Osteoporose-Nachsorge: FLS-Programme können Folgebrüche um bis zu 60 Prozent senken
Veröffentlicht am: 27.10.2026 um 19:30 Uhr | Redaktion boerse-global.deNach dem Auftreten einer ersten osteoporotischen Fraktur sind eine eingehende Untersuchung des Patienten, die Einleitung einer gezielten Osteoporose-Behandlung sowie eine strukturierte Nachkontrolle zwingend notwendig. Darauf wies Dr. María Jesús Rodríguez Macías von der Fachgesellschaft GEER laut einem Bericht vom 27. Oktober 2026 hin. Grund dafür sei das unmittelbar ansteigende Risiko für weitere Knochenbrüche.
Bereits im Februar war in der Fachzeitschrift „Archives of Osteoporosis“ ein Konsenspapier zum Management osteoporotischer Wirbelfrakturen („Manejo de la Fractura Vertebral Osteoporótica“) publiziert worden.
Die Dringlichkeit einer systematischen Nachbetreuung unterstreichen auch Zahlen aus dem spanischen Frakturregister (Registro Español de Fracturas Osteoporóticas), die in „Archives of Medical Research“ erschienen sind: Bei 8.962 Patienten über 50 Jahre in 25 spanischen Zentren lagen die 12-Monats-Rezidivraten bei 7,7 neuen Frakturen pro 100 Patientenjahre in orthogeriatrischen Einheiten und bei 5,5 in Abteilungen für Knochenstoffwechsel.
Versorgungslücken und Risiken nach der Erstfraktur
Laut dem brasilianischen Osteoporose-Leitfaden (Manual Brasileiro de Osteoporose) betrifft die Erkrankung weltweit schätzungsweise rund 200 Millionen Menschen.
Nach einer ersten Fraktur verdoppelt sich die Wahrscheinlichkeit eines weiteren Bruchs, bei Wirbelfrakturen steigt sie sogar auf das Vierfache. Strukturierte Frakturkoordinationsdienste (Fracture Liaison Services, FLS) können neue Knochenbrüche nach Angaben des Leitfadens um 30 bis 60 Prozent verringern.
Dennoch bleiben Diagnose- und Therapielücken weit verbreitet: In Brasilien erhält nach einer Hüftfraktur nur etwa ein Drittel der Betroffenen eine Diagnose, und lediglich 20 Prozent haben Zugang zu einer Behandlung. Die jährlichen Kosten werden auf 1,2 Milliarden Real beziffert, bei Ausgaben von 2,7 bis 11,9 Tausend US-Dollar je Hüftfraktur.
Dass die Versorgung nach Schenkelhalsbrüchen häufig unzureichend verläuft, zeigt auch eine Analyse von Fujin Liao und Kollegen vom Shenzhen Pingle Orthopedic Hospital und der Shenzhen University in „Frontiers in Public Health“.
Eine darin ausgewertete dänische Kohorte von 57.887 Hüftfraktur-Patienten ab 65 Jahren wies nach einem Jahr eine Medikationsstart-Rate von lediglich 14,8 Prozent bei dokumentierter affektiver Störung auf, gegenüber 20,8 Prozent ohne solche Diagnose. In einer Meta-Analyse von 27 Studien mit 11.958 älteren Betroffenen lag die gepoolte Depressionsprävalenz bei 23 Prozent.
Wer sich mit dem Erhalt der Knochengesundheit und dem Schutz vor Verletzungen befasst, kann durch gezieltes Training einen wichtigen Beitrag leisten. In diesem kostenlosen Ratgeber erfahren Sie, wie Sie mit minimalem Aufwand Beschwerden vorbeugen und Ihre Muskulatur stärken. 17 sofort umsetzbare Schutzmaßnahmen entdecken
Audit-Daten der FLS-Datenbank für England und Wales aus dem Jahr 2026 (für Versorgungsdaten aus 2024) über mehr als 83.500 Patientendatensätze ab 50 Jahren in 77 Einrichtungen offenbaren ebenfalls Engpässe: Zwar erhielten 69 Prozent der Patienten innerhalb von 90 Tagen eine Knochengesundheitsprüfung und 57 Prozent eine Therapieempfehlung, doch nur 41 Prozent bekamen im selben Zeitraum eine DXA-Messung.
Ein Kraft- und Balancetraining begannen 9 Prozent, und eine medikamentöse Therapie war nach zwölf Monaten bei lediglich 30 Prozent der Fälle dokumentiert.
Koordinierte Programme und Früherkennung
Um Folgefrakturen abzuwenden, setzen einzelne Kliniken auf interdisziplinäre Modelle. Das Hospital Universitario Nuestra Señora de Candelaria betreut ambulant jährlich fast 2.500 Patienten mit Fragilitätsfrakturen ab 50 Jahren in einer FLS-Einheit und betreibt zudem eine spezialisierte Abteilung für sekundäre Osteoporose, etwa nach Organtransplantationen.
In Deutschland zählt das Evangelische Krankenhaus Bad Dürkheim zu den bundesweit nur zwei von der International Osteoporosis Foundation zertifizierten FLS-Kliniken.
Neben der medizinischen Betreuung spielt die Eigeninitiative zur Sturzprävention und Stabilität eine entscheidende Rolle. Der kostenlose PDF-Leitfaden eines renommierten Orthopäden zeigt, welche einfachen Übungen täglich helfen können, die körperliche Sicherheit zu erhöhen. Kostenlosen Sicherheits-Ratgeber herunterladen
Dort werden Patienten ab 50 Jahren nach Niedrig-Energietraumata seit 2019 systematisch erfasst; die FLS-Koordinatorin und ein beteiligter Mediziner leisten die wöchentlich erforderlichen zwei bis drei Stunden mangels Vergütung jedoch unbezahlt.
Dass eine frühzeitige Identifikation den Verlauf entscheidend beeinflusst, unterstreichen Erfahrungen aus Tschechien. Im Rahmen eines Populationsprogramms wurden zwischen 2023 und 2025 über 400.000 Personen untersucht und bei mehr als 85.000 Betroffenen eine Osteoporose diagnostiziert.
Eine unzureichende Intervention hat gravierende Konsequenzen: Nach Angaben tschechischer Mediziner verstirbt ein Drittel der Patienten innerhalb eines Jahres nach einer Oberschenkelhalsfraktur, ein weiteres Drittel wird dauerhaft pflegeabhängig.
Zudem ergab eine Meta-Analyse über 78 Studien mit 688.000 Patienten über 50 Jahren anhaltende funktionelle Einschränkungen bei bis zu 78 Prozent der Untersuchten sowie ein um 50 Prozent erhöhtes Risiko für erneute Brüche am Femur.
