Medikamente, Wartezeit

Medikamente: Wartezeit in Europa wÀchst auf 597 Tage

23.06.2026 - 04:42:34 | boerse-global.de

Die Wartezeit auf neue Arzneien in Europa ist auf durchschnittlich 597 Tage gestiegen. Eine Studie zeigt zudem massive gesellschaftliche Kosten durch Verzögerungen auf.

Medikamentenversorgung in Europa: Wartezeiten steigen drastisch an
Medikamente - HĂ€nde von Patienten, die nach einem verschwommenen, leuchtenden Medikament greifen, im Hintergrund ein Krankenhausflur. 23.06.2026 - Bild: ĂŒber boerse-global.de

Eine aktuelle Studie des europĂ€ischen Pharmaverbands EFPIA zeigt: Zwischen Zulassung und VerfĂŒgbarkeit eines neuen PrĂ€parats vergehen in Europa durchschnittlich 597 Tage. 2019 waren es noch 504 Tage. Der Kontinent verliert an AttraktivitĂ€t – knapp ein Viertel der globalen Forschungsinvestitionen sind abgewandert.

Dabei lohnt sich die Investition in neue Arzneien enorm. Jeder ausgegebene Euro bringt einen gesellschaftlichen Nutzen von 5,67 Euro. Die Bilanz der untersuchten Jahre (2014 bis 2022, 29 LĂ€nder) spricht fĂŒr sich: 1,83 Millionen weniger verlorene Lebensjahre, 20,9 Millionen eingesparte Krankenhaustage, ProduktivitĂ€tsgewinne von 38 Milliarden Euro und Pflegeeinsparungen von 19 Milliarden Euro.

Deutschland bremst die Forschung aus

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Die Branche blickt mit Sorge auf das GKV-Beitragssatzstabilisierungsgesetz. Der dynamische Herstellerabschlag, den das Gesetz vorsieht, konterkariere die Biotech-Roadmap der Bundesregierung, kritisiert der Verband Pharma Deutschland. Ab 2027 droht ein Abschlag von 1,1 Milliarden Euro, der bis 2030 auf rund 5,5 Milliarden Euro steigen könnte. Langfristig, so die Prognose, sind bis 2040 AbschlÀge von 50 Prozent möglich.

Die Folge: Das Investitionsklima fĂŒr klinische Studien und digitale Innovationen leidet. Niko Andre, Deutschland-Chef von AstraZeneca, warnte am Montag: Kurzfristige Einsparungen gefĂ€hrdeten die langfristige InnovationsfĂ€higkeit. BranchengrĂ¶ĂŸen wie Boehringer Ingelheim und Eli Lilly haben bereits Investitionsstopps angekĂŒndigt. Gesundheitsministerin Nina Warken (CDU) konterte am Sonntag: Die Industrie mĂŒsse weiter zur Kostensenkung der Krankenkassen beitragen. Sie arbeite aber an einem fixen statt dynamisch steigenden Abschlag – fĂŒr mehr Planungssicherheit.

Vertrauen der Bevölkerung ist am Boden

Die Skepsis sitzt tief. Eine Civey-Umfrage unter 5.000 Teilnehmern zeigt: 72,7 Prozent haben wenig oder kein Vertrauen in die Arzneimittelpolitik. Fast jeder Zweite bekam in den letzten sechs Monaten ein gewĂŒnschtes Medikament in der Apotheke nicht.

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Besonders prekĂ€r ist die Lage bei der Grundversorgung. Der Bericht „Generika in Zahlen 2025“ belegt: Generika decken 81 Prozent der Versorgung ab, verursachen aber nur 6 Prozent der Kosten. Doch neue AbhĂ€ngigkeiten drohen. Ein geplantes EU-weites Anwendungsverbot von Kalkstickstoff in der Landwirtschaft gefĂ€hrdet die Produktion des Diabetes-Medikaments Metformin. Der nötige Vorstoff DCD wird in Europa nur noch an einem Standort in Bayern hergestellt. FĂ€llt er weg, droht die vollstĂ€ndige AbhĂ€ngigkeit von China. Ein Ausweichen auf Alternativwirkstoffe wĂŒrde die Kosten von 350 Millionen auf 1,8 Milliarden Euro explodieren lassen.

China holt in der Forschung auf

Auch global verschieben sich die KrĂ€fte. Die USA dominieren 2025 mit 53 Prozent Marktanteil (Europa: 24 Prozent). Doch in der frĂŒhen Medikamentenentwicklung schwindet der US-Vorsprung. Eine Georgetown-Studie zeigt: Der US-Anteil an frĂŒhen Entwicklungen sank zwischen 2015 und 2024 von 48 auf 37 Prozent. China vervierfachte seinen Anteil im selben Zeitraum von 8 auf 32 Prozent. FĂŒhrungskrĂ€fte sehen vor allem KĂŒrzungen bei der Forschungsfinanzierung und instabile Lieferketten als grĂ¶ĂŸte Risiken fĂŒr die westliche Marktposition.

de | wissenschaft | 69607355 |