Netzhaut-Scan: Augenveränderungen zeigen Vorhofflimmern 3,95 Jahre früh
Veröffentlicht am: 18.09.2026 um 18:52 Uhr | Redaktion boerse-global.de
In der medizinischen Fachwelt mehren sich die Belege dafür, dass die Untersuchung der Netzhaut eine zentrale Rolle in der Früherkennung von Herz-Kreislauf-Erkrankungen einnehmen kann. Aktuelle medizinische Berichte und wissenschaftliche Auswertungen verdeutlichen, dass spezifische strukturelle Veränderungen am Auge bereits Jahre vor einer klinischen Diagnose als Warnsignale für kardiologische Risiken dienen können.
Analyse der Netzhautdicke zur Vorhersage von Vorhofflimmern
Eine im September 2026 thematisierte Untersuchung des University College London (UCL) und des Moorfields Eye Hospital, veröffentlicht in der Fachzeitschrift PLOS Digital Health (doi:10.1371/journal.pdig.0001661), liefert detaillierte Erkenntnisse über den Zusammenhang zwischen der Netzhautstruktur und Vorhofflimmern.
Die Forscher analysierten hierfür Netzhautbilder von rund 90.000 Menschen. Dabei zeigte sich bei Patienten mit Vorhofflimmern konsistent eine dünnere Schicht der Makula-Ganglienzellen (mGCIPL).
Innerhalb der sogenannten AlzEye-Kohorte, die 50.651 Patienten umfasste, wiesen die 5.735 Probanden mit Vorhofflimmern eine im Mittel um 1,96 µm dünnere mGCIPL-Schicht auf. Vergleichbare Ergebnisse lieferten Daten der UK Biobank: Bei 39.539 Teilnehmern, von denen 526 an Vorhofflimmern litten, war die entsprechende Schicht im Durchschnitt um 1,19 µm reduziert.
Besonders signifikant ist die prognostische Relevanz dieser Messwerte. In einer über 10,3 Jahre geführten Längsschnittstudie mit 39.013 Teilnehmern ohne anfängliche Diagnose traten 838 Neudiagnosen von Vorhofflimmern auf.
Die Analyse ergab, dass die Netzhautaufnahmen im Schnitt 3,95 Jahre vor der klinischen Diagnose bereits Veränderungen zeigten. Den Daten zufolge korreliert eine Abnahme der mGCIPL um eine Standardabweichung mit einer um 27 Prozent höheren Rate an späteren Diagnosen (95 %-Konfidenzintervall 5–54 Prozent).
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Potenzial für die klinische Routine und Vorsorge
Laut dem Hauptautor der UCL/Moorfields-Studie, Josef Huemer, könnten Routineuntersuchungen beim Augenarzt künftig dazu genutzt werden, Risikopatienten frühzeitig für eine kardiologische Abklärung zu identifizieren. Das nicht-invasive Scanning der Netzhaut wird dabei als wertvolle Ergänzung zur klassischen EKG-Diagnose betrachtet.
Die Relevanz dieser Früherkennung wird durch die Verbreitung der Erkrankung unterstrichen. In Deutschland leiden nach Schätzungen zwischen 1,6 Millionen (Stand 2025 laut Deutscher Herzstiftung) und 2 Millionen Menschen an Vorhofflimmern. Im Vereinigten Königreich sind über 1,5 Millionen Personen betroffen.
Die Erkrankung erhöht das Risiko für schwerwiegende Folgen wie Schlaganfall, Herzinsuffizienz oder einen vorzeitigen Tod erheblich. Die vorliegenden Studien weisen jedoch darauf hin, dass es sich um statistische Zusammenhänge handelt und kein direkter Beweis für eine Kausalität vorliegt.
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Weitere Indikatoren: Xanthelasmen und biologisches Netzhautalter
Neben der Netzhautdicke liefern auch andere Merkmale am Auge Hinweise auf vaskuläre Risiken. Eine Studie der Stanford University untersuchte das Auftreten von Ksanthelasmen (gelbliche Fettablagerungen am Augenlid) bei rund 18.000 Personen.
Hierbei wurden im ersten Beobachtungsjahr bei den betroffenen Personen höhere Raten von Herzinfarkten (1 Prozent bzw. 178 Personen gegenüber 0,35 Prozent bzw. 63 Personen in der Kontrollgruppe) sowie Schlaganfällen (0,95 Prozent zu 0,3 Prozent) festgestellt.
Auch bei transitorischen ischämischen Attacken (TIA) lag die Rate mit 0,6 Prozent deutlich über der Kontrollgruppe (0,19 Prozent). Diese Unterschiede blieben auch in Nachbeobachtungen über fünf und zehn Jahre bestehen.
Parallel dazu hat die Universität Lausanne ein Verfahren entwickelt, bei dem eine Künstliche Intelligenz das biologische Alter eines Menschen aus Netzhautbildern schätzt. Die KI wurde mit Bildern von über 70.000 Personen im Alter zwischen 40 und 79 Jahren trainiert und erreicht eine Genauigkeit mit einer Abweichung von unter drei Jahren.
Ein im Vergleich zum chronologischen Alter erhöhtes „Netzhautalter“ wird laut der in Nature Communications veröffentlichten Forschung mit einem gesteigerten Risiko für Herz-Kreislauf- und Atemwegserkrankungen sowie Demenz und Krebs in Verbindung gebracht. Als stärkster Faktor für eine beschleunigte Alterung der Netzhautstrukturen wurde in diesem Kontext das Rauchen identifiziert.
