Notaufnahmen: DGINA-Umfrage zeigt Ăberlastung in 45 Prozent der Kliniken
Veröffentlicht am: 23.09.2026 um 21:09 Uhr | Redaktion boerse-global.de
Eine detaillierte Untersuchung der Arbeitsbedingungen in deutschen Notaufnahmen verdeutlicht eine tiefgreifende Krise in der Akutversorgung. Basierend auf einer Blitzumfrage der Deutschen Gesellschaft InterdisziplinĂ€re Notfall- und Akutmedizin (DGINA), die Daten fĂŒr einen Stichtag am 2. Juni 2026 erhob, zeigt sich ein Bild der dauerhaften Ăberlastung.
Insgesamt nahmen 271 Notaufnahmen aller Versorgungsstufen aus sÀmtlichen 16 BundeslÀndern an der Erhebung teil. Diese Kliniken versorgen gemeinsam rund 8,5 Millionen der jÀhrlich bundesweit anfallenden 21 bis 25 Millionen Notfallpatienten.
Kritische Belastung der Leitstellen und VersorgungsrealitÀt
Die Analyse der Umfragedaten offenbart signifikante EngpÀsse in der Koordination der Notfallströme. Demnach meldeten 32,1 % der teilnehmenden Einrichtungen am untersuchten Stichtag eine vollstÀndige KapazitÀtserschöpfung an die Leitstellen.
Trotz dieser offiziellen Abmeldung wurden 79,1 % dieser HĂ€user weiterhin mit neuen Notfallpatienten belegt. Insgesamt gaben 45 % der befragten Notaufnahmen an, am Stichtag fĂŒr mindestens zwei Stunden ĂŒberlastet gewesen zu sein.
Zur objektiven Messung der Belastung wurde der CEDOC-Score herangezogen. Die Ergebnisse zeigen, dass 31,4 % der Einrichtungen die Belastungsstufe 4 (orange) erreichten.
Besonders kritisch stellt sich die Lage fĂŒr rund 13 % der Kliniken dar, die ein schwerwiegendes oder gefĂ€hrliches Overcrowding verzeichneten: 8,1 % fielen in das Level 5 (rot) und 5,5 % erreichten Level 6 (schwarz). In der letztgenannten Stufe ist eine individualmedizinische Versorgung laut Definition nicht mehr im vollen Umfang möglich.
Strukturelle Blockaden durch Bettenmangel und Personalnot
Ein wesentlicher Treiber der Ăberlastung ist der sogenannte Exit-Block. Rund 60,6 % der Kliniken berichteten, dass Patienten aufgrund fehlender stationĂ€rer Betten nicht aus der Notaufnahme auf die regulĂ€ren Stationen verlegt werden konnten.
In der Folge stauten sich die Patienten in den Ambulanzbereichen. Etwa die HÀlfte der zentralen Notaufnahmen gab an, dass die Belastung durch diesen Effekt in den vergangenen zwölf Monaten weiter zugenommen habe.
45 % der Notaufnahmen meldeten am Stichtag mindestens zwei Stunden Ăberlastung, 60,6 % berichten einen Exit-Block durch fehlende Betten. Wer seine Klinik jetzt auf die geplante INZ-Struktur vorbereitet, verschafft sich einen Vorsprung gegenĂŒber HĂ€usern, die erst nach der Verabschiedung reagieren. Kostenlosen Reform-Report jetzt anfordern
Die Personalsituation verschÀrft die Problematik zusÀtzlich. Laut der Erhebung meldeten 63,1 % der Standorte unbesetzte Stellen im Àrztlichen Dienst sowie in der Pflege. Hinzu kamen akute KrankheitsausfÀlle in 65,7 % der Einrichtungen.
Lediglich 31,8 % der befragten Kliniken bewerteten ihre personelle Ausstattung als ausreichend. DGINA-PrĂ€sident Martin Pin Ă€uĂerte sich besorgt ĂŒber diese Resultate und warnte vor einer GefĂ€hrdung der Patientensicherheit.
Wirtschaftliche Schieflage und politischer Reformdruck
Neben strukturellen Problemen belasten ökonomische Defizite die KrankenhÀuser. Berechnungen des Gesundheitsökonomen Brachmann von der UniversitÀt Witten/Herdecke zufolge erwirtschaften Kliniken pro gesetzlich versichertem Notfallpatienten einen durchschnittlichen Verlust von 94 Euro.
Exemplarisch fĂŒr die hohe Frequenz stehen HĂ€user wie das Agaplesion Diakonieklinikum Rotenburg mit ĂŒber 700 Betten, das jĂ€hrlich zirka 50.000 Notfallpatienten versorgt. Am Klinikum FĂŒrth wird an durchschnittlich fĂŒnf von sieben Tagen pro Woche ein Overcrowding registriert.
Angesichts dieser Daten fordern Branchenvertreter dringende MaĂnahmen. Der Hamburger Notfallversorger Asklepios verlangt durch CMO Sara Sheikhzadeh und GeschĂ€ftsfĂŒhrer Joachim Gemmel eine zĂŒgige Umsetzung der geplanten Notfallreform auf Bundesebene.
Gerald GaĂ, Chef der Deutschen Krankenhausgesellschaft (DKG), wies zudem darauf hin, dass Notaufnahmen zunehmend als Ersatz fĂŒr eine lĂŒckenhafte niedergelassene Versorgung fungieren und verstĂ€rkt BagatellfĂ€lle behandeln mĂŒssten.
94 Euro Verlust pro gesetzlich versichertem Notfallpatienten, dazu 63,1 % unbesetzte Stellen in Arzt- und Pflegedienst â die wirtschaftliche Schieflage trifft jede Klinikleitung direkt. Dieser Report zeigt, wie Sie PersonalengpĂ€sse und Erlösverluste mit dem CEDOC-Score messbar einordnen und gegensteuern. Benchmark-Checkliste jetzt sichern
Ein entsprechender Gesetzentwurf zur Notfallreform wurde bereits vom Bundeskabinett gebilligt und befindet sich in der parlamentarischen Beratung. KernstĂŒck der Reform sollen Integrierte Notfallzentren (INZ) sein, deren Verabschiedung fĂŒr den Herbst 2026 vorgesehen ist.
WĂ€hrend der GrĂŒnen-Politiker Janosch Dahmen zur Eile mahnt, fordert Stella Merendino fĂŒr die Linksfraktion eine vollstĂ€ndige Refinanzierung der Personal- und Sachkosten, um die StabilitĂ€t der Notfallversorgung dauerhaft zu gewĂ€hrleisten.
Mehr zum Thema bei DER SPIEGEL: âNotaufnahmen: Umfrage zeigt dramatische Ăberlastung in deutschen Klinikenâ
