Osteoporose: Nach dem ersten Bruch ist das Risiko für weitere Frakturen fünffach erhöht
Veröffentlicht am: 14.10.2026 um 07:18 Uhr | Redaktion boerse-global.de
Anlässlich des Welt-Osteoporose-Tages weisen Experten und medizinische Fachgesellschaften auf erhebliche Defizite in der Diagnostik und Nachsorge hin.
Viele Betroffene erhalten nach einer ersten Fraktur keine ausreichende medizinische Weiterbehandlung, obwohl eine rechtzeitige Knochendichtemessung weitere schwere Knochenbrüche verhindern könnte. Da die Erkrankung über Jahre hinweg ohne erkennbare Symptome verlaufen kann, unterbleiben selbst nach einem Knochenbruch häufig gezielte Abklärungen.
Hohe Dunkelziffer und Unterversorgung im Alter
Die Dimension der Unterversorgung verdeutlichen Daten aus der Schweiz: Laut der International Osteoporosis Foundation (IOF) und der Schweizer Rheumaliga erhalten dort rund 684.000 von Osteoporose betroffene Frauen keine entsprechende Behandlung. Wie weit die Unterversorgung bei Männern reicht, ist derzeit unbekannt.
Ab einem Alter von 50 Jahren erleiden eine von zwei Frauen sowie einer von fünf Männern im Laufe des Lebens eine osteoporotische Knochenfraktur. Um das Bewusstsein zu schärfen, initiierte die Schweizer Rheumaliga anlässlich des Welt-Rheumatags eine nationale Kampagne mit einem neuen Risiko-Check.
In Deutschland sind nach Schätzungen rund 5 Millionen Erwachsene betroffen, was etwa 7 Prozent der erwachsenen Bevölkerung entspricht; rund 80 Prozent der Fälle entfallen dabei auf Frauen.
Nach Erhebungen des Wissenschaftlichen Instituts der AOK und der AOK Ludwigsburg-Rems-Murr steigt das Erkrankungsrisiko ab dem 50. Lebensjahr kontinuierlich an und erreicht bei den 80- bis 84-Jährigen seinen Höchststand.
Im baden-württembergischen Rems-Murr-Kreis befanden sich 2024 insgesamt 4529 Versicherte (2,6 Prozent) wegen Osteoporose in ärztlicher Behandlung, landesweit waren es knapp über 134.000 Versicherte (2,95 Prozent). Zwischen 2020 und 2024 sanken die Behandlungszahlen im Landkreis um 1,48 Prozent und landesweit um 1,18 Prozent.
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Kaskadeneffekt nach der ersten Fraktur
Das Risiko für Folgefrakturen ist besonders kurz nach dem ersten Knochenbruch akut. Auf dem Health-Chosun-Kongress im POSCO Tower Yeoksam am 1. Oktober 2026 legten Kwon Ji Won vom Gangnam Severance Hospital und Lim Young Wook vom Seoul St. Mary's Hospital dar, dass nach einer Erstfraktur ein etwa fünffaches Risiko für weitere Brüche besteht. Diese Gefahr konzentriere sich vor allem auf die ersten ein bis zwei Jahre.
Brüche treten den Medizinern zufolge häufig wie Dominosteine nacheinander an Handgelenk, Wirbelsäule und Hüfte auf. Eine Hüftfraktur beeinträchtige den Alltag massiv; mitunter folge nur wenige Monate nach der Versorgung ein Bruch der Gegenseite.
Zur Extrem-Hochrisikogruppe zählen Personen mit kürzlich erlittenen Knochenbrüchen, Frakturen an mehreren Stellen oder einem T-Score unter -3,0. Für diese Gruppe empfehlen die Experten eine sequenzielle Therapie: zunächst ein knochenbildendes Präparat wie Romosozumab als Erstlinienbehandlung, gefolgt von einem Knochenresorptionshemmer.
Diagnostische Standards und Versorgungsinitiativen
Als diagnostischer Standard gilt die DXA-Messung an Lendenwirbelsäule und Hüfte. Ein T-Score von -2,5 oder niedriger bestätigt den Befund Osteoporose, während Werte zwischen -1,0 und -2,5 als Osteopenie eingestuft werden. Eine AOK-Medizinerin betonte, dass das Frakturrisiko ab dem 70. Lebensjahr genauer geprüft werden sollte, bei Vorliegen von Risikofaktoren auch früher.
Sobald das Drei-Jahres-Frakturrisiko bei fünf Prozent liege, reichten Bewegung und Ernährungsanpassungen oft nicht mehr aus. Zu den Risikofaktoren zählen neben Alter und Menopause auch Bewegungsmangel, Rauchen, rheumatoide Arthritis, familiäre Vorbelastung sowie die längerfristige Einnahme von Kortison.
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Die spanische Fachgesellschaft semFYC hob in Empfehlungen hervor, dass das Frakturrisiko bei Fragilität nicht allein anhand der Densitometrie beurteilt werden sollte, sondern im klinischen Gesamtzusammenhang mit Alter, Sturzrisiko und Frakturhistorie.
Zudem verwies die Gesellschaft auf den Delphi-Konsens 2025 und das FRAX-Instrument zur Zehn-Jahres-Risikobestimmung. Zur Schließung regionaler Versorgungslücken eröffnete die Klinik Güssing im Burgenland Anfang Oktober 2026 eine spezialisierte Osteoporose-Ambulanz, die auf strukturierte Früherkennung, Verlaufskontrollen und individuelle Therapien ausgerichtet ist.
