Nierenkrankheit, ESC-Leitlinien

Nierenkrankheit: ESC-Leitlinien fordern Screening bei Herzpatienten

Veröffentlicht am: 03.09.2026 um 17:09 Uhr | Redaktion boerse-global.de

ESC und ERA empfehlen bei Herz-Kreislauf-Erkrankungen eine systematische Nierenprüfung, um unerkannte CKD früher zu erkennen und gezielter zu behandeln.

Neue Herzleitlinien rücken Nierenscreening in den Mittelpunkt
Ein steriler medizinischer Laborraum mit Glasphiolen auf einer Edelstahloberfläche, symbolisch für die Nierendiagnostik. Illustration mit AI erstellt.

Die medizinische Versorgung von Patienten mit Herz-Kreislauf-Erkrankungen steht vor einer systemischen Neuausrichtung. Hintergrund sind neue klinische Leitlinien, die Ende August 2026 auf dem ESC-Kongress in München vorgestellt wurden. Diese erstmals gemeinsam von der European Society of Cardiology (ESC) und der European Renal Association (ERA) entwickelten Empfehlungen rücken die chronische Nierenerkrankung (CKD) als zentralen Risikofaktor in den Fokus der kardiologischen Praxis.

Integration von Nieren- und Herz-Kreislauf-Versorgung

Die im European Heart Journal publizierten Leitlinien sehen ein verpflichtendes Screening auf CKD bei allen Patienten vor, bei denen eine Herz-Kreislauf-Erkrankung diagnostiziert wurde.

Hierbei empfahl die Fachgesellschaft die kombinierte Anwendung der geschätzten glomerulären Filtrationsrate (eGFR) über das Blutkreatinin sowie die Bestimmung der Urin-Albumin-Kreatinin-Ratio (UACR). Bei Patienten mit einem niedrigen Risikoprofil sehen die Experten Kontrolluntersuchungen in einem Rhythmus von zwei bis drei Jahren vor.

Diese diagnostische Verschärfung zielt auf eine signifikante Senkung der Sterblichkeit und Morbidität ab. Eine frühzeitige Identifikation von Nierenschäden ermöglicht laut den Leitlinien den gezielten Einsatz von therapeutischen Maßnahmen, darunter RAS-Inhibitoren, SGLT2-Inhibitoren und Statine.

Die Relevanz dieser Maßnahme unterstreichen klinische Beobachtungen, wonach etwa die Hälfte aller Patienten mit Herzschwäche gleichzeitig an einer chronischen Nierenerkrankung leidet.

Hohe Dunkelziffer und wirtschaftliche Belastung

Die Tragweite der neuen Empfehlungen wird durch aktuelle epidemiologische Daten verdeutlicht. Schätzungen zufolge leben in Europa rund 100 Millionen Menschen mit CKD. Für Deutschland wird die Zahl der Betroffenen auf etwa acht Millionen beziffert.

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Die gesundheitsökonomischen Auswirkungen sind erheblich: Im Jahr 2020 verursachte die Behandlung von Nierenerkrankungen in Deutschland Kosten von über 24 Milliarden Euro, was etwa 5 Prozent der gesamten Gesundheitsausgaben entsprach. Derzeit sind rund 100.000 Menschen auf eine Dialyse angewiesen, während 20.000 Personen mit einer Spenderniere leben.

Besonders kritisch bewerten Experten die hohe Dunkelziffer bei Nierenschäden. Die NAKO-Studie, die 35.000 Teilnehmer untersuchte, zeigte bei 18,4 Prozent der Probanden Auffälligkeiten im Urintest.

Davon waren jedoch lediglich 5 Prozent über ihre Diagnose informiert. International ist das Ausmaß noch gravierender; laut Daten des Magazins The Lancet aus dem Jahr 2023 sind weltweit etwa 788 Millionen Menschen von chronischen Nierenerkrankungen betroffen.

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Forderungen nach erweiterten Diagnoseverfahren

Im Vorfeld des im Oktober 2026 stattfindenden Deutschen Nephrologie-Kongresses verstärkt auch die Deutsche Gesellschaft für Nephrologie (DGfN) ihre Forderungen nach einer Reform der Diagnose praxis. Die Fachgesellschaft betonte, dass die alleinige Messung des Kreatininwerts zur Früherkennung unzureichend sei. Stattdessen sei eine umfassende Beurteilung mittels eGFR und UACR bei allen Risikopatienten mit Herz-Kreislauf-Problemen notwendig.

Politische Unterstützung erfährt dieser Vorstoß durch Initiativen auf europäischer Ebene. Bereits im Dezember 2025 wurde der „Safe Hearts Plan“ der EU vorgestellt, der eine stärkere Integration von Nieren-Screenings in die kardiologische Regelversorgung vorsieht.

Die medizinische Fachwelt erwartet, dass die Diskussionen über die praktische Umsetzung dieser integrierten Versorgungsprozesse einen Schwerpunkt der kommenden Fachkonferenzen im Herbst 2026 bilden werden.

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