Parodontitis, Herz

Parodontitis und Herz: Langzeitstudien zeigen 24 Prozent höheres Risiko

Veröffentlicht am: 23.10.2026 um 22:39 Uhr | Redaktion boerse-global.de
Studien verbinden Parodontitis mit höheren Herz-Kreislauf-Risiken; ihre Behandlung kann den HbA1c-Wert um 0,3 bis 0,5 Prozentpunkte senken.
Ein steriler, minimalistischer medizinischer Laborbereich mit Edelstahlflächen und einem Glasbecher bei natürlichem Licht. Illustration mit AI erstellt.

Medizinische Fachleute weisen verstärkt darauf hin, dass orale Erkrankungen wie Karies und Parodontitis eng mit systemischen Leiden verknüpft sind. Zahn- und Zahnfleischerkrankungen teilen wesentliche Risikofaktoren mit Diabetes mellitus sowie kardiovaskulären Leiden. Chronische Entzündungen im Mundraum können sich nachweislich negativ auf den gesamten Gesundheitszustand auswirken.

Den Angaben der Weltgesundheitsorganisation zufolge sind weltweit fast 3.700 Millionen Menschen von Mundkrankheiten betroffen; auf schwere Parodontitis entfallen dabei mehr als 1.000 Millionen Fälle. Bereits im Rahmen der Erhebung zum Global Burden of Disease im Jahr 2010 stellte schwere Parodontitis mit rund 743 Millionen Betroffenen die sechsthäufigste Erkrankung dar.

Wechselwirkungen mit Herz und Gefäßen

Zahnärztin Anne Clemons von der Cleveland Clinic betont, dass der Mundraum als Teil des Organismus den Ausgangspunkt für den Verdauungs- und Atemtrakt darstellt. Patienten mit Zahnfleischerkrankungen weisen demnach häufiger Herzerkrankungen auf und umgekehrt.

Dieser Zusammenhang zeige sich auch nach Kontrolle gemeinsamer Risikofaktoren, wenngleich ein kausaler Zusammenhang zwischen Parodontitis und Herz-Kreislauf-Erkrankungen oder Schlaganfällen bisher nicht belegt sei.

Untersuchungen der American Heart Association zeigen, dass DNA-Fragmente oraler Bakterien wiederholt in atherosklerotischen Plaques von Herzinfarkt- und Schlaganfallpatienten nachgewiesen wurden. In einem Quadratzentimeter veränderten Zahnfleisches lassen sich mehr als 700 Bakterienarten feststellen.

Diesen Befund untermauern auch epidemiologische Daten. Eine Übersichtsarbeit im Journal of General Internal Medicine, basierend auf 7 Langzeitstudien, stellte bei Personen mit Parodontitis ein um rund 24 Prozent höheres Risiko für koronare Herzkrankheiten fest.

Eine neuere Übersichtsarbeit aus dem Jahr 2023 mit 32 Studien bezifferte das Risiko für Herz-Kreislauf-Erkrankungen insgesamt auf ein um rund 20 Prozent erhöhtes Niveau sowie für koronare Herzkrankheiten auf rund 14 Prozent.

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Zudem ergab eine retrospektive Kohortenstudie im Fachjournal BMC Oral Health mit 39.837 Patienten der BigMouth-Datenbank aus den Jahren 2011 bis 2024, von denen 1.934 (4,9 Prozent) im Beobachtungszeitraum eine kardiovaskuläre Erkrankung entwickelten, ein deutlich gesteigertes Risiko bei Karies: Für ein mittleres Kariesrisiko lag das adjustierte Chancenverhältnis bei 2,27, für ein hohes oder sehr hohes Risiko bei 2,32 gegenüber einem niedrigen Risiko.

Für Pulpitis wurde kein statistischer Zusammenhang festgestellt. Eine UCL-Studie aus dem Jahr 2021 zeigte zudem, dass Erwachsene mit Parodontitis etwa doppelt so häufig erhöhte Blutdruckwerte hatten.

Die Verbindung zum Glukosestoffwechsel

Auch die Wechselwirkung mit Diabetes gilt als intensiv erforscht. Die Fachgesellschaften DGZ, DGZMK und DDG veröffentlichten dazu eine neue S2k-Leitlinie unter dem Titel Diabetes und Parodontitis.

Zahnarzt Manuel Martín Luque verdeutlicht, dass Zahnfleischerkrankungen zahlreiche Risikofaktoren mit Diabetes und Gefäßleiden teilen, darunter Tabakkonsum, Bluthochdruck, Bewegungsmangel, unausgewogene Ernährung und chronische Entzündungen. Ein schlecht eingestellter Diabetes erschwere Heilungsprozesse und begünstige Parodontitis, auch wenn dies kein Beleg für eine direkte Auslösung sei.

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Laut dem Bericht der DONTE GROUP weisen mehr als 66 Prozent der Menschen mit Diabetes eine diagnostizierte oder vermutete Parodontitis auf. Mehr als 60 Prozent von ihnen gaben Zahnfleischbluten im vergangenen Jahr an, und mehr als die Hälfte verzeichnete bereits Zahnverlust.

Zugleich bewerten nur 56,2 Prozent der Diabetiker ihre Mundgesundheit als gut oder sehr gut, verglichen mit rund 70 Prozent in der Allgemeinbevölkerung. Dabei kann eine Behandlung der Parodontitis den Langzeitblutzuckerwert HbA1c laut Übersichtsarbeiten um etwa 0,3 bis 0,5 Prozentpunkte senken.

Relevanz für Prävention und tägliche Zahnpflege

Bakterien aus Karies und Parodontitis können über die Blutbahn zu Organen, Gelenken und Herzklappen vordringen. Bei Schwangeren mit starken Zahnfleischentzündungen berichten Untersuchungen von einem bis zu siebenfach erhöhten Risiko für Frühgeburten.

Eine im Jahr 2025 veröffentlichte systematische Übersicht und Metaanalyse aus 13 Fall-Kontroll- und 11 Kohortenstudien verwies zudem auf eine signifikante Korrelation zwischen Parodontitis und einem erhöhten Risiko für Demenzerkrankungen.

Da normales Zähneputzen lediglich rund 60 Prozent der Zahnflächen abdeckt und die Zahnzwischenräume rund 40 Prozent ausmachen, entstehen etwa 77 bis 78 Prozent der Kariesfälle genau dort. Anne Clemons empfiehlt daher zweimal tägliches Putzen für zwei Minuten, die einmal tägliche Nutzung von Zahnseide sowie regelmäßige Kontrollen, da Frühstadien reversibel seien.

Bei Diabetes raten Experten zu mindestens zwei professionellen Zahnreinigungen pro Jahr. Ergänzend hebt die FDI World Dental Federation im Rahmen ihrer Plattform Generation Smile hervor, wie wichtig eine frühzeitige Prophylaxe zur Senkung langfristiger systemischer Risiken ist.

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