Multitasking ab 60: Warum das Gehirn langsamer zwischen Aufgaben wechselt
Veröffentlicht am: 18.10.2026 um 04:35 Uhr | Redaktion boerse-global.deMit zunehmendem Alter verändert sich die Art und Weise, wie das menschliche Gehirn Informationen verarbeitet. Fachbeiträge erläutern, warum die Fähigkeit zum Multitasking ab dem 60. Lebensjahr abnimmt und welche neurobiologischen Botenstoffe sowie zellulären Prozesse dabei eine maßgebliche Rolle spielen. Das Nachlassen dieser Fähigkeiten ist dabei ein natürlicher Vorgang und kein Zeichen eines persönlichen Versagens.
Neurobiologische Umbauprozesse und verlangsamte Exekutivfunktionen
Das Multitasking wird ab dem 60. Lebensjahr vor allem deshalb langsamer, weil die sogenannten exekutiven Funktionen – insbesondere die Aufmerksamkeitssteuerung und der gezielte Wechsel zwischen Aufgaben – natürlicherweise nachlassen.
Eine Untersuchung der University of California verdeutlichte, dass ältere Erwachsene seltener zwischen verschiedenen Anforderungen hin- und herwechseln und nach einer Unterbrechung mehr Zeit benötigen, um sich wieder voll auf die ursprüngliche Tätigkeit zu konzentrieren.
Dieser Wandel spiegelt fundamentale biologische Anpassungen wider. Eine Analyse von 1,3 Millionen Nervenzellen beschreibt zwei kritische Umbauphasen im Lebensverlauf des Gehirns: Während die erste Phase bis etwa zum 24. Lebensjahr durch den strukturellen Umbau der Zellsysteme des präfrontalen Kortex geprägt ist, setzt ab 60 Jahren eine zweite Phase ein.
In dieser stehen Zellschutz, Reparaturmechanismen und die Immunabwehr im Vordergrund, nachdem zwischen dem 24. und 60. Lebensjahr eine relative Stabilität der zellulären Organisation herrschte.
Zudem spielen Veränderungen bei neuromodulatorischen Systemen eine Rolle: Ein Review zum Endocannabinoid-System (ECS) verweist auf dessen hohe Aktivität im frühen Erwachsenenalter, gefolgt von einem funktionellen Rückgang im Alter. Eine Beeinträchtigung des ECS wirkt sich negativ auf die neuroinflammatorische Kontrolle, die Neurogenese, die synaptische Plastizität und kognitive Leistungen aus.
Auf zellulärer Ebene zeigt zudem die Lothian Birth Cohort 1936 mit über 1.000 Teilnehmenden ab 70 Jahren, dass niedrigere Werte des Proteins NRF2 in Oligodendrozyten mit Myelinschäden und beschleunigtem kognitiven Abbau zwischen 70 und 82 Jahren einhergehen.
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KonzentrationslĂĽcken im Alltag und neuronale Signaturen
Schwierigkeiten bei alltäglichen Handlungen werden häufig fälschlicherweise als frühe Anzeichen einer Demenz interpretiert. Eine klinische Psychologin am Hospital Universitario Vithas Madrid Arturo Soria stellte klar, dass das Vergessen des ursprünglichen Vorhabens beim Betreten eines anderen Raumes oder das Verlegen von Gegenständen wie Schlüsseln in den meisten Fällen keine Gedächtnisstörung wie Alzheimer darstellt.
Vielmehr handle es sich um das Resultat fehlender Konzentration und gleichzeitiger Ablenkung durch Multitasking. Fehlt die bewusste Aufmerksamkeit, registriert das Gehirn die Handlung nicht vollständig, während Kontextwechsel und neue Umweltreize den Fokus weiter stören.
Grundlegende neuronale Mechanismen stĂĽtzen dieses Bild:
- Eine Studie in der Fachzeitschrift Communications Psychology mit 148 Teilnehmenden im Alter von 18 bis 60 Jahren identifizierte zwei neuronale Signaturen beim Aufgabenwechsel: Frontale Theta-Power (4–8 Hz) korreliert mit aufgabenspezifischer Kontrolle, während eine Alpha/Beta-Suppression (8–30 Hz) im parietalen Kortex die domänenübergreifende kognitive Flexibilität abbildet.
- Forschungen der Chicago University show zudem, dass Aufgabenunsicherheit durch sogenannte Merkmalsinterferenz zu Fehlern führt, da das Gehirn bei unklarer Relevanz irrelevante Details einbezieht und neuronale Repräsentationen verschmelzen.
- Auch Doppelbelastungen stoĂźen rasch an Grenzen: Eine sportwissenschaftliche Untersuchung belegte LeistungseinbuĂźen bei Doppelaufgaben sogar bei trainierten Kampfsportlern mit schwarzem GĂĽrtel.
Eine Untersuchung an 123 Personen zwischen 60 und 81 Jahren zeigte zudem, dass akuter Stress zwar die Reaktionszeit verkürzte (-3,82 ms pro Stress-Einheit), gleichzeitig jedoch die Fehlerquote signifikant erhöhte.
Wer im Alltag öfter Namen oder Termine vergisst, fragt sich häufig, ob dies lediglich an mangelnder Konzentration liegt oder bereits ein Warnsignal darstellt. Ein anonymer 2-Minuten-Selbsttest bietet Ihnen eine erste, fachlich fundierte Einschätzung zu möglichen Demenz-Anzeichen. Jetzt kostenlosen 7-Fragen-Selbsttest machen
Strategien fĂĽr den Alltag
Fachleute empfehlen älteren Erwachsenen konkrete Verhaltensanpassungen, um den kognitiven Anforderungen im Alltag gerecht zu werden. Sinnvoll sind strukturierte Mikro-Aufgaben mit einer Dauer von 10 bis 15 Minuten pro Tätigkeit. Zudem sollte jeweils nur eine Reizquelle – etwa ein Bildschirm, ein Gespräch oder ein Hintergrundgeräusch – aktiv sein.
Ergänzend helfen kurze Checklisten mit maximal drei Schritten, das laute Aussprechen einzelner Zwischenschritte sowie bewusste zweiminütige Pausen zwischen Aufgabenblöcken. Anspruchsvolle Aufgaben sollten in die individuell wachste Phase des Tages gelegt werden.
Eine klinische Psychologin rät zudem, Handlungen über Sinneseindrücke zu verankern und sich stets ganz auf eine einzelne Sache zu konzentrieren; erst wenn trotz fokussierter Aufmerksamkeit gehäuft kurzfristige Gedächtnislücken auftreten, sei eine ärztliche Abklärung angezeigt.
Parallel erforscht die Wissenschaft kognitive Trainings: In einer Studie mit 33 älteren Erwachsenen führte ein achtwöchiges Training kombiniert mit transkranieller Gleichstromstimulation (tDCS) zu signifikanten Verbesserungen bei logischen Matrizentests und der Wortflüssigkeit.
