Bayern, Deutschland

Wildschweine durch Atomwaffentests deutlich belastet

30.08.2023 - 17:05:42

Man hört das immer wieder: Jahrzehnte nach Tschernobyl sind Wildschweine vor allem in Bayern teils noch radioaktiv hoch belastet. Aber ist der Grund wirklich nur die Reaktor-Katastrophe von 1986?

Die teils hohe radioaktive Belastung von Wildschweinen vor allem in Bayern geht einer Studie zufolge zu einem unerwartet hohen Teil auf Atomwaffenversuche zurĂŒck - und damit nicht nur auf die Reaktor-Katastrophe von Tschernobyl. Der sogenannte Fallout habe sich weltweit verteilt - und auch in Bayern Niederschlag gefunden, erlĂ€utern die Wissenschaftler im Fachmagazin «Environmental Science & Technology».

Teils stammten zwei Drittel des radioaktiven CĂ€siums in den untersuchten Tieren aus Atomwaffenversuchen, die vor allem in den 1950er Jahren oberirdisch gezĂŒndet wurden.

EU-Grenzwert weit ĂŒberschritten

Die Forscher um den Radioökologen Georg Steinhauser von der Technischen UniversitĂ€t Wien hatten rund 50 in Bayern erlegte Wildschweine aus den Jahren 2019 bis 2021 untersucht und dabei eine Belastung mit dem radioaktiven Isotop CĂ€sium-137 von 370 bis zu 15.000 Becquerel pro Kilogramm festgestellt. Damit wurde der EU-Grenzwert fĂŒr den Verzehr um das bis zu 25-fache ĂŒberschritten. Er liegt bei 600 Becquerel.

Bisher sei angenommen worden, dass der Reaktorunfall von Tschernobyl 1986 die Hauptquelle fĂŒr CĂ€sium-137 in freier Wildbahn sei, erlĂ€utern die Wissenschaftler um Steinhauser. Nun aber stellten sie bei einer detaillierten Analyse der Isotope fest, dass das bei Atomwaffentests entstandene CĂ€sium-137 erheblich zur Belastung der Wildschweine beitrĂ€gt. Es sei die erste Studie, die das CĂ€sium aus Atomwaffentests quantifiziere, sagte Steinhauser der Deutschen Presse-Agentur.

Rat fĂŒr JĂ€ger und Pilzsammler

CĂ€sium-137 ist ein radioaktives Isotop, das nicht in der Natur vorkommt. Es kann sich nach Angaben des Deutschen Krebsforschungszentrums (DKFZ) im Knochengewebe einlagern und dort das Erbgut schĂ€digen. Langfristig kann das zu Knochenkrebs und LeukĂ€mie fĂŒhren. JĂ€ger und auch Pilzsammler sollten sich ĂŒber ihre zusĂ€tzliche Strahlendosis durch den Verzehr von Wildpilzen und Wildbret informieren, schreibt das Bundesamt fĂŒr Strahlenschutz (BfS) auf seiner Internetseite.

Etwa 10 Prozent des radioaktiven CĂ€siums in Bayern gehen laut Steinhauser nach frĂŒheren SchĂ€tzungen auf die Atomwaffentests zurĂŒck, etwa 90 Prozent auf Tschernobyl. Dennoch stammte das CĂ€sium in den Wildschweinen zu bis zu 68 Prozent aus Atomwaffen - ein erstaunlich hoher Anteil. Um die Herkunft der radioaktiven Belastung festzustellen, bestimmten die Forscher das VerhĂ€ltnis von CĂ€sium-135 zu CĂ€sium-137.

«Selbst wenn es Tschernobyl nicht gegeben hĂ€tte, wĂŒrden einige Proben den Grenzwert ĂŒberschreiten», sagte Steinhauser. «Verantwortlich dafĂŒr dĂŒrfte der HirschtrĂŒffel sein, der unterirdisch lebt.» Weil das CĂ€sium nur langsam durch den Boden wandere, komme es erst spĂ€t bei dem Pilz an. «So erklĂ€rt sich, dass das "alte" CĂ€sium ĂŒberproportional im Wildschwein ist - das Tschernobyl-CĂ€sium ist beim HirschtrĂŒffel noch gar nicht in vollem Ausmaß angekommen.» Vor allem wenn das Futter an der OberflĂ€che gegen Ende des Winters knapp werde, mĂŒssten die Tiere graben und sich von dem Pilz ernĂ€hren. Das erklĂ€re auch, warum im Winter geschossene Schweine tendenziell stĂ€rker kontaminiert waren.

Die Folgen von oberirdischen Atomwaffentests

Atomwaffen waren vor allem in den 1950er Jahren bis 1963 von den USA und der Sowjetunion oberirdisch getestet worden. Daraus stamme der Hauptanteil der radioaktiven Belastung, spĂ€tere Tests hĂ€tten eine untergeordnete Bedeutung, sagte Steinhauser. Das zeige allerdings auch, wie hoch die Belastung damals gewesen sein muss. Denn CĂ€sium-137 hat eine Halbwertszeit von 30 Jahren. Damit sind heute ohnehin nur noch 25 Prozent dieses radioaktiven CĂ€siums ĂŒbrig. Von Tschernobyl dĂŒrften demnach noch rund 42 Prozent vorhanden sein.

Erst am Montag hatte das BfS berichtet, dass vor allem in Bayern weiter viele Pilze mit radioaktivem CĂ€sium belastet sind. Betroffen seien vor allem Gebiete im SĂŒden und Osten Bayerns, wo sich nach der Reaktor-Katastrophe von Tschernobyl deutschlandweit am meisten radioaktives CĂ€sium ablagerte. Bei bestimmten Pilzen wurden bei Untersuchungen in den Jahren 2019 bis 2021 bis ĂŒber 4000 Becquerel CĂ€sium-137 pro Kilogramm Frischmasse gemessen. Hier wurde aber nicht untersucht, ob das CĂ€sium auch von Atomwaffentests stammte.

@ dpa.de