Medikamentenversorgung, Hause

Medikamentenversorgung zu Hause: Bei jedem zweiten Pflegebedürftigen passieren Fehler

Veröffentlicht am: 06.10.2026 um 04:48 Uhr | Redaktion boerse-global.de

Eine ZQP-Befragung dokumentiert häufige Anwendungsfehler, gesundheitliche Folgen und hohe psychische sowie körperliche Belastungen für Angehörige.

ZQP-Erhebung zeigt Medikamentenfehler und Belastungen in der häuslichen Pflege
Ein leerer Holztisch in einem sonnendurchfluteten Wohnraum mit einem einzelnen Wasserglas und einer Keramikschale. Illustration mit AI erstellt.

Die Arzneimittelversorgung im häuslichen Pflegealltag weist erhebliche Sicherheitslücken auf. Bei jedem zweiten Pflegebedürftigen wurden in den vergangenen sechs Monaten Medikamente fehlerhaft oder gar nicht angewendet. Dies ergab eine bundesweite Erhebung des Zentrums für Qualität in der Pflege (ZQP) vom 4. Oktober 2026, die auf Auskünften von 1.012 pflegenden Angehörigen im Alter von 40 bis 85 Jahren beruht. In 19 Prozent der erfassten Fälle traten entsprechende Anwendungsfehler wiederholt auf.

Risikofaktor Polymedikation und logistische Hürden

Ein wesentlicher Treiber für Anwendungsrisiken ist die gleichzeitige Einnahme mehrerer Präparate: 59 Prozent der Pflegebedürftigen nehmen dauerhaft fünf oder mehr Medikamente ein. Erschwerend kommt hinzu, dass 85 Prozent der Betroffenen fast immer Unterstützung bei komplexeren Alltagstätigkeiten benötigen.

Neben der Verabreichung selbst bereitet auch die Organisation der Arzneimittelbestände Schwierigkeiten. 26 Prozent der befragten Angehörigen berichteten von mehrfach aufgetretenen Problemen mit abgelaufenen oder nicht auffindbaren Arzneimitteln sowie über Verzögerungen durch fehlende ärztliche Rezepte.

Auswirkungen auf Notaufnahmen und Stürze

Die Defizite in der Versorgung spiegeln sich in hohen gesundheitlichen Belastungen wider. Laut ZQP erlitten 36 Prozent der Pflegebedürftigen in den vergangenen zwölf Monaten einen Sturz, der mit Verletzungen einherging. Im selben Zeitraum mussten 36 Prozent mindestens eine Notfall-Krankenhausaufnahme bewältigen. Insgesamt verzeichneten 51 Prozent der Pflegebedürftigen innerhalb von zwölf Monaten mindestens einen stationären Krankenhausaufenthalt.

Hohe Belastung pflegender Angehöriger

Die Verantwortung für die häusliche Versorgung führt bei Angehörigen zu signifikanten Einschränkungen. Nach Angaben des ZQP fühlen sich 53 Prozent der pflegenden Angehörigen psychisch und 38 Prozent körperlich belastet.

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Um die Betreuung zu gewährleisten, verschieben 61 Prozent eigene Vorhaben, während 42 Prozent von einer Vernachlässigung sozialer Beziehungen berichten. Bei der Betreuung von Personen mit Demenz verstärkt sich die Belastung weiter: Hier gaben 71 Prozent der Angehörigen eine psychische und 47 Prozent eine körperliche Beanspruchung an.

Gesetzliche Rahmenbedingungen und strukturelle Faktoren

Auf gesetzgeberischer Ebene befasste sich die Politik mit den Rahmenbedingungen der Pflegenden: Das Bundeskabinett beschloss das Pflegekompetenzgesetz (PNOG). Dabei wurde eine ursprünglich vorgesehene Kürzung der Rentenbeiträge, nach der ab 2027 nur 70 Prozent der beitragspflichtigen Einnahmen hätten berücksichtigt werden sollen, gestrichen.

Parallel zu den Herausforderungen in der Versorgung weisen Krankenkassendaten auf strukturelle Kontrolldefizite im Sektor hin. Nach Angaben der KKH Kaufmännische Krankenkasse belief sich der Gesamtschaden durch Betrugsdelikte in den Jahren 2024 und 2025 bundesweit auf über 8 Millionen Euro, was den höchsten Zweijahreswert markiert. 1,3 Millionen Euro forderte die Kasse in diesem Zeitraum zurück; zudem wurden im Jahr 2025 18 Strafanzeigen gestellt.

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Die höchsten Einzelschäden im Jahr 2025 verzeichnete die Kasse bei Apotheken mit über 875.000 Euro, gefolgt von ambulanten Pflegediensten mit über 844.000 Euro sowie Transportunternehmen mit 381.000 Euro. Von den 605 neuen Verdachtshinweisen, die im Jahr 2025 registriert wurden, entfielen 395 und somit 65 Prozent auf den Pflegesektor.

Eine begleitende forsa-Umfrage für die KKH ergab, dass 65 Prozent der Bevölkerung im Alter von 18 bis 70 Jahren das Gesundheitswesen für betrugsanfällig und 22 Prozent für sehr anfällig halten. 67 Prozent nahmen bereits Unregelmäßigkeiten wahr, während 74 Prozent angaben, nicht über die Möglichkeit einer anonymen Meldung informiert zu sein.

Nach Angaben des Spitzenverbands der gesetzlichen Krankenversicherung lagen die gesamten Leistungsausgaben der gesetzlichen Kranken- und Pflegeversicherung im Jahr 2025 bei rund 410 Milliarden Euro; der finanzielle Gesamtschaden bei den Kranken- und Pflegekassen belief sich in den Jahren 2022 und 2023 zusammen auf über 200 Millionen Euro.

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