse-global.de

Wearable-Daten liefern Hinweise fĂŒr die Long-Covid-Forschung; KI-Diagnostik und Sensoren werden zugleich klinisch erprobt.

Wearables in der Medizin: Herzfrequenzdaten und KI-Diagnostik im Fokus
Ein minimalistisches, modernes medizinisches Forschungslabor mit einem dunklen Monitor und einer Analyse-Hardware. Illustration mit AI erstellt.

Die systematische Auswertung von Vitaldaten aus Wearables gewinnt in der medizinischen Forschung und Diagnostik zunehmend an Bedeutung. Wie die TrĂ€gergesellschaft fĂŒr medizinische Forschungsnetze (TMF e.V.) in Berichten von Ende September 2026 erlĂ€utert, rĂŒcken insbesondere kontinuierliche Herzfrequenzdaten in den Fokus, um komplexe Krankheitsbilder wie Long Covid besser zu verstehen.

Im Zentrum dieser Entwicklung steht das Projekt SynoSys.PC in Dresden, das untersucht, inwieweit Wearables langfristige VerÀnderungen des körperlichen Zustands objektivierbar machen können.

Langzeitbeobachtung durch kontinuierliche Herzfrequenzmessung

Das Projekt SynoSys.PC nutzt die zeitliche Dimension von Herzfrequenzsignalen, um Muster in KrankheitsverlĂ€ufen zu identifizieren. Laut Projektleiter Prof. Dr. Dirk Brockmann, Direktor des Center Synergy of Systems an der TU Dresden, stellt die Herzfrequenz ein dynamisches Signal dar, dessen Analyse fĂŒr die Long-Covid-Forschung essenziell sei.

Eine unter Mitwirkung Brockmanns durchgefĂŒhrte Studie lieferte konkrete statistische Anhaltspunkte: Personen, die nach einer Corona-Infektion unter langanhaltender MĂŒdigkeit oder Kurzatmigkeit litten, wiesen bereits in den drei Wochen vor der Infektion einen im Durchschnitt um 2,37 SchlĂ€ge/Minute höheren Ruhepuls auf als Personen ohne diese Beschwerden. Zudem bewegten sich die spĂ€ter Betroffenen in diesem Zeitraum weniger.

Die Untersuchung stĂŒtzt sich auf eine breite Datenbasis der am Robert Koch-Institut (RKI) entwickelten Corona-Datenspende-App. Von den insgesamt mehr als 500.000 Teilnehmern stellten rund 130.000 Personen Wearable-Daten ĂŒber einen lĂ€ngeren Zeitraum zur VerfĂŒgung. Etwa 50.000 Teilnehmer ĂŒbermittelten zusĂ€tzlich regelmĂ€ĂŸige Angaben zu ihrem Gesundheitszustand.

Mithilfe von maschinellem Lernen soll nun geklĂ€rt werden, welche spezifischen VerĂ€nderungen tatsĂ€chlich kausal mit Long Covid zusammenhĂ€ngen. Das Vorhaben ist eingebettet in den vom Bundesministerium fĂŒr Gesundheit (BMG) geförderten Schwerpunkt LongCARE, der insgesamt 30 Projekte umfasst.

KI-gestĂŒtzte Diagnostik und neue Sensorik im klinischen Alltag

Parallel zur Forschung im Bereich Long Covid schreitet die Zertifizierung digitaler Diagnosewerkzeuge voran. Das UniversitÀtsklinikum Hamburg-Eppendorf (UKE) und die ART-EMIS Hamburg GmbH entwickelten den Algorithmus ACS Pathfinder, der seit September 2026 als Medizinprodukt der Klasse IIb CE-zertifiziert ist.

Die webbasierte Anwendung nutzt maschinelles Lernen, um auf Basis von Troponin-Werten, Alter, Herzfrequenz und EKG-Daten die individuelle Wahrscheinlichkeit eines Herzinfarkts zu berechnen.

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In Untersuchungen konnte durch das System bei 36 % der Patienten ein Herzinfarkt bereits nach einer einzigen Troponinmessung sicher ausgeschlossen werden, wĂ€hrend etablierte Vergleichsverfahren lediglich eine Quote von 14 % erreichten. Eine großangelegte, randomisierte Studie (CHASE-MI-DZHK33) in sechs Zentren soll laut Planungen Ende 2026 beginnen.

Auch in der stationÀren Pflege werden neue AnsÀtze erprobt. An der UniversitÀtsmedizin Halle wurde in einer Machbarkeitsstudie ein kontaktloser Radarsensor des israelischen Unternehmens Neteera getestet. Das System erfasst Vitalwerte wie Herz- und Atemfrequenz oberhalb des Patientenbettes.

Die Auswertung ergab eine deutliche Zeitersparnis: Die kontaktlose Erfassung dauerte im Mittel 20,3 Sekunden, verglichen mit 133,8 Sekunden bei konventionellen Methoden. Trotz ĂŒberdurchschnittlicher Usability-Werte bleiben klinische Entscheidungen jedoch vorerst an etablierte Verfahren gebunden.

Marktentwicklungen und die Integration in medizinische Workflows

Der Markt fĂŒr Consumer-Wearables differenziert sich derweil weiter aus. Hersteller wie Huawei integrieren zunehmend medizinisch zertifizierte Funktionen. Die Huawei Watch D3 ist fĂŒr die ambulante 24-Stunden-Langzeit-Blutdruckmessung (ABPM) CE-zertifiziert und nutzt einen mechanischen Airbag im Armband.

Experten der Medizinischen Hochschule Hannover hoben im September 2026 die Vorteile dieser Manschetten-Messtechnologie hervor. Im Gegensatz dazu deklariert Honor die neue Watch 6 Pro, die ĂŒber Funktionen zur Erkennung möglicher HerzstillstĂ€nde verfĂŒgt, ausdrĂŒcklich nicht als Medizinprodukt.

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Apple hat mit der Series 12 die Messfrequenz fĂŒr Vitalwerte erhöht; so wird die HerzfrequenzvariabilitĂ€t (HRV) nun deutlich hĂ€ufiger erfasst als bei VorgĂ€ngermodellen. Ein Praxistest von Ende September 2026 zeigt jedoch, dass die Interpretation dieser Werte, etwa durch den sogenannten Readiness-Score, eine lĂ€ngere Kalibrierungsphase erfordert.

Trotz der technologischen Fortschritte bleibt die Integration in den medizinischen Alltag eine HĂŒrde. Laut Daten der Stanford-Medizin stieg die Wearable-Nutzung bei Erwachsenen in den USA bis 2024 auf ĂŒber 40 %.

Dennoch teilen lediglich ca. 20 % der Nutzer diese Daten mit ihren Ärzten. Zwar prĂŒfen laut einer Umfrage 86 % der US-Ärzte mindestens eine Art von Wearable-Daten, doch nur etwa 6 % haben diese fest in ihre klinischen Workflows integriert.

Zudem weisen Mediziner, wie ein Facharzt des MVZ CCB Frankfurt im Rahmen des Weltherztages erlÀuterte, darauf hin, dass digitale Hilfsmittel und KI-basierte Auswertungen von HerzgerÀuschen eine fachÀrztliche Diagnose, etwa per Echokardiografie, weiterhin nicht ersetzen können.

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