Millionen, Schilddrüsenhormone

Millionen Deutsche nehmen Schilddrüsenhormone – oft unnötig

25.05.2026 - 15:30:34 | boerse-global.de

Die RELEASE-Studie zeigt: Viele ältere Patienten können L-Thyroxin sicher absetzen. Neue Leitlinien raten zu strengeren Kriterien.

Millionen Deutsche nehmen Schilddrüsenhormone – oft unnötig - Foto: über boerse-global.de
Millionen Deutsche nehmen Schilddrüsenhormone – oft unnötig - Foto: über boerse-global.de

Neue Studien zeigen: Viele Senioren könnten auf Levothyroxin verzichten. Ein Umdenken in der Behandlung beginnt.

Rund neun Millionen Verschreibungen jährlich – Levothyroxin (L-Thyroxin) gehört zu den am häufigsten verordneten Medikamenten in Deutschland. Besonders ältere Menschen nehmen die Schilddrüsenhormone oft über Jahre, manchmal Jahrzehnte. Doch eine wachsende Zahl von Studien aus den Jahren 2024 bis 2026 stellt diese Praxis infrage. Die Erkenntnis: Bei vielen Senioren mit leichter oder subklinischer Schilddrüsenunterfunktion könnte die Behandlung schlicht überflüssig sein.

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Der Grund liegt in der natürlichen Alterung des Körpers. Der TSH-Wert, der die Schilddrüsenaktivität steuert, steigt mit zunehmendem Lebensalter ganz von selbst an. Werden die üblichen Labor-Referenzwerte angelegt, führt das schnell zu einer Überdiagnose. Neue Leitlinien raten Ärzten daher zu einem individuelleren Vorgehen – und in manchen Fällen zum kontrollierten Absetzen der Medikation.

Die RELEASE-Studie: Absetzen ist machbar

Eine wegweisende Untersuchung, die im April 2026 im Fachjournal JAMA veröffentlicht wurde, liefert erstmals belastbare Zahlen. Die niederländische RELEASE-Studie begleitete 370 Erwachsene ab 60 Jahren, die seit mindestens einem Jahr eine stabile Dosis Levothyroxin einnahmen. Alle Teilnehmer hatten einen TSH-Wert unter 10 mIU/L – genau jene Gruppe, die Experten zufolge am häufigsten übertherapiert wird.

Das Ergebnis nach einem Jahr: 25,7 Prozent der Probanden konnten das Medikament vollständig absetzen, ohne dass ihre Schilddrüsenfunktion entgleiste. Entscheidend war die Dosis: Bei Patienten, die täglich 50 µg oder weniger einnahmen, gelang der Verzicht sogar bei fast 64 Prozent. Die Lebensqualität blieb in allen Fällen erhalten.

Die Forscher stellten zudem fest, dass die ursprüngliche Indikation für die Hormongabe bei vielen Patienten unklar war oder auf einer vorübergehenden TSH-Erhöhung beruhte, die sich von selbst normalisiert hätte. Die Schlussfolgerung: Für stabile Patienten über 60, besonders bei niedriger Dosierung, sollte ein kontrollierter Auslassversuch zum Standard gehören.

Die Risiken der Übertherapie

Warum überhaupt auf Hormone verzichten? Weil selbst eine milde Überdosierung ernste Folgen haben kann. Mediziner sprechen von einer iatrogenen Thyreotoxikose – einer durch Behandlung verursachten Schilddrüsenüberfunktion. Besonders ältere Menschen sind gefährdet, da ihr Körper das Hormon langsamer abbaut. Eine Dosis, die mit 50 Jahren noch richtig war, kann mit 80 bereits zu hoch sein.

Die Risiken im Überblick:

  • Herz-Kreislauf-Probleme: Überschüssiges L-Thyroxin begünstigt Vorhofflimmern und andere Herzrhythmusstörungen. Bei Senioren mit bestehenden Herzerkrankungen kann schon eine leichte Überdosierung gefährlich werden.
  • Knochengesundheit: Ein unterdrückter TSH-Wert beschleunigt den Knochenabbau. Bei Frauen nach den Wechseljahren und Männern über 70 steigt das Risiko für Osteoporose und Hüftbrüche deutlich an.
  • Kognitive Beeinträchtigungen: Aktuelle Forschung aus dem Frühjahr 2026 deutet auf einen Zusammenhang zwischen Übertherapie und einem erhöhten Risiko für kognitive Störungen hin. Zittern, Unruhe und Schlafprobleme sind weitere Warnsignale.

Die alte Devise „Liebe r behandeln als gar nicht" gilt für die ältesten Patienten nicht mehr. Bei Menschen über 80 könnte ein leicht erhöhter TSH-Wert sogar schützend wirken oder schlicht eine normale Altersanpassung darstellen.

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Neue Leitlinien für Deutschland

Die deutsche Versorgungsrealität spiegelt den internationalen Trend hoher Verschreibungszahlen. Daten der Rheinland Studie und anderer populationsbasierter Erhebungen zeigen: In bestimmten Kohorten liegt die L-Thyroxin-Verordnung bei bis zu 23 bis 24 Prozent, wobei Frauen deutlich häufiger behandelt werden als Männer. Mit rund neun Millionen Verordnungen im Jahr 2019 belegte das Medikament Platz vier der meistverschriebenen Arzneimittel in Deutschland.

Die medizinischen Fachgesellschaften reagieren. Die Französische Endokrinologische Gesellschaft schlug Ende 2025 eine pragmatische Faustregel vor: Der obere TSH-Grenzwert für Senioren entspricht dem Lebensalter geteilt durch zehn – für einen 70-Jährigen also 7,0 mIU/L. Die Europäische Schilddrüsenvereinigung (ETA) empfiehlt für Patienten über 80 mit milder Unterfunktion eine abwartende Haltung statt sofortiger Hormongabe.

Auch in Deutschland zeichnet sich ein Wandel ab. Ein im März 2025 veröffentlichter Prognosebericht für OECD-Länder schätzt, dass der Levothyroxin-Verbrauch hierzulande bis 2040 um 16,4 Prozent sinken könnte. Grund dafür sind strengere Verschreibungskriterien und ein wachsendes Bewusstsein der Hausärzte für die Risiken der Übertherapie.

Was das für Patienten bedeutet

Der Trend zum kontrollierten Absetzen ist ein Paradigmenwechsel. Die RELEASE-Studie zeigt zwar, dass rund ein Viertel der Patienten das Medikament absetzen kann – aber auch, dass drei Viertel weiterhin eine gewisse Supplementierung benötigen. Ein abruptes Absetzen ist nicht ratsam.

Die klinische Empfehlung für 2026 lautet: Bei stabilen Patienten über 60 mit TSH-Werten unter 10 mIU/L, insbesondere bei Tagesdosen von 50 µg oder weniger, sollten Ärzte einen stufenweisen Reduktionsversuch unternehmen. Alle sechs bis acht Wochen ist eine Laborkontrolle nötig.

Volkswirtschaftlich könnte der Verzicht auf unnötige Hormongaben die Krankenkassen entlasten und Lieferengpässe vermeiden. Vor allem aber ließe sich durch die Vermeidung von Vorhofflimmern, Knochenbrüchen und anderen Folgeerkrankungen die Versorgungsqualität für die alternde Gesellschaft spürbar verbessern.

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