Ocrevus: Rote-Hand-Brief verlangt Lebertests vor den ersten Infusionen
Veröffentlicht am: 16.10.2026 um 00:48 Uhr | Redaktion boerse-global.deBei der Behandlung von Multipler Sklerose gelten Antikörpertherapien seit Jahren als wichtige SĂ€ule. Ein am 8. Oktober 2026 veröffentlichter Rote-Hand-Brief zu Ocrelizumab, bekannt unter dem Handelsnamen Ocrevus, rĂŒckt nun jedoch eine neue Sicherheitsanforderung in den Fokus.
Medizinische Behörden haben arzneimittelbedingte LeberschĂ€den als neues Risiko identifiziert. Vor diesem Hintergrund wurden die Ăberwachungsvorgaben fĂŒr medizinisches Personal und Behandelte im europĂ€ischen Raum angepasst.
Neue Ăberwachungspflichten und typische Warnsignale
Die aktualisierten Sicherheitsvorgaben sehen verbindliche Leberfunktionstests vor Beginn der Therapie vor. Eine weitere Kontrolle ist vor der zweiten Infusion der Anfangsbehandlung erforderlich, die ĂŒblicherweise nach 14 Tagen verabreicht wird.
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Diese Kontrollpflicht gilt fĂŒr die Initialdosis und nicht fĂŒr die fortlaufende Erhaltungstherapie. Treten Beschwerden auf, mĂŒssen die Leberwerte jederzeit umgehend ĂŒberprĂŒft werden, was auch fĂŒr eine subkutane Gabe des Wirkstoffs gilt.
Erfahrungen zeigen, dass LeberschĂ€digungen typischerweise innerhalb eines Monats nach der ersten Anfangsdosis auftreten. Zu den relevanten Warnzeichen zĂ€hlen unter anderem Erschöpfung, Appetitlosigkeit, Ăbelkeit, Erbrechen, Schmerzen im rechten Oberbauch sowie dunkler Urin und eine GelbfĂ€rbung von Haut oder Augen.
BestĂ€tigt sich eine LeberschĂ€digung, muss Ocrelizumab abgesetzt werden. Eine Wiederaufnahme der Behandlung kommt erst dann in Betracht, wenn eine plausible alternative Ursache fĂŒr die LaborverĂ€nderungen nachgewiesen werden kann.
Datenbasis und behördliche Einstufung
Ocrelizumab ist in Deutschland seit 2018 fĂŒr schubförmige Multiple Sklerose (RMS) sowie fĂŒr frĂŒhe primĂ€r progrediente MS bei Erwachsenen zugelassen. Laut dem Rote-Hand-Brief ist die genaue HĂ€ufigkeit der LeberschĂ€den unbekannt. Ein GroĂteil der erfassten FĂ€lle verlief nicht schwerwiegend, wenngleich einzelne schwere oder lebensbedrohliche VerlĂ€ufe dokumentiert wurden.
Der tschechischen Arzneimittelbehörde SĂKL zufolge, die am 8. Oktober 2026 ebenfalls einen Sicherheitsbrief veröffentlichte, wurden einige betroffene Patienten vorĂŒbergehend auf die Warteliste fĂŒr eine Lebertransplantation gesetzt. Nach entsprechender Behandlung bildete sich die SchĂ€digung jedoch zurĂŒck, sodass alle Betroffenen wieder von der Liste gestrichen werden konnten.
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Die Sicherheitsbewertung stĂŒtzt sich auf eine breite Datenbasis. Bis zum 31. Oktober 2025 hatten weltweit schĂ€tzungsweise 451.174 Patienten das PrĂ€parat erhalten, was mehr als 1,4 Millionen Patientenjahren entspricht.
Dem Versand der Sicherheitsinformationen an alle EU- und EWR-Staaten am 8. Oktober 2026 ging die Zustimmung des Sicherheitsausschusses PRAC am 3. September 2026 sowie die BestĂ€tigung durch den Ausschuss fĂŒr Humanarzneimittel (CHMP) am 17. September 2026 voraus.
Wie weit verbreitet das Medikament im klinischen Alltag ist, zeigen beispielhaft Registerdaten: Im tschechischen ReMuS-Register entfielen im Jahr 2023 15,47 Prozent der 15.915 aktiv beobachteten Biologika-Patienten auf Ocrevus, was rund 2.500 Personen entsprach.
Einordnung fĂŒr die therapeutische Praxis
Bereits am 24. Juli 2026 hatte der Ărztliche Beirat der Deutschen Multiple Sklerose Gesellschaft (DMSG) auf mögliche Leberfunktionsstörungen nach der ersten Infusion hingewiesen und die damalige HĂ€ufigkeit laut Datenlage auf unter 1 zu 10.000 beziffert. Damals wurden auch andere Substanzen wie Ofatumumab, Rituximab und Ublituximab genannt, zu denen es jedoch keine neuen Erkenntnisse gibt.
Fachleute des DMSG-Beirats unterstreichen, dass die neuen Hinweise im Rahmen der Nutzen-Risiko-AbwĂ€gung aufmerksam berĂŒcksichtigt werden mĂŒssen. Der grundsĂ€tzliche therapeutische Nutzen von Ocrelizumab und vergleichbaren Anti-CD20-Antikörpern werde dadurch jedoch nicht infrage gestellt.
Betroffene sollten die verordnete Medikation keinesfalls eigenmÀchtig absetzen, sondern bei AuffÀlligkeiten oder Unsicherheiten das direkte GesprÀch mit dem behandelnden Fachpersonal suchen.
