Medikamenten-Mix: Medikationsanalysen können Nebenwirkungen um 70 Prozent senken
Veröffentlicht am: 25.09.2026 um 05:09 Uhr | Redaktion boerse-global.de
Die parallele Einnahme von verschreibungspflichtigen Medikamenten und frei verkäuflichen Präparaten birgt erhebliche gesundheitliche Risiken. Aktuelle Fachinformationen und Untersuchungen verdeutlichen, dass insbesondere Wechselwirkungen und strikte Kontraindikationen bei Vorerkrankungen oft unterschätzt werden.
Während Arzneimittel strengen Zulassungsverfahren unterliegen, weisen Experten bei Nahrungsergänzungsmitteln (NEM) auf erhebliche Sicherheits- und Wirksamkeitslücken hin.
Wirksamkeit und Inhaltsstoffe in der Kritik
Untersuchungen von Fachmedien wie Öko-Test (Ausgabe 10/2026) zeigen deutliche Qualitätsunterschiede bei Präparaten gegen Wechseljahresbeschwerden. In einem Test von sechs pflanzlichen Arzneimitteln und 17 Nahrungsergänzungsmitteln rieten die beauftragten Pharmazeuten vom Kauf der NEM ab, da für diese kein Wirksamkeitsbeleg erforderlich ist. Im Gegensatz dazu gilt die Wirkung von Traubensilberkerze und Rhapontikrhabarber gegen Hitzewallungen als gut belegt.
Kritik übten die Prüfer auch an problematischen Hilfsstoffen. Drei der untersuchten Arzneimittel enthielten Talkum, das von der ECHA als wahrscheinlich krebserregend eingestuft wird. In zwei Präparaten wurde Titandioxid nachgewiesen, welches in der EU seit 2022 in Lebensmitteln verboten ist.
Zudem betonten die Experten, dass bei spezifischen Erkrankungen wie Brustkrebs Isoflavon-Präparate gemieden und ärztliche Rücksprache gehalten werden sollte. Laut der S3-Leitlinie Peri- und Postmenopause können zwar mindestens 30 mg Isoflavone täglich Beschwerden lindern, doch bergen kombinierte Pflanzenstoffe zusätzliche Wechselwirkungsrisiken.
Polypharmazie und die Bedeutung der Medikationsanalyse
Ein hohes Risiko besteht für Patientengruppen, die dauerhaft mehrere Medikamente einnehmen müssen. Eine Studie der Harvard Medical School ergab, dass rund 40 % der Krebspatienten mindestens fünf Medikamente gleichzeitig nutzen.
Bei 38 % der Betroffenen wurde bereits bei der Diagnose mindestens ein potenziell ungeeignetes Medikament (PIM) festgestellt, darunter häufig SSRI, Opioide oder Benzodiazepine. Jede zusätzliche PIM-Verordnung erhöhte die Wahrscheinlichkeit für Gebrechlichkeit um 66 % und war mit einem höheren Risiko für ungeplante Klinikaufenthalte assoziiert.
Wer regelmäßig verschiedene Präparate einnimmt, sollte die potenziellen Risiken und Wechselwirkungen seiner Medikamente genau kennen. Dieser kostenlose Ratgeber enthüllt, welche Wirkstoffe im Alter riskant werden können und welche sicheren Alternativen existieren. Gefährliche Medikamente erkennen und sicher ersetzen
Um diesen Gefahren zu begegnen, weisen die MedUni Wien und die Apothekerkammer Österreich auf den Nutzen strukturierter Medikationsanalysen hin. Eine entsprechende Studie belegt, dass solche Analysen rund 70 % der unerwünschten Wirkungen vermindern und die Anzahl der eingenommenen Präparate um 10 % senken können. Die Apothekerkammer fordert daher, diese Leistung als Kassenleistung zu etablieren.
Risiken bei hochdosierten Vitaminen und pflanzlichen Präparaten
Besondere Vorsicht ist bei der Supplementierung von Vitamin D geboten. Der Endokrinologe Helmut Schatz hält eine tägliche Dosis von 800 bis maximal 2.000 I. E. für unbedenklich, warnt jedoch vor Mengen über 4.000 I. E., die über längere Zeit toxisch wirken und Hyperkalzämie sowie Nieren- und Herzschäden verursachen können.
Die Giftnotzentrale verzeichnete im Jahr 2022 insgesamt 162 Fälle von Vitamin-D-Vergiftungen. Dr. Felix Bertram ergänzte, dass eine Überdosierung meist durch die Kombination mehrerer Produkte entstehe und nicht durch natürliche Quellen wie Sonnenlicht.
Die richtige Interpretation von Blutwerten ist entscheidend, um Überdosierungen zu vermeiden und Mängel gezielt auszugleichen. Erfahren Sie in diesem kostenlosen 25-Seiten-Report, welche Laborwerte wirklich wichtig sind und wie Sie Ihre Gesundheit aktiv schützen. Kostenlosen Laborwerte-Selbstcheck jetzt anfordern
Auch vermeintlich harmlose Pflanzenstoffe wie Ashwagandha können schwerwiegende Folgen haben. Berichtet wird über den Fall einer 44-jährigen Patientin aus Großbritannien, die nach einjähriger Einnahme ein akutes Leberversagen erlitt und eine Transplantation benötigte. Obwohl schwere Leberschäden durch dieses Gewächs selten sind, ist das Risiko in der Fachliteratur bereits beschrieben.
Nährstoffversorgung und Verbraucherverhalten
Die Versorgungslage in der Bevölkerung ist heterogen. Laut einer Augsburger Bevölkerungsstudie ist jeder Vierte über 65 Jahren schlecht mit Vitamin B12 versorgt. Die Deutsche Gesellschaft für Ernährung (DGE) empfiehlt Erwachsenen eine tägliche Zufuhr von 4 µg Vitamin B12 sowie einen Magnesiumbedarf von 300 mg für Frauen und 350 mg für Männer.
Die Ärztin Constanze Lohse wies darauf hin, dass gängige Medikamente wie Säureblocker oder Metformin die Aufnahme dieser Nährstoffe zusätzlich beeinträchtigen können.
Trotz dieser Risiken ist das Informationsbedürfnis hoch. Eine repräsentative Umfrage von Civey und Pharma Deutschland unter 5.000 Bürgern zeigt, dass über 37 % der Befragten mehr Informationen zu Wechselwirkungen wünschen. Bei der Kaufentscheidung für rezeptfreie Mittel spielt die Apothekenberatung für 38,8 % eine zentrale Rolle, wobei das Vertrauen in die Vor-Ort-Apotheke insbesondere bei Menschen ab 65 Jahren mit 38,3 % stark ausgeprägt ist.
