StÀrker als Heroin: So gefÀhrlich sind Forschungschemikalien
19.03.2025 - 06:30:38Ein 19-JÀhriger in Hessen, ein 17-JÀhriger in Bayern und viele weitere FÀlle im Bundesgebiet: Seit einigen Monaten werden vermehrt TodesfÀlle mit sogenannten Forschungschemikalien in Verbindung gebracht. Allein in Bayern berichtete das Landeskriminalamt Anfang Februar von mindestens sieben FÀllen binnen eines halben Jahres. Zuletzt seien weitere Tote hinzugekommen, sagte eine Sprecherin, ohne eine Zahl zu nennen. Die Behörden sind alarmiert, in einigen BundeslÀndern werden drastische Warnungen veröffentlicht. Worum geht es genau?
Was sind Forschungschemikalien?Â
Es handelt sich um ganz verschiedene synthetische Stoffe mit psychoaktiver Wirkung, die als Rauschmittel missbraucht werden. Sie werden auch als «Research Chemicals» bezeichnet und können oft einfach in Onlineshops gekauft werden.Â
Laut Bundeskriminalamt (BKA) ist die Bezeichnung irrefĂŒhrend. HauptsĂ€chlich gehe es den Herstellern darum, ĂŒber die hochpotenten Wirkstoffe hinwegzutĂ€uschen und eine Haftung auszuschlieĂen. Ăhnliches gilt fĂŒr KrĂ€utermischungen, die als Ersatz fĂŒr Cannabisprodukte gelten, sowie sogenanntes Badesalz, das Ă€hnlich wie Kokain oder Amphetamine wirkt. Sie alle gelten als neue psychoaktive Stoffe.Â
Welche Stoffe machen aktuell die gröĂten Sorgen?Â
Was genau aktuell zu Vergiftungen fĂŒhrt, ist bisher nicht abschlieĂend klar. Die EU-Drogenagentur EUDA beobachtet inzwischen ĂŒber 1.000 neue psychoaktive Stoffe. «Das ist ein klassisches Problem des Schwarzmarkts: Es sind viel mehr Stoffe im Umlauf als analysiert werden können», sagt Esther Neumeier von der Deutschen Beobachtungsstelle fĂŒr Drogen und Drogensucht. Bei vielen aktuellen VergiftungsfĂ€llen fehlten zudem toxikologische Gutachten.Â
Klar sei aber, dass die Gruppe der Nitazene beteiligt sei, so Neumeier. Das seien neue synthetische Opioide, von denen viele hochpotent seien und stĂ€rker wirkten als Heroin. Und die Stoffgruppe ist im Kommen: Unter den 2024 EU-weit knapp 50 neu gemeldeten Substanzen waren laut EUDA etwa die HĂ€lfte Nitazene. Die andere HĂ€lfte waren synthetische Cannabinoide. Aus BKA-Sicht hat sich das Problem im vergangenen Jahr verstĂ€rkt, da insbesondere gefĂ€hrliche synthetische Opioide in Umlauf gekommen seien.Â
Wer konsumiert das?Â
Laut einem Bericht des Instituts fĂŒr Therapieforschung in MĂŒnchen sind die Konsumenten von Nitazenen eine eher kleine Gruppe junger, sehr experimentierfreudiger Menschen, die die Substanzen online bestellen. Auch das BKA berichtet von Konsumierenden mit «einschlĂ€gigem Erfahrungshorizont». Nach Daten des Bundesdrogenbeauftragten konsumierten zuletzt etwa 1,3 Prozent der Erwachsenen bis 59 Jahre und 0,1 Prozent der Jugendlichen zwischen 12 und 17 Jahren neue psychoaktive Stoffe.Â
Hinzu komme, dass Nitazene teils auch gefĂ€lschten Medikamenten zugesetzt wĂŒrden, erzĂ€hlt Neumeier. Die wĂŒrden von jĂŒngeren Menschen, aber teils auch von Menschen mit hochriskantem Drogenkonsum genommen. «DarĂŒber hinaus hatten wir aus Deutschland die erste Meldung von Heroin, das mit Nitazenen versetzt wurde, aus Bremen.»Â
Was macht sie so gefĂ€hrlich?Â
Generell können neue psychoaktive Substanzen laut BKA zu Atem- oder Kreislaufstillstand, Vergiftungen der inneren Organe oder neurologischen SchĂ€den fĂŒhren. Bei den hochpotenten synthetischen Opioiden wie Nitazenen warnen Experten vor der Gefahr einer Ăberdosierung. «Die wirksame Dosis ist nicht weit entfernt von der tödlichen Dosis», sagt Bernd Werse vom Institut fĂŒr Suchtforschung in Frankfurt. Bei einer Ăberdosis mit Opioiden versagt die Atmung, die Menschen sterben an einem Atemstillstand.
Zudem sei oft nicht klar, was genau in den Packungen ist, mahnen Experten. Auch mögliche Wechselwirkungen mit anderen Stoffen seien ein Risiko. Bei den TodesfĂ€llen in Bayern berichtet das Landeskriminalamt von unterschiedlichen Ursachen fĂŒr den Tod, ohne genauer darauf einzugehen. In vielen FĂ€llen sei davon auszugehen, dass auch andere BetĂ€ubungsmittel, Arzneien oder chemische Substanzen eine Rolle spielten.
Wie schlimm ist es im Vergleich zu anderen Drogen?Â
Auf dem Papier erscheint das Problem derzeit eher ĂŒberschaubar. Unter den bundesweit 2.227 Drogentoten im Jahr 2023 spielten bei 90 Menschen neue psychoaktive Stoffe eine Rolle. Synthetische Cannabinoide waren dabei öfter involviert als synthetische Opioide. Zum Vergleich: Allein an den Folgen von Tabak- und Nikotinkonsum sterben nach Angaben des Bundesgesundheitsministeriums jĂ€hrlich etwa 127.000 Menschen.
Aber gerade bei synthetischen Opioiden gibt es nach EinschĂ€tzung von Werse Sorgen, dass das Thema gröĂer werden könnte. Derzeit sitze man «wie das Kaninchen vor der Schlange»: Seit in Afghanistan die Taliban wieder an der Macht seien, werde vor einer Heroin-Knappheit gewarnt. KĂŒnstlich hergestellte Stoffe könnten als Ersatz dienen. In den USA etwa steckt das synthetische Opioid Fentanyl hinter zehntausenden TodesfĂ€llen. «Es gibt die BefĂŒrchtung, dass das in Ă€hnlicher Form bei uns ankommen könnte.»
Wie wirksam wird die Entwicklung bekĂ€mpft?Â
Zum einen versuchen es Behörden mit Informationskampagnen - das BKA etwa mit der Social-Media-Kampagne «#gefĂ€hrlichbunt». Um Cannabinoide, Badesalz oder «Research Chemicals» zurĂŒckzudrĂ€ngen, gibt es in Deutschland auĂerdem seit 2016 das Neue-psychoaktive-Stoffe-Gesetz (NpSG). Der Clou: Anders als beim BetĂ€ubungsmittelgesetz können seither nicht nur Einzelstoffe, sondern ganze Stoffgruppen verboten werden. Das Gesetz wird seither immer wieder angepasst und prĂ€zisiert, zuletzt im Juni 2024.
Allerdings ist die Wirksamkeit des Gesetzes umstritten. «Es war immer schnell so, dass alternative Stoffe, die nicht diesen definierten Stoffklassen entsprechen, auf den Markt kamen», sagt Werse. Auch das BKA beobachtet, dass einige der derzeit vertriebenen Stoffe die aktuellen Bestimmungen im NpSG umgehen.Â
Der UN-Drogenkontrollrat INCB nannte synthetische Drogen zuletzt ein «drĂ€ngendes Problem, fĂŒr das Kontrollbehörden, die Strafverfolgung und das öffentliche Gesundheitswesen weitgehend unvorbereitet sind». In Europa gelte das etwa fĂŒr Nitazene.









