Muskelverlust bei Abnehmmedikamenten: Experten raten zu Krafttraining
Veröffentlicht am: 04.09.2026 um 00:18 Uhr | Redaktion boerse-global.de
Von der Raumstation bis zum Wattenmeer: Der Erhalt und Aufbau von Muskulatur rückt derzeit aus unterschiedlichen Richtungen in den Fokus von Medizin und Forschung.
Ob elektrische Muskelstimulation im All, Barfußpfade in Reha-Kliniken oder Physiotherapie nach Gelenkoperationen – die Ansätze zur körperlichen Aktivierung von Patienten und Risikogruppen sind vielfältig, folgen aber einem gemeinsamen Prinzip: Bewegung und gezielte Reize sollen Muskelschwund vorbeugen und die Genesung unterstützen.
EMS-Training im Weltraum: Die Charité testet neue Wege gegen Muskelschwund
Ein besonders anschauliches Beispiel für die Bedeutung von Muskelstimulation liefert die Studie EasyMotion-2 der Charité. Die französische Astronautin Sophie Adenot begann Mitte Juli 2026 an Bord der Internationalen Raumstation ISS ein sechswöchiges Training mit einem Elektromuskelstimulations-Anzug (EMS).
Ziel ist es zu untersuchen, ob sich mit dieser Technik der Muskelschwund, der durch die Schwerelosigkeit entsteht, wirksamer eindämmen lässt als mit bisherigen Trainingsmethoden im All. Die Studie testet dabei systematisch, ob EMS-Reize die Muskulatur unter den besonderen Bedingungen der Schwerelosigkeit ausreichend aktivieren können.
Belastbare Ergebnisse werden laut den Studienverantwortlichen jedoch erst in einigen Jahren erwartet – ein Hinweis darauf, wie langwierig die wissenschaftliche Bewertung solcher Interventionen ist.
Barfußpfade und Physiotherapie: Kliniken setzen auf aktive Bewegungsförderung
Auch abseits der Raumfahrt investieren Gesundheitseinrichtungen in niedrigschwellige Bewegungsangebote. Die Dr. Becker Klinik Norddeich eröffnete Ende August 2026 einen rund vier Meter langen, öffentlich zugänglichen Barfußpfad zur körperlichen Aktivierung, unterstützt von der Biosphärenregion Niedersächsisches Wattenmeer. Die Klinik behandelt jährlich etwa 3.875 Patienten und beschäftigt 215 Mitarbeiter.
Auf einer größeren Versorgungsebene bewegt sich das Klinikum Dahme-Spreewald: Anlässlich des Tags der Physiotherapie am 8. September 2026 betont die Einrichtung die Bedeutung von Bewegung für Genesung und die Rückkehr zur Selbstständigkeit. Das dortige Therapiezentrum bietet stationäre und ambulante Physiotherapie an zwei Standorten an und versorgt jährlich über 25.000 stationäre sowie über 50.000 ambulante Patienten bei insgesamt 448 Betten.
Bei den Sana Kliniken Niederlausitz beginnt die Physiotherapie nach Gelenkimplantationen häufig bereits am Operationstag oder kurz danach – mit individuellen Behandlungsplänen, die auf größtmögliche Selbstständigkeit der Patienten abzielen.
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Muskelverlust als Nebenwirkung: Herausforderung bei Abnehmmedikamenten
Ein wachsendes Praxisproblem betrifft Nutzer von Abnehmmedikamenten wie Wegovy, das seit dem 1. September 2026 auch als Tablette in deutschen Apotheken erhältlich ist.
Neben Semaglutid (Wegovy) ist auch Tirzepatid (Mounjaro) verfügbar; verschreibungspflichtig sind die Präparate ab einem BMI von 30 oder ab 27 bei Begleiterkrankungen. Laut einer Erhebung von Stiftung Warentest aus dem Frühjahr 2026 liegen die Kosten zwischen 43 und 122 Euro pro Woche.
Die Ernährungsexpertin Heike Niemeier weist darauf hin, dass Gewichtsreduktion durch Spritze oder Pille häufig mit Muskelverlust einhergeht. Sie empfiehlt begleitendes Krafttraining, ausreichend Proteinzufuhr sowie einen Speiseplan, der zu 80 Prozent aus Gemüse und proteinreichen Lebensmitteln besteht. Eine langfristige Ernährungsumstellung sei dabei unerlässlich.
Wearables überschätzen Kalorienverbrauch deutlich
Wer sein Training mit Fitness-Trackern überwacht, sollte die angezeigten Werte mit Vorsicht betrachten. Eine im Fachjournal PLOS One veröffentlichte Studie der Florida International University mit 58 erwachsenen Teilnehmern zeigt, dass gängige Geräte wie Apple Watch Series 8, Samsung Galaxy Watch 5 und Garmin Forerunner 955 den Kalorienverbrauch im Median um 15 bis 25 Prozent überschätzen, in Einzelfällen sogar um bis zu 450 Prozent.
Die Ungenauigkeit nimmt bei höherem Körperfettanteil zu. Der Fitbit Sense 2 wurde wegen technischer Störungen aus der Auswertung ausgeschlossen. Die Forscher raten davon ab, die Angaben der Geräte als exakt zu betrachten.
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Politische Debatte: Cannabis auf Kassenrezept vor dem Aus?
Auch gesundheitspolitisch steht die Versorgung von Schmerzpatienten zur Debatte. Das GKV-Beitragssatzstabilisierungsgesetz vom Juli 2026 sieht vor, Cannabisblüten aus dem Leistungskatalog der gesetzlichen Krankenversicherung zu streichen.
Betroffen wären rund 65.000 Cannabispatienten, die bei Selbstzahlung mit Kosten zwischen 150 und 600 Euro monatlich rechnen müssten. Kritiker warnen vor einem erhöhten Suchtrisiko durch Ausweichbewegungen und sehen die Therapiefreiheit eingeschränkt. Der Bundesrat kann in dem Verfahren den Vermittlungsausschuss anrufen.
Neue europäische Leitlinie zur Herzrehabilitation
Auf dem ESC-Kongress 2026 in München wurde erstmals eine eigenständige europäische Leitlinie zur Herzrehabilitation vorgestellt, deren Co-Vorsitzender Prof. Matthias Wilhelm vom Inselspital Bern ist.
Die Leitlinie enthält Empfehlungen für unterschiedliche Patientengruppen und betont die interprofessionelle Zusammenarbeit sowie den Einsatz von Telerehabilitation. Sie empfiehlt Rehabilitationsprogramme insbesondere nach Herzinfarkt und bei Herzinsuffizienz. In der Schweiz übernimmt die Krankenversicherung die entsprechenden Kosten.
Hilfsmittel für den Alltag: Orthesen und EMS-Geräte für Endverbraucher
Neben klinischen Anwendungen wächst auch der Markt für Hilfsmittel zur Selbstanwendung. Die Bayreuther medi GmbH bietet verschiedene Rückenorthesen – Lumbamed plus, facet, pro und sacro – für unterschiedliche Indikationen an, gefertigt mit einem Materialanteil von 12 Prozent recyceltem SEAQUAL YARN und erhältlich bis zu einem Umfang von 170 Zentimetern, ergänzt durch ein Online-Übungsprogramm.
Im Bereich der EMS-Geräte für den Heimgebrauch werben Hersteller wie FREYARA mit einer Kniebandage mit Silberionen-Technologie, 25 Intensitätsstufen und 10 Modi, sowie Slimmercise mit einem Muskelstimulator mit 20 Intensitätsstufen und einer Geld-zurück-Garantie von 30 Tagen.
Unabhängig von solchen Herstellerangaben verweisen Fachleute darauf, dass EMS zwar zur Muskelaktivierung beitragen kann, jedoch keinen Ersatz für tatsächliche Bewegung darstellt.
