Long Covid und Hirntraining: Klinische Studien belegen bislang keinen Nutzen
Veröffentlicht am: 30.10.2026 um 20:13 Uhr | Redaktion boerse-global.deZwischen Fachleuten und Betroffenen wird eine kontroverse Debatte darüber geführt, ob sich Symptome von Long Covid durch gezielte mentale Übungen und Hirntraining wieder verlernen lassen.
Der sogenannte neuroplastische Ansatz gilt laut einem Bericht von Ende Oktober 2026 als hochgradig umstritten. Die zugrunde liegende Hypothese besagt, dass das Gehirn die chronischen Beschwerden bei einem Nervensystem erlernt, das sich in einem dauerhaften Alarmzustand befindet.
Durch Methoden wie Meditation, gezielte Atemübungen und sogenanntes Somatic Tracking sollen Betroffene in die Lage versetzt werden, diese Reaktionsmuster wieder zu verlernen. Bislang fehlen in der klinischen Forschung allerdings wissenschaftliche Studien, die eine Wirksamkeit dieser Trainingsmethoden bei Long Covid belegen.
Widersprüchliche Erfahrungen zwischen Besserung und schweren Rückfällen
In der Praxis zeigen sich teils drastisch gegensätzliche Verläufe, die die Spaltung in der Fachwelt und unter Erkrankten verdeutlichen. Die 33-jährige Ärztin Jasna Cotting erkrankte Mitte 2023 und war rund sechs Monate krankgeschrieben. Nach ihren eigenen Angaben gelang ihr nach rund einem Jahr Hirntraining die Genesung.
Demgegenüber stehen Erfahrungen, die vor den Risiken eines unvorsichtigen Umgangs mit den eigenen Belastungsgrenzen warnen. Die Physiotherapeutin Sara Pezzotta ist seit 2023 krankgeschrieben. Sie gab das vorsichtige Haushalten mit ihren Kräften, das sogenannte Pacing, auf und erlitt in der Folge wiederholt schwere gesundheitliche Einbrüche.
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Anfang 2024 war sie mehrere Monate lang bettlägerig. Der Long-Covid-Experte Gregory Fretz vom Kantonsspital Graubünden verweist in diesem Zusammenhang auf das Phänomen der Post-Exertionellen Malaise: Ein Überschreiten der individuellen Energiegrenze kann demnach einen massiven Zustand der Erschöpfung auslösen, der Wochen oder sogar Monate andauern kann.
Zwischen fragwürdigem Marketing und der Suche nach Evidenz
Trotz der lückenhaften Studienlage greifen erste öffentliche Long-Covid-Sprechstunden den Ansatz des Hirntrainings inzwischen auf. Gleichzeitig wird die Methode im Umfeld komplexer chronischer Erkrankungen wie ME/CFS, Long Covid oder dem posturalen Tachykardiesyndrom (POTS) vielerorts mit großer Skepsis betrachtet und bisweilen als betrügerisch eingestuft.
Der Autor riceissa schilderte auf der Plattform LessWrong einen langwierigen Krankheitsverlauf, der 2019 nach einer viralen Infektion begann. Bis Mitte 2024 verschlechterte sich sein Zustand mit dutzenden Symptomen bis hin zu zeitweiser Bettlägerigkeit, während mehr als 30 konsultierte Ärzte und Therapeuten sowie über 100 verschiedene Behandlungen keine wesentliche Besserung brachten.
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Mitte 2024 begann er mit einem Hirntraining, das Meditation mit Elementen der Expositionstherapie verband. Über einen Zeitraum von zwei Jahren stellte sich eine langsame Besserung ein, wenngleich er noch nicht vollständig gesund sei.
Zugleich betonte er, dass seine Erfahrungen keineswegs auf andere Betroffene verallgemeinert werden könnten. Kommerzielle Trainingsprogramme funktionierten oft ähnlich wie Betrugsmodelle, da das Marketing gezielt auf verzweifelte Kranke treffe. Dennoch könnten sie in einem gewissen Rahmen legitim sein, wobei das Spektrum von seltenen Einzelerfolgen bis hin zu einem dringenden Bedarf an fundierterer wissenschaftlicher Forschung reiche.
