Menopause und Laborwerte: 52 von 90 Parametern verändern sich abrupt
Veröffentlicht am: 22.10.2026 um 10:34 Uhr | Redaktion boerse-global.deVeränderungen im Hormonhaushalt bestimmen maßgeblich, wie und wo der menschliche Körper Fettgewebe einlagert. Insbesondere bei Frauen ab 50 Jahren führen Verschiebungen von Botenstoffen wie Östrogen, Cortisol und Insulin dazu, dass sich Fett vermehrt in der Bauchregion ansammelt.
Herkömmliche kalorienreduzierte Diäten erweisen sich bei diesem hormonell bedingten Bauchfett häufig als wirkungslos, da die Ursache primär in metabolischen Umstellungen und nicht in mangelnder Disziplin liegt.
Hormonelle Umstellung steuert die Fettspeicherung
Die Entstehung von abdominalem Fettgewebe ab dem 40. Lebensjahr ist nach Angaben der US-Endokrinologin Ana MarĂa Kausel nicht auf ĂĽbermäßige Nahrungsaufnahme zurĂĽckzufĂĽhren. Die Perimenopause setze oft bereits bis zu zehn Jahre vor der eigentlichen Menopause ein; die einsetzenden Schwankungen von Ă–strogen und Progesteron veränderten die Fettverteilung grundlegend.
Ein möglicher Zusammenhang zwischen dem Anstieg des follikelstimulierenden Hormons (FSH) und Veränderungen im Fettgewebe sei zwar in Studien beobachtet worden, ein direkter kausaler Effekt auf viszerales Fett gelte jedoch als noch nicht vollständig belegt.
Auch Mediziner Dr. Carlos Blanco-Soler von Hospiten Roca verweist darauf, dass mindestens 50 Prozent der Frauen in den Wechseljahren eine Gewichtszunahme von etwa 7 bis 10 Prozent erleben, die vor allem mit viszeralem Fett einhergeht. Sinkende Ă–stradiolspiegel bewirken, dass sich Fettdepots von den HĂĽften und Oberschenkeln in den Bauchraum verlagern.
Kim Chung-hee von der Einrichtung Dite Hanuiwon Changwon betont ebenfalls, dass die abnehmende Ă–strogenproduktion in den Wechseljahren die Fettverbrennung verlangsamt und die Insulinresistenz steigert.
Radikale Reduktionsdiäten führten in dieser Lebensphase primär zum Verlust von Muskelmasse sowie einer Senkung des Grundumsatzes. In Südkorea gilt bei Frauen ein Taillenumfang ab 85 Zentimetern als abdominale Adipositas, wobei dieser Messwert das kardiovaskuläre Risiko zuverlässiger anzeigt als der Body-Mass-Index.
Erhöhte Risiken für Stoffwechsel und Gefäße
Die hormonell bedingte Zunahme von viszeralem Fett hat spürbare klinische Konsequenzen. Blanco-Soler warnt vor einem steigenden Risiko für Insulinresistenz, Typ-2-Diabetes, Dyslipidämie, Fettleber und Herz-Kreislauf-Erkrankungen.
Prof. Julia Szendrödi, Präsidentin der Deutschen Diabetes Gesellschaft (DDG), stellt klar, dass die Wechseljahre zwar Typ-2-Diabetes nicht direkt auslösen, aber metabolische Bedingungen begünstigen, die das Erkrankungsrisiko drastisch erhöhen.
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Diese Veränderungen setzten häufig ein, bevor Cholesterin- oder Blutdruckwerte auffällig werden. Nach Angaben der DDG zeigen internationale Studien, dass Frauen mit einer frühen Menopause vor dem 45. Lebensjahr ein um rund 30 Prozent höheres Risiko für Typ-2-Diabetes aufweisen.
Für Frauen mit Typ-1-Diabetes stellt diese Phase zusätzliche Anforderungen dar. Prof. Susanne Reger-Tan vom Herz- und Diabeteszentrum Bochum weist darauf hin, dass sich der Insulinbedarf und die Glukosemuster in den Wechseljahren stark verändern können. Zudem betont die DDG, dass Hitzewallungen leicht mit Unterzuckerungen verwechselt werden können, weshalb häufigere Blutzuckermessungen ratsam sind.
Fachgesellschaften empfehlen in der Lebensmitte umfassende Kontrollen von Nüchternglukose, HbA1c-Wert, Blutdruck, Blutfetten, Gewicht, Taillenumfang und Leberwerten. Der Fachverband befasst sich unter anderem auf seiner Herbsttagung vom 13. bis 14. November 2026 in Dresden mit diesen Zusammenhängen.
Umfassende Veränderungen im Laborbild und Handlungsansätze
Wie tiefgreifend die Umstellung ist, zeigt eine im Fachjournal Nature Medicine veröffentlichte Untersuchung eines Teams um Uri Alon vom Weizmann Institute.
Anhand von über 300 Millionen Labordaten von mehr als einer Million Frauen aus den USA (1999–2022) und Israel (2004–2024) stellten die Forschenden fest, dass sich bei 52 von 90 Laborparametern rund um die Menopause abrupte Veränderungen zeigen – unter anderem bei Leber- und Nierenwerten, Blutfetten und Sexualhormonen.
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Das Anti-Müller-Hormon fiel dabei im Schnitt bereits etwa 15 Jahre vor der Menopause ab, Östradiol rund 12 Jahre davor, während FSH etwa 14 Jahre vor dem Ereignis anstieg. Bei Frauen unter Hormontherapie fielen diese Ausschläge schwächer aus. Petra Stute und Peyman Hadji sehen in diesen Studienergebnissen jedoch keinen Anlass für neue klinische Handlungsempfehlungen.
Therapeutisch raten Fachleute zu langfristigen Verhaltensanpassungen statt kurzfristiger Diäten. Kausel empfiehlt, die Muskelmasse nach dem 40. Lebensjahr durch progressives Krafttraining gezielt zu erhalten, auf ausreichenden Schlaf zu achten und auf ein moderates Energiedefizit anstelle extremer Diäten zu setzen, ohne dabei Kohlenhydrate pauschal zu meiden.
Eine Hormonersatztherapie stelle zudem kein automatisches Mittel gegen Bauchfett dar. Nach Einschätzung von Blanco-Soler erweitern moderne Wirkstoffe wie Semaglutid und Tirzepatid sowie das in der Erforschung befindliche Retatrutid künftig die medizinischen Optionen zur Adipositasbehandlung.
