Tausenden, AtommĂŒll-FĂ€ssern

Suche nach Tausenden AtommĂŒll-FĂ€ssern im Atlantik beginnt

15.06.2025 - 08:06:05

Mitten im Atlantik entsorgten vor Jahrzehnten etliche Staaten FĂ€sser mit AtommĂŒll. Wo genau sie sind und was sie mit ihrer Umgebung anrichten, ist unklar. Eine Expedition macht sich nun auf die Suche.

  • Französische Forscherinnen und Forscher beginnen die Suche nach AtommĂŒll-FĂ€ssern im Atlantischen Ozean. - Foto: -/Flotte OcĂ©anographique Française - Campagne UlyXDemo/dpa

    -/Flotte Océanographique Française - Campagne UlyXDemo/dpa

  • FĂ€sser mit einem Zeichen fĂŒr RadioaktivitĂ€t - Foto: Sebastian Kahnert/dpa

    Sebastian Kahnert/dpa

Französische Forscherinnen und Forscher beginnen die Suche nach AtommĂŒll-FĂ€ssern im Atlantischen Ozean. - Foto: -/Flotte OcĂ©anographique Française - Campagne UlyXDemo/dpaFĂ€sser mit einem Zeichen fĂŒr RadioaktivitĂ€t - Foto: Sebastian Kahnert/dpa

AtommĂŒll in den Ozean zu werfen scheint aus heutiger Sicht absurd. Doch genau das geschah zwischen den 1950er und den 1980er Jahren im großen Umfang. Mindestens 200.000 FĂ€sser werden alleine im Nordostatlantik vermutet. Ein Team europĂ€ischer Forscherinnen und Forscher macht sich nun auf die Suche nach den FĂ€ssern und fĂ€hrt in das Gebiet, in dem wohl die HĂ€lfte der AbfĂ€lle landete. Mit an Bord ist auch ein Wissenschaftler vom ThĂŒnen-Institut fĂŒr Fischereiökologie in Bremerhaven.

Ozeane schienen vor Jahrzehnten sicherer Entsorgungsort

Mit den AnfĂ€ngen der Atomkraft in Europa stellte sich fĂŒr viele LĂ€nder auch die Frage der Entsorgung von nuklearem MĂŒll. Die Tiefen des Ozeans, die fernab der KĂŒste und von menschlicher AktivitĂ€t lagen, erschienen als gĂŒnstige und einfache Lösung, um das zu entsorgen, was in der Industrieentwicklung in Laboren anfiel - zumindest dort, wo der Ozean als geologisch stabil galt. Über das Leben in den Weltmeeren wusste man damals wenig. Erst 1993 wurde die Entsorgung von AtommĂŒll im Ozean schließlich untersagt.

Der Leiter des Projekts NODSSUM (Nuclear Ocean Dump Site Survey Monitoring), Patrick Chardon, geht davon aus, dass bei den allermeisten nuklearen AbfĂ€llen, die im Nordatlantik landeten, die RadioaktivitĂ€t nach etwa 300 bis 400 Jahren quasi verschwunden sein dĂŒrfte. Nur bei etwa zwei Prozent des MĂŒlls sei die Strahlungsdauer deutlich lĂ€nger, sagte der Atomphysiker, der am Labor Clermont Auvergne in Clermont-Ferrand arbeitet.

Die FĂ€sser wurden laut Chardon damals so konzipiert, dass sie dem Druck in der Tiefe standhalten, nicht aber so, dass sie die RadioaktivitĂ€t wirklich einschließen. Der Physiker vermutet, dass schon seit lĂ€ngerem RadioaktivitĂ€t aus den BehĂ€ltern entweichen könnte.

Tauchroboter wird Meer nach FĂ€ssern durchforsten

Bei dem Projekt wollen nun 21 Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler einen Monat lang den FÀssern, die wohl in 3.000 bis 5.000 Meter Tiefe liegen, auf die Spur kommen. Das Suchareal liegt mehr als 1.000 Kilometer westlich von La Rochelle im WesteuropÀischen Becken des Atlantiks. 

Ziel ist es, die Folgen der MĂŒllentsorgung im Meer neu zu bewerten und zu untersuchen, wie es um das Ökosystem steht. Die Fachleute wollen eine Karte mit Atomfass-Funden erstellen und etliche Proben von Wasser, Boden und Tieren nehmen. Zudem wollen sie ein Referenzgebiet untersuchen, um die Ergebnisse spĂ€ter zu vergleichen.

UnterstĂŒtzung bekommt das Team dabei von einem autonomen Tauchroboter. Der Roboter Ulyx kann bis zu 6.000 Meter in die Tiefe sinken. Neben physischen und chemischen Sensoren verfĂŒgt er ĂŒber eine Kamera fĂŒr 3D-Bilder und ein Sonarsystem zur Ortung von GegenstĂ€nden mit Schall. Mit den Aufnahmen des Roboters wollen die Fachleute die einzelnen FĂ€sser und deren Zustand aufspĂŒren und ihre Position vermerken. Denn wo genau sich die BehĂ€lter befinden, ob sie einzeln oder in Gruppen liegen und ob sie noch intakt sind, ist derzeit nicht bekannt.

Um die gesamte FlĂ€che ihres Untersuchungsgebiets abzusuchen, brĂ€uchte das Team Jahre, schĂ€tzte Co-Projektleiter Javier Escartin von der UniversitĂ€t ENS Paris. FĂŒr die vier Wochen peilen sie an, etwa 200 Quadratkilometer in verschiedenen Zonen abzusuchen. Ausgehend von den Roboterbildern entscheiden die Wissenschaftler dann, wo genau sie etwa Wasser oder Tiere entnehmen.

Folgen der Lagerung bisher nicht einzuschÀtzen

Neben der Menge an RadioaktivitĂ€t geht es den Forschenden auch um die Umgebung des MĂŒlls - etwa ob die Strahlung von Sedimenten blockiert wird oder welchen Einfluss Tiefenströmungen haben.

Welche Konsequenzen die FĂ€sser haben könnten? «Das ist wirklich unbekannt», meinte Escartin. «Wir kennen noch nicht einmal das grundlegende Ökosystem in der Gegend sehr gut.» Denn die Tiefsee-Ebene sei in großen Teilen unerschlossen. Die Erkundung des Gebiets wird aus Sicht des Meeresgeologen daher auch jenseits der Atomthematik von Interesse sein. «Jede Information wird nĂŒtzlich sein, um das System besser zu verstehen.»

Nach der vierwöchigen Mission gehen die gesammelten Proben an verschiedene Labore in Europa. Die Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler wollen dann ein weiteres Mail in See stechen, um noch gezielter Proben zu entnehmen. Ein genaues Datum fĂŒr die zweite Ausfahrt steht noch nicht fest. Escartin hofft, dass es im kommenden Jahr so weit sein wird.

@ dpa.de