Osteoarthritis, Arztbesuche

Osteoarthritis: 74 Prozent der Arztbesuche enden mit Medikamenten

Veröffentlicht am: 20.10.2026 um 17:30 Uhr | Redaktion boerse-global.de
Fachleute betonen veränderbare Einflussfaktoren und fordern eine Versorgung, die Bewegung, Alltag und individuelle Therapie stärker berücksichtigt.
Ein von der Sonne beleuchteter Kiesweg in einem Park, der zu körperlicher Aktivität und Bewegung einlädt. Illustration mit AI erstellt.

Aktuelle wissenschaftliche Untersuchungen und fachliche Einschätzungen verdeutlichen, dass eine genetische Veranlagung nur für einen geringen Teil der Fälle von Knie-Osteoarthritis verantwortlich ist.

Vielmehr rücken modifizierbare Lebensstilfaktoren und gezielte Verhaltensanpassungen in den Mittelpunkt der medizinischen Betrachtung. Die Erkenntnisse legen nahe, dass Betroffene dem Krankheitsverlauf keineswegs unausweichlich ausgeliefert sind, sondern maßgeblichen Einfluss auf Prävention und Beschwerdeverlauf nehmen können.

Kritik an veralteten Krankheitskonzepten

In Fachkreisen wächst die Forderung nach einer grundlegenden Neuausrichtung in der Versorgung von Osteoarthritis. Andrew Briggs von der Curtin University in Australien plädiert in einer Übersichtsarbeit dafür, den Fokus von rein mechanischen Erklärungen wie reinem Gelenkverschleiß abzuwenden.

Stattdessen müssten Bewegung, funktionale Alltagskompetenzen und eine verbesserte Kommunikation mit den Patienten im Zentrum stehen. Begriffe wie Gelenkabnutzung hinterließen bei Betroffenen oft ein Gefühl der Hoffnungslosigkeit. Dies führe laut Studien dazu, dass vermehrt operative Eingriffe nachgefragt würden, während das Interesse an körperlicher Aktivität und Gewichtsmanagement sinke.

Ähnlich argumentiert David Hunter von der University of Sydney. Beschreibungen wie Knochen auf Knochen oder einfacher Verschleiß seien überholt und begünstigten Therapieabbrüche. Zudem gebe es bislang kein Medikament, das das Fortschreiten einer Osteoarthritis stoppen oder verlangsamen könne.

Auch die Diagnostik bedarf einer differenzierten Einordnung: Ein Röntgenbefund kann bereits schwere Schädigungen im Kniegelenk abbilden, ohne dass die betroffene Person unter Schmerzen leidet.

Diskrepanz zwischen Leitlinien und Praxis

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Die reale Versorgung spiegelt diese Erkenntnisse bislang nur unzureichend wider. Eine Studie zu 9.196 australischen Hausarztbesuchen im Zusammenhang mit Hüft- und Knie-Osteoarthritis zeigte, dass 74 Prozent der Konsultationen auf die Verordnung von Medikamenten entfielen, während nur 23 Prozent das Management von Lebensstilfaktoren betrafen.

Ältere Daten aus Australien aus den Jahren 2009 und 2010 wiesen bereits darauf hin, dass lediglich 43 Prozent der Osteoarthritis-Versorgung den bestehenden Empfehlungen entsprachen.

Auf globaler Ebene nimmt die Belastung stetig zu. Im Jahr 2023 litten weltweit rund 600 Millionen Menschen an Osteoarthritis. Prognosen gehen davon aus, dass sich diese Zahl bis zum Jahr 2050 einer Milliarde annähern wird.

Eine in der Fachzeitschrift The Lancet veröffentlichte Großanalyse zeigte zudem, dass 67 Prozent der Betroffenen an mindestens einer weiteren chronischen Erkrankung leiden. Allerdings lieferten lediglich 42 von 204 untersuchten Ländern eigene Primärdaten für diese Erhebung.

Erhebliche Unterschiede bestehen auch bei der Versorgung: Eine Erhebung der Weltgesundheitsorganisation aus dem Jahr 2023 zu Rehabilitationsdiensten für Muskel- und Gelenkerkrankungen ergab, dass fast 80 Prozent der einkommensstarken Länder über entsprechende Angebote verfügen, verglichen mit unter 50 Prozent der Staaten mit geringem Einkommen.

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Risiken, Warnzeichen und moderne Therapieansätze

Orthopäden identifizieren jenseits des reinen Lebensalters vier wesentliche Risikofaktoren für eine Kniearthrose: vorangegangene Gelenkverletzungen wie Frakturen, Meniskus- oder Bänderrisse, Übergewicht, langfristige Fehl- und Überlastungen durch sich wiederholende Bewegungsabläufe sowie das Alter in Kombination mit der individuellen Gelenkanatomie.

Typische Warnzeichen sind Schmerzen beim Treppensteigen, Probleme beim Aufstehen, wiederkehrende Schwellungen sowie Morgensteifigkeit. Auch Erwachsene im Alter von 30 bis 40 Jahren können bereits betroffen sein.

Fang Yanbo vom Zelltherapiezentrum des Annan Hospital in Tainan betont, dass Osteoarthritis als chronische Erkrankung des gesamten Gelenks verstanden werden muss, die neben dem Knorpel auch den Knochen unterhalb des Knorpels, die Gelenkschleimhaut und die Bänder einbezieht. Das therapeutische Vorgehen richte sich individuell nach dem Befund: Neben Lebensstiländerungen, Gewichtsreduktion und einer gezielten Stärkung der Oberschenkelmuskulatur können medikamentöse Therapien, Injektionen mit Hyaluronsäure oder plättchenreichem Plasma sowie gelenkerhaltende Operationen oder Prothesen zum Einsatz kommen.

Therapien mit mesenchymalen Stammzellen stellen derzeit eine Forschungsrichtung dar; ihre Sicherheit und Wirksamkeit sind noch nicht durch hinreichende klinische Studien belegt und unterliegen gesetzlichen Vorgaben für regenerative Medizin.

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