Lupus, MECFS

Lupus und ME/ CFS: Neuer Forschungsrahmen setzt sechs Monate Symptome voraus

Veröffentlicht am: 26.09.2026 um 06:30 Uhr | Redaktion boerse-global.de

Ein Kommentar schlägt Kriterien für die Forschung an Lupus mit ME/CFS-typischen Beschwerden vor, ausdrücklich ohne klinischen Diagnoseanspruch.

Lupus und ME/CFS: Neuer Forschungsrahmen grenzt Patientengruppe ein
Ein steriler Labortisch mit Glasgefäßen und einem Mikroskop in einer medizinischen Forschungsumgebung. Illustration mit AI erstellt.

In der medizinischen Forschung werden neue Ansätze diskutiert, um die diagnostische Lücke bei komplexen Autoimmunerkrankungen und chronischen Erschöpfungssyndromen zu schließen.

Ein im September 2026 im „Journal of Translational Medicine“ veröffentlichter Kommentar von Lotte Habermann-Horstmeier vom Villingen Institute of Public Health schlägt hierfür einen spezifischen Forschungsphenotyp vor. Dieser richtet sich an Patienten mit Systemischem Lupus erythematodes (SLE), die gleichzeitig Symptome aufweisen, die für das Myalgische Enzephalomyelitis/Chronische Fatigue-Syndrom (ME/CFS) charakteristisch sind.

Kriterien für den neuen Forschungskonstrukt

Der vorgeschlagene Phänotyp umfasst Lupus-Patienten, deren Symptomatik seit mindestens sechs Monaten besteht. Zu den Kernmerkmalen gehören eine deutliche Verschlechterung des Zustands nach körperlicher oder geistiger Belastung, nicht erholsamer Schlaf sowie kognitive Beeinträchtigungen oder eine orthostatische Intoleranz. Voraussetzung für diese Einordnung ist der Ausschluss anderer relevanter Komorbiditäten.

Habermann-Horstmeier betont, dass es sich bei diesem Vorschlag ausdrücklich um ein Forschungskonstrukt und nicht um eine klinische Diagnose handelt. Die theoretische, nicht-systematische Synthese basiert auf Daten aus Fachdatenbanken wie PubMed und Web of Science und enthält keine neuen experimentellen Ergebnisse.

Als mechanistische Pfeiler für diesen Phänotyp werden eine anhaltende Immunaktivierung, oxidativer Stress, Veränderungen der Mitochondrien sowie Endothelfunktionsstörungen und Dysautonomie angeführt. Während Befunde zu beeinträchtigter zellulärer Energetik und veränderter Hirnperfusion bei ME/CFS bereits dokumentiert sind, gelten sie für den Bereich Lupus derzeit noch als Hypothesen.

Komplexität des Systemischen Lupus erythematodes

Der Systemische Lupus erythematodes ist eine komplexe Multisystemerkrankung, von der zu etwa 90 Prozent Frauen betroffen sind, wobei die Diagnose häufig im Alter zwischen 20 und 40 Jahren gestellt wird. Das klinische Bild reicht von Hauterscheinungen wie dem Schmetterlingsausschlag über schwere Fatigue bis hin zu lebensbedrohlichen Organschäden. Unbehandelt drohen Komplikationen wie Lupusnephritis, Lungenbeteiligungen oder Beeinträchtigungen des Zentralnervensystems.

Die therapeutische Strategie zielt auf die Entzündungskontrolle ab. Während bei leichten Verläufen Antimalariamittel und niedrig dosierte Steroide eingesetzt werden, erfordern schwere Organbeteiligungen hochdosierte Steroide, Immunsuppressiva oder Biologika.

Anzeige

Bei Lupus und ME/CFS überschneiden sich die Symptome oft so stark, dass Betroffene jahrelang ohne klare Einordnung bleiben. Ein neuer Forschungsrahmen setzt jetzt sechs Monate anhaltender Symptome voraus und benennt vier Kernmerkmale — als Forschungskonstrukt, nicht als Diagnose. Unser kostenloser Leitfaden erklärt die Kriterien Schritt für Schritt und ordnet die aktuelle Studienlage ein. Kostenlosen Leitfaden jetzt anfordern

Aktuelle Entwicklungen in der Arzneimittelforschung

Trotz intensiver Forschung verlaufen klinische Studien im Bereich Lupus nicht immer erfolgreich. Wie im September 2026 bekannt wurde, stellte das Unternehmen Immunovant die Entwicklung des FcRn-Inhibitors Imeroprubart (IMVT-1402) für die Indikation des kutanen Lupus erythematodes (CLE) ein.

In einer randomisierten, doppelblinden Studie mit 57 Erwachsenen verfehlte der Wirkstoff den primären Endpunkt, da keine statistisch signifikante Verbesserung des CLASI-A-Scores in Woche 12 erreicht wurde.

Parallel dazu diskutieren Experten im „The Lancet“ Ergebnisse zum TLR7/8-Inhibitor Enpatoran. In der sogenannten WILLOW-Studie (Kohorte B) wurde der primäre Endpunkt hinsichtlich einer Dosis-Wirkungs-Beziehung nicht erreicht, obwohl höhere Ansprechraten bei den BICLA-Kriterien verzeichnet wurden. Die Autoren vermuten hier eher ein pharmakodynamisches Plateau als eine fehlende biologische Aktivität.

Perspektiven für die Lupus-Nephritis und ME/CFS-Forschung

Die Forschungspipeline für spezifische Komplikationen wie die Lupus-Nephritis bleibt dennoch umfangreich. Marktberichte identifizieren derzeit über 35 Unternehmen, die an mehr als 42 Prüftherapien arbeiten. Zu den fortgeschrittenen Projekten gehören der Anti-BAFF-Rezeptor-Antikörper Ianalumab von Novartis in Phase III sowie neuartige Ansätze wie die allogene Zelltherapie CNTY-101 von Century Therapeutics.

Anzeige

Warum laufen so viele Lupus-Studien ins Leere, während Betroffene weiter auf wirksame Therapien warten? Ein aktueller Übersichtsbeitrag zeigt, wie uneinheitlich Studienpopulationen bisher zusammengesetzt sind — und schlägt einen engeren Forschungsphenotyp vor, der Lupus-Patienten mit ME/CFS-typischen Symptomen über mindestens sechs Monate zusammenfasst. Unser Leitfaden fasst zusammen, was das für die Einordnung laufender und gescheiterter Wirkstoffprogramme bedeutet. Leitfaden zur Studienlage anfordern

Ergänzend dazu liefern Studien des Icahn School of Medicine at Mount Sinai wichtige Erkenntnisse zur Physiologie von ME/CFS. In einer Untersuchung mit 49 Erwachsenen zwischen August 2021 und Juli 2025 wurde bei fast der Hälfte der Probanden ein Erythrozytenvolumendefizit festgestellt.

Zudem zeigten 55 Prozent der Teilnehmer orthostatische Auffälligkeiten wie das posturales orthostatisches Hypokapnie-Syndrom (POSH) oder POTS. Diese Befunde unterstreichen die Notwendigkeit, dynamische Messungen der Hirnperfusion und der autonomen Regulation stärker in die Forschung zu integrieren, um die Überschneidungen zwischen Autoimmunität und chronischer Fatigue besser zu verstehen.

Disclaimer...

de | wissenschaft | 70185615 |