Wie Moorschutz fĂŒr warme Jacken sorgen kann
31.01.2025 - 04:00:36EntwĂ€ssert, abgetorft, bebaut: Heimische Moore sind inzwischen zu rund 95 Prozent zerstört. Auf vielen MoorflĂ€chen wird seit langem Landwirtschaft betrieben oder es wurden WĂ€lder aufgeforstet. Dabei bieten die Feuchtgebiete nicht nur wichtige LebensrĂ€ume fĂŒr bedrohte Tier- und Pflanzenarten. Im Klimaschutz haben Moore als Kohlenstoffspeicher groĂe Bedeutung. Im Umkehrschluss bedeutet das auch: Trockengelegte Moore geben groĂe Mengen Treibhausgase frei.Â
Mit dem UN-Welttag der Feuchtgebiete soll jĂ€hrlich am 2. Februar auf die groĂe Bedeutung von Mooren im Natur- und Klimaschutz aufmerksam gemacht werden. Nach der Ăberzeugung von Experten sind Feuchtgebiete die am stĂ€rksten bedrohten Ăkosysteme der Erde. Ein Beispiel ist das Rote Moor in der hessischen Rhön, wo jahrzehntelang Torf abgebaut wurde. Im Sommer 2023 startete in dem Hochmoor ein Projekt zur WiedervernĂ€ssung.Â
Aus abgestorbenem Pflanzenmaterial bildet sich meterdicker Torf
«Wir haben in Deutschland ganz viele MoorflĂ€chen, die gar nicht sichtbar sind, weil auf dem GrĂŒnland etwa KĂŒhe weiden, BĂ€ume wachsen oder HĂ€user und StraĂen gebaut wurden», sagt Sabine Wichmann, Moorexpertin der UniversitĂ€t Greifswald. «Erst wenn man in den Boden guckt, erkennt man, das ist Torfboden, das ist ein Moor.» Aufgrund von Sauerstoffmangel wurde abgestorbenes Pflanzenmaterial im nassen Moor nicht komplett zersetzt und konnte zu teils meterdicken Torfschichten anwachsen.Â
Moorschutz ist effektiver Ansatz im Klimaschutz
Mit einer EntwĂ€sserung kann Sauerstoff eindringen. Der Kohlenstoff, der dort ĂŒber Jahrtausende der AtmosphĂ€re entzogen und gespeichert wurde, reagiert mit diesem Sauerstoff und wird als Treibhausgas Kohlendioxid freigesetzt. «UngefĂ€hr sieben Prozent der deutschen Treibhausgasemissionen stammen allein aus entwĂ€sserten MoorflĂ€chen», sagt Wichmann.Â
Bezogen auf die Landwirtschaft bedeute das: UngefĂ€hr sieben Prozent der genutzten FlĂ€chen sind Moorböden, diese Areale sind jedoch fĂŒr ĂŒber 40 Prozent der Treibhausgas-Emissionen der Sparte verantwortlich. «Das ist ein groĂer Hebel, um sehr effizient auf einer begrenzten FlĂ€che einen Beitrag zum Klimaschutz zu leisten», ist Wichmann ĂŒberzeugt. DafĂŒr mĂŒssten die EntwĂ€sserung gestoppt und die WasserstĂ€nde wieder angehoben werden.Â
Experte: Es werden viel zu wenig FlÀchen wiedervernÀsst
Nach EinschĂ€tzung des Moor-Experten Felix GrĂŒtzmacher wird in Deutschland viel zu wenig fĂŒr den Moorschutz getan. Auf dem Weg zur KlimaneutralitĂ€t mĂŒssten 50.000 Hektar pro Jahr wiedervernĂ€sst werden, rechnet der Referent des Naturschutzbundes (Nabu) vor. In den vergangenen Jahrzehnten seien es aber insgesamt lediglich 70.000 Hektar gewesen. Bleibt Deutschland unter der Zielmarke, mĂŒssten die notwendigen Emissionseinsparungen an anderer Stelle kompensiert werden.Â
Schilf und Rohrkolben sind typische Paludikulturen
Als eine Möglichkeit, Landwirtschaft und Moorschutz zu vereinen, gelten sogenannte Paludikulturen. Dabei werden auf wiedervernĂ€ssten FlĂ€chen spezielle Pflanzen angebaut. GrundsĂ€tzlich geeignet fĂŒr Paludikulturen seien klassische heimische Feuchtgebietspflanzen, erklĂ€rt Wichmann. Dazu zĂ€hlt Schilf, das vor allem im Norden Deutschlands bei HĂ€usern mit Reetdach zum Einsatz kommt.
Auch der Rohrkolben - umgangssprachlich unter anderem Lampenputzer, Kanonenputzer oder Schlotfeger genannt - eigne sich zum Anbau in Paludikultur, sagt Wichmann. «Wir haben zum Beispiel seit drei Jahren eine Kooperation mit einem britischen Start-up, das die Samenfasern des Kolbens als Daunenersatz fĂŒr Jacken einsetzt», erlĂ€utert die Expertin. Die restliche Pflanze könne als Baumaterial und DĂ€mmstoff fĂŒr GebĂ€ude verwendet werden. Biomasse von Nasswiesen werde auĂerdem bereits zu Papier und Verpackungen verarbeitet.
Torfmoose können Torf im Gartenbau ersetzen
In nĂ€hrstoffĂ€rmeren, saureren Hochmooren könnten Torfmoose kultiviert werden, die im professionellen Gartenbau als Torfersatz dienen. «Torfmoose haben ganz Ă€hnliche physikalische und chemische Eigenschaften wie Torf», erklĂ€rt Wichmann. Torfmoose etwa aus Chile und Neuseeland werden bislang unter anderem in der Orchideenkultur oder fĂŒr Terrarien eingesetzt und weltweit gehandelt.Â
Ob sich ein Einstieg in die Paludikultur fĂŒr einen landwirtschaftlichen Betrieb lohnt, mĂŒsse fĂŒr jeden Hof individuell beurteilt werden, sagt Wichmann. Um auf nassen Wiesen etwas anzubauen, seien meist nicht nur Maschinen mit breiteren Reifen nötig, sondern - etwa fĂŒr die Ernte von Rohrkolben oder Schilf - Spezialtechnik. «Es ist eben auch Neuland fĂŒr die Höfe», gibt die Expertin zu bedenken. Die Kulturen benötigten neues Know-how und neue Verwertungswege.Â
Mehrere Projekte erproben Anbau auf nassen FlÀchen
Inzwischen gebe es zwar deutschlandweit mehrere Projekte zur Bewirtschaftung nasser Wiesen, zum Anbau von Paludikulturen oder auch zur Kombination von Photovoltaikanlagen mit wiedervernĂ€ssten Mooren, aber es wĂŒrden noch nicht viele Tausend Hektar in der Praxis umgesetzt. Wichmann mahnt, dass es zur AbschwĂ€chung des Klimawandels «eine enorme Reduzierung von Treibhausgasen geben muss». Nasse Moore spielten dabei fĂŒr den natĂŒrlichen Klimaschutz eine ganz entscheidende Rolle.





