Notaufnahmen-Krise: 45% der Kliniken überlastet, Patientensicherheit gefährdet
Veröffentlicht am: 22.09.2026 um 08:18 Uhr | Redaktion boerse-global.de
Die Belastungssituation in den Notaufnahmen deutscher Krankenhäuser spitzt sich weiter zu. Erhebungen der Deutschen Gesellschaft für Interdisziplinäre Notfall- und Akutmedizin (DGINA) verdeutlichen das Ausmaß der strukturellen Engpässe.
In der dritten Blitzumfrage der Fachgesellschaft vom 2. Juni 2026 meldeten 45,0 Prozent der teilnehmenden Notaufnahmen eine akute Überlastung entsprechend der CEDOC-Stufen 4 bis 6. Einen besonders kritischen Zustand der Stufen 5 und 6 gaben 13,7 Prozent an; 8,1 Prozent stuften ihre Situation als rot ein und 5,5 Prozent als schwarz, was eine akute Patientengefährdung darstellt. Weitere 31,4 Prozent verzeichneten die Warnstufe Orange.
Kapazitätsgrenzen und Stau bei der Weiterverlegung
An der DGINA-Umfrage beteiligten sich 271 auswertbare Notaufnahmen aller Versorgungsstufen aus allen 16 Bundesländern. Darunter befanden sich 82 Basisversorger (30,3 Prozent), 105 erweiterte Versorger (38,7 Prozent) sowie 84 umfassende Notfallversorger (31,0 Prozent).
Zusammen erfassten diese Einrichtungen im Jahr 2025 insgesamt 8.521.888 Notfallpatientenkontakte bei einem Median von 30.000 Kontakten pro Jahr. Damit zeichnen die befragten Stellen für rund 8,5 Millionen der bundesweit jährlich 21 bis 25 Millionen Notfallpatienten verantwortlich.
Am Stichtag waren 45 Prozent der Notaufnahmen mindestens zwei Stunden lang überlastet; bei 5,5 Prozent war die individualmedizinische Versorgung kritisch eingeschränkt und nicht mehr vollumfänglich möglich.
Als zentraler Engpass erweist sich der sogenannte Exit-Block, also die Unfähigkeit, aufgenommene Patienten zeitnah auf weiterführende Stationen zu verlegen. Ein solcher Verlegungsstau trat bei 60,6 Prozent der Kliniken auf (n=269).
Die häufigste Ursache bildete mit 60,9 Prozent eine verzögerte Abverlegung auf die Normalstation infolge von Bettenmangel. Bei den umfassenden Notfallversorgern lag der Wert für den Exit-Block sogar bei 77,4 Prozent und der für Überfüllung bei 61,9 Prozent.
Die Konsequenzen für die Leitstellen sind gravierend: 32,1 Prozent der Notaufnahmen meldeten eine Kapazitätserschöpfung an die jeweilige Integrierte Leitstelle. Von diesen gemeldeten Abteilungen wurden jedoch 79,1 Prozent dennoch weiter mit Notfällen belegt (n=86). DGINA-Präsident Martin Pin wies darauf hin, dass die Patientensicherheit in derartigen Belastungssituationen gefährdet sei.
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Personalnot und wirtschaftlicher Fehlbedarf
Verstärkt werden die Probleme durch den Mangel an Fachkräften. Rund zwei Drittel der Notaufnahmen kämpfen mit offenen Stellen im ärztlichen Dienst sowie in der Pflege: 63,1 Prozent der Häuser berichteten von unbesetzten Positionen und 65,7 Prozent von akuten Krankheitsausfällen.
Lediglich jeweils 31,8 Prozent der Standorte halten ihre pflegerische beziehungsweise ärztliche Personalausstattung derzeit für ausreichend (n=267). Fast die Hälfte der Teilnehmenden (49,4 Prozent) verzeichnete in den vergangenen zwölf Monaten eine zunahme der Arbeitsbelastung.
Praxisbeispiele aus den Kliniken spiegeln diese Lage wider. Am Klinikum Fürth tritt Überlastung an rund von sieben Tagen pro Woche auf. Das Agaplesion Diakonieklinikum Rotenburg, ein Maximalversorger mit über 700 Betten und rund 50.000 Notfallpatienten pro Jahr, berichtet, dass ein Exit-Block ab einer Belegungsquote von 85 Prozent schwer und ab 90 Prozent kaum noch vermeidbar sei.
Verschärft wird die Situation durch finanzielle Defizite: Nach Berechnungen des Gesundheitsökonomen Brachmann von der Universität Witten/Herdecke zahlt der Klinikbetreiber je gesetzlich versichertem Notfallpatienten durchschnittlich 94 Euro drauf.
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Die Debatte um Notfallreform und Entbürokratisierung
Vor diesem Hintergrund soll die Notfallreform der Bundesregierung im Herbst 2026 im Bundestag verabschiedet werden. Das Gesetzesvorhaben zielt auf die Entlastung der Notaufnahmen, den Ausbau Integrierter Notfallzentren (INZ) sowie eine schnellere Steuerung der Hilfesuchenden in die ambulante oder stationäre Versorgungsebene ab.
Auf dem Krankenhausgipfel der Deutschen Krankenhausgesellschaft (DKG) in Berlin stellte Bundesgesundheitsminister Carsten Linnemann (CDU) in Aussicht, 550 Millionen Euro zusätzliche Mittel für Kliniken an das Gesetz zu koppeln, die bei einer Verabschiedung Anfang 2027 fließen könnten. Zudem kündigte er für 2026 den Entwurf eines Bürokratierückbaugesetzes an.
DKG-Vorstandsvorsitzender Gerald Gaß forderte einen grundlegenden Kurswechsel und betonte, dass 176.000 Vollzeitkräfte in deutschen Krankenhäusern ausschließlich mit Bürokratie beschäftigt seien.
Die Vorstandsvorsitzende des AOK-Bundesverbands, Carola Reimann, warnte hingegen vor einer pauschalen Deregulierung. Vorgaben zur Struktur- und Prozessqualität blieben unverzichtbar, da höhere Fallzahlen und eingespielte Abläufe nachweislich zu besseren Behandlungsergebnissen führten.
