Multiple Sklerose: Neue Zelltherapie bessert Beweglichkeit ohne Chemo
Veröffentlicht am: 14.09.2026 um 09:11 Uhr | Redaktion boerse-global.de
Autoimmunerkrankungen wie Multiple Sklerose gelten seit Langem als schwer beherrschbar, weil das körpereigene Immunsystem dauerhaft gegen Nervengewebe vorgeht. Neue Ansätze aus der Zelltherapie-Forschung liefern nun erste Hinweise darauf, dass sich dieser Prozess mit gezielten Eingriffen ins Immunsystem zumindest bremsen lässt.
Eine Phase-1-Studie des Tongji-Klinikums, das der Huazhong-Universität in Wuhan angeschlossen ist, hat dazu Ergebnisse vorgelegt, die in der Fachwelt Beachtung finden.
Einzelinfusion bei MS-Patienten
In der Studie erhielten 16 Patienten mit Multipler Sklerose und verwandten neurologischen Autoimmunerkrankungen eine einzelne Infusion veränderter Lentiviren – ein sogenannter In-vivo-CAR-T-Ansatz, bei dem die Immunzellen direkt im Körper und nicht wie bei klassischen CAR-T-Verfahren außerhalb des Körpers verändert werden.
Nach etwa sechs Monaten Beobachtungszeit besserten sich laut den Studienautoren bei den MS-Patienten Beweglichkeit, Denkleistung und Erschöpfung. Gleichzeitig sanken die Zahl der B-Zellen und der Autoantikörper, die Muskelkraft nahm zu, und Entzündungszeichen gingen zurück.
Bemerkenswert ist aus Sicht der Forschenden, dass dafür keine begleitende Chemotherapie notwendig war – ein Unterschied zu vielen etablierten CAR-T-Verfahren, bei denen eine vorbereitende Chemotherapie zur Regel gehört.
Die Ergebnisse wurden im New England Journal of Medicine veröffentlicht. Allerdings weisen die Autoren selbst auf methodische Grenzen hin: Die Studie lief ohne Vergleichsgruppe und ohne Verblindung, sodass sich Placebo- oder Erwartungseffekte nicht ausschließen lassen. Für belastbare Aussagen zur Wirksamkeit sind daher größere, kontrollierte Folgestudien nötig.
Einordnung in ein breiteres Forschungsfeld
Eine einzelne Infusion, kein begleitender Chemo-Zyklus – und bei den MS-Patienten der Wuhan-Studie besserten sich Beweglichkeit, Denkleistung und Erschöpfung. Was hinter dem In-vivo-CAR-T-Ansatz steckt und welche Fragen Sie jetzt Ihrem Neurologen stellen sollten, lesen Sie in unserem kostenlosen Ratgeber. Kostenlosen MS-Ratgeber anfordern
Der Ansatz aus Wuhan reiht sich in eine Reihe von Versuchen ein, CAR-T-Technologien – ursprünglich für die Krebstherapie entwickelt – auf Autoimmunerkrankungen zu übertragen.
Grundidee ist dabei häufig, fehlgeleitete B-Zellen gezielt zu eliminieren, die Autoantikörper produzieren und so Entzündungsprozesse im Nervensystem antreiben. Die in Wuhan beobachtete Kombination aus sinkenden B-Zell-Zahlen, rückläufigen Autoantikörpern und klinischer Besserung bei MS-Patienten passt zu diesem Wirkprinzip.
Gleichzeitig macht die geringe Teilnehmerzahl von 16 Personen deutlich, dass es sich um eine frühe, explorative Untersuchung handelt. Solche Phase-1-Studien dienen primär dazu, Sicherheit und Verträglichkeit eines neuen Verfahrens zu prüfen und erste Wirksamkeitssignale zu sammeln – nicht dazu, eine Therapie bereits als etabliert zu betrachten.
Dass die Behandlung ohne begleitende Chemotherapie auskam, könnte für Patienten relevant sein, da die Vorbereitung mit Chemotherapeutika bei vergleichbaren Zelltherapien häufig zu zusätzlichen Nebenwirkungen führt.
Was als Nächstes zu erwarten ist
Viele MS-Patienten kennen die Sorge vor belastenden Chemotherapien im Rahmen einer Zelltherapie. Die neue Phase-1-Studie aus Wuhan kam ohne diese Vorbereitung aus – ein Signal, das Fragen aufwirft. Unser kostenloser Ratgeber ordnet ein, was das bedeutet und was noch offen ist. Einordnung der neuen MS-Studie jetzt lesen
Ob sich die in Wuhan beobachteten Effekte in größeren, kontrollierten Studien mit Vergleichsgruppe bestätigen lassen, ist derzeit offen. Erst solche Studien könnten klären, wie stabil die Besserungen bei Beweglichkeit, Denkleistung und Erschöpfung über einen längeren Zeitraum bleiben und wie sich die Therapie im Vergleich zu bestehenden MS-Behandlungen schlägt.
Für Patienten mit therapierefraktären Verläufen neurologischer Autoimmunerkrankungen bleibt der In-vivo-CAR-T-Ansatz damit vorerst ein experimentelles, aber vielversprechendes Forschungsfeld, dessen weitere Entwicklung von künftigen klinischen Studien abhängt.
