Neurodivergenz, Schulen

Neurodivergenz in Schulen: Jedes vierte Kind braucht UnterstĂŒtzung

Veröffentlicht am: 01.09.2026 um 19:18 Uhr | Redaktion boerse-global.de

Schulen stehen bei Neurodivergenz vor großen Aufgaben: Es fehlen LehrkrĂ€fte, wĂ€hrend neue Konzepte, Hilfsmittel und Bildungsangebote entstehen.

Neurodivergenz an Schulen: Mehr UnterstĂŒtzung dringend erforderlich
Ein ruhiger, modern gestalteter RĂŒckzugsort in einem Klassenzimmer mit einem Holztisch und einer gemĂŒtlichen Sitzecke. Illustration mit AI erstellt.

Aktuelle SchĂ€tzungen aus Sachsen-Anhalt verdeutlichen den Anpassungsbedarf im deutschen Schulsystem: Rund 25 Prozent der SchĂŒlerinnen und SchĂŒler, also jedes vierte Kind in einer Klasse, werden als neurodivergent eingestuft.

Vor diesem Hintergrund fordert die Expertin Saskia Niechzial ein grundlegendes VerstĂ€ndnis fĂŒr die BedĂŒrfnisse dieser Kinder sowie die Bereitstellung niedrigschwelliger Hilfsmittel. Dazu zĂ€hlen etwa lĂ€rmreduzierende Kopfhörer, sogenannte Fidget-Toys zur Konzentrationsförderung sowie die Schaffung von RĂŒckzugsorten innerhalb der Schulen.

Gesellschaftliche Bewegung versus medizinische Diagnose

Der Begriff Neurodivergenz wird dabei zunehmend als Teil einer gesellschaftlichen Bewegung begriffen und nicht primĂ€r als klinische Diagnose. In Fachkreisen wird betont, dass fĂŒr die EinschĂ€tzung weniger einzelne Verhaltensweisen als vielmehr der individuelle Leidensdruck der Betroffenen entscheidend sei.

Kinder- und Jugendpsychiater mahnen in diesem Zusammenhang zur Vorsicht vor vorschnellen SchlĂŒssen. Ein fundiertes Gesamtbild sei unerlĂ€sslich; bei anhaltenden Schwierigkeiten im Alltag gelte der Kinder- und Jugendarzt als erste fachliche Anlaufstelle, um professionellen Rat einzuholen.

Herausforderungen bei der Beschulung und personelle EngpÀsse

Die Umsetzung inklusiver Konzepte stĂ¶ĂŸt in der Praxis auf erhebliche HĂŒrden. In Berlin zeigt sich dies am Beispiel von mindestens 2.800 Kindern, die Ende des Sommers 2026 entweder gar nicht oder nur zeitlich verkĂŒrzt beschult werden konnten. Rund ein Viertel dieser FĂ€lle entfĂ€llt auf Förderschulen.

Gleichzeitig lehnen 82 Prozent der betroffenen Eltern eine getrennte Beschulung ihrer Kinder ab. Die zustĂ€ndige Bildungssenatorin kĂŒndigte zur BewĂ€ltigung dieser Problematik einen Runden Tisch an, um Lösungen fĂŒr die betroffenen Familien zu erarbeiten.

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Auch der Blick auf die demografische Entwicklung und den Personalbedarf verschĂ€rft die Debatte. Eine Studie der Gewerkschaft Erziehung und Wissenschaft (GEW) von Ende August 2026 prognostiziert zwar, dass die SchĂŒlerzahl von derzeit 11,4 Millionen bis zum Jahr 2040 auf 10,2 Millionen sinken wird.

Dennoch bestehe fĂŒr die Bereiche Inklusion und Ganztagsbetreuung ein sofortiger Bedarf an mindestens 60.000 zusĂ€tzlichen LehrkrĂ€ften. In EinzelfĂ€llen, wie dem eines achtjĂ€hrigen Jungen aus dem UnterallgĂ€u mit ADHS und Autismus, fĂŒhrt das ĂŒberlastete System dazu, dass Kinder seit Juni 2026 ohne Schulplatz zu Hause betreut werden mĂŒssen, wĂ€hrend Wartelisten fĂŒr TherapieplĂ€tze nahezu unerreichbar bleiben.

Investitionen in Infrastruktur und akademische Ausbildung

Trotz der systemischen Schwierigkeiten gibt es AnsĂ€tze zur strukturellen Verbesserung. In SĂŒdtirol wurde Ende August 2026 ein Maßnahmenpaket verabschiedet, das ab dem Jahr 2027 eine schrittweise Aufstockung der Integrationslehrpersonen vorsieht. Zudem sollen Stellen ab dem Schuljahr 2027/28 direkt an die Schulen zugewiesen werden.

In Osterholz wurde bereits zum 1. August 2026 ein neues SchulgebĂ€ude fĂŒr die „Schule am Osterholze“ in Betrieb genommen. Der Umbau des ehemaligen Kreishauses kostete rund 4 Millionen Euro und bietet auf 3.800 Quadratmetern Platz fĂŒr 135 SchĂŒler in 18 Klassen.

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Auf akademischer Ebene startet im Oktober 2026 eine Kooperation zwischen der PH Tirol und der UMIT TIROL. Das neue außerordentliche Masterstudium „Spezifische Lernförderung und Beratung“ richtet sich an Fachleute wie LehrkrĂ€fte, Psychologen und Therapeuten. Ziel ist es, die UnterstĂŒtzung bei Lernschwierigkeiten, ADHS und Autismus zu professionalisieren.

Dass solche spezialisierten AnsĂ€tze notwendig sind, zeigen auch individuelle Bildungsbiografien wie die des Musikstudenten Philipp, der trotz Autismus und sensorischer Belastungen sein Studium absolviert. Fachleute betonen hierbei die Bedeutung der Musik als Ventil fĂŒr Emotionen, fordern jedoch gleichzeitig von den Hochschulen, sensorische ReizĂŒberflutungen gezielt zu reduzieren.

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