Patientenversorgung: 20% ohne Hausarzt, 43% erklÀren Krankengeschichte mehrfach
Veröffentlicht am: 23.09.2026 um 02:48 Uhr | Redaktion boerse-global.de
Krankenkassen und GesundheitsverbĂ€nde kritisieren ĂŒbereinstimmend die mangelnde Koordination in der Patientenversorgung. Ein erheblicher Teil der Bevölkerung verfĂŒgt demnach ĂŒber keinen festen Hausarzt, der die gesamte Krankengeschichte kennt und Behandlungsschritte bĂŒndelt. Die Folge sind MehrfacherklĂ€rungen, widersprĂŒchliche Empfehlungen und unnötige Doppeluntersuchungen.
Forsa-Umfrage der KKH offenbart VersorgungslĂŒcken
Eine Forsa-Umfrage im Auftrag der KKH zum Welttag Patientensicherheit zeigt, dass 20 Prozent der Befragten im Alter von 18 bis 70 Jahren keinen Arzt haben, der ihren gesamten Krankheitsverlauf kennt. 61 Prozent der Befragten waren in den vergangenen drei Jahren bei mehr als einem Arzt in Behandlung.
Von ihnen mussten 43 Prozent ihre Krankengeschichte oder Medikation mehrfach erklĂ€ren, und jeder Dritte erhielt widersprĂŒchliche Empfehlungen von unterschiedlichen Ărzten.
Weitere Zahlen der Umfrage verdeutlichen das AusmaĂ der Koordinationsprobleme: 30 Prozent der Befragten sahen den behandelnden Arzt unzureichend informiert, bei jedem Vierten fehlten Befunde oder Arztbriefe, und 21 Prozent war unklar, wer den nĂ€chsten Behandlungsschritt ĂŒbernimmt. 16 Prozent berichteten von unnötigen Doppeluntersuchungen. Immerhin knapp ein Drittel der Befragten hatte keine derartigen Probleme.
Politische ReformplÀne mit langem Zeithorizont
Die schwarz-rote Koalition plant laut KKH ein PrimĂ€rversorgungssystem, das voraussichtlich 2028 greifen soll. Auf dem 47. HausĂ€rztetag stellten BMG-StaatssekretĂ€rin Katja Kohfeld sowie Koalitionsabgeordnete einen Referentenentwurf fĂŒr ein PrimĂ€rversorgungsgesetz fĂŒr November 2026 in Aussicht. Das parlamentarische Verfahren soll demnach 2027 folgen, ein Start wĂ€re zum 1. Januar 2028 möglich.
Verbandschefin Prof. Nicola Buhlinger-Göpfarth vom HausĂ€rztinnen- und HausĂ€rzteverband bezeichnete das Vorhaben als gröĂte Reform im hausĂ€rztlichen Bereich seit Jahrzehnten. CSU-Obfrau Emmi Zeulner sprach dagegen von einer eher schrittweisen Entwicklung.
Der Verband erwartet durch digitale Tools und Teams mit akademisierten Gesundheitsberufen drei bis fĂŒnf zusĂ€tzliche Patienten pro Arzt und Tag. Untersuchungen zufolge behandeln HausĂ€rzte bereits heute 80 bis 90 Prozent der VersorgungsanlĂ€sse abschlieĂend â ein Argument fĂŒr den Ausbau ihrer koordinierenden Rolle.
Das geplante PrimĂ€rarztsystem soll eine Erstanlaufstelle vorsehen, die digital, telefonisch oder persönlich erreichbar ist. Der Zugang zu FachĂ€rzten soll kĂŒnftig nur noch ĂŒber eine Hausarzt-Ăberweisung erfolgen. Der Referentenentwurf soll bis Ende November vorliegen, ein Gesetz im kommenden Jahr folgen, mit dem Ziel einer verpflichtenden Umsetzung ab 1. Januar 2028.
VerbĂ€nde fordern strukturelle Ănderungen
Mehrere GesundheitsverbĂ€nde fordern mehr Befugnisse und verlĂ€ssliche Finanzierung fĂŒr Regionen und Kommunen und kritisieren die starre Trennung zwischen ambulanter Medizin, stationĂ€rer Behandlung und Pflege.
Die Forsa-Umfrage im Auftrag der KKH zeigt: 43 Prozent der Mehrfach-Patienten mussten ihre Krankengeschichte mehrfach erklĂ€ren, jeder Dritte erhielt widersprĂŒchliche Empfehlungen. Dieser kostenlose Ratgeber zeigt Ihnen in drei Schritten, wie Sie Befunde und Medikamente so aufbereiten, dass jeder Arzt sofort den Ăberblick hat. Kostenlosen Patientenratgeber anfordern
Eine integrierte Versorgung solle chronisch Kranke und PflegebedĂŒrftige lĂŒckenlos begleiten, fĂŒr schnellere Abstimmung sorgen, PrĂ€vention verbessern und Krankenhauseinweisungen sowie Doppeluntersuchungen reduzieren. Regionale Gesundheitsnetzwerke sollten demnach nicht lĂ€nger von befristeten Fördertöpfen abhĂ€ngen, sondern fester Bestandteil der regulĂ€ren Versorgung werden.
Auch der GKV-Spitzenverband positioniert sich in der Debatte. Er fordert einen zĂŒgigen, diskriminierungsfreien Zugang zu Arztterminen nach medizinischer Dringlichkeit, unabhĂ€ngig vom Versicherungsstatus â jeder dritte Versicherte ist demnach mit der Wartezeit auf Facharzttermine unzufrieden.
Der Verband schlĂ€gt eine gesetzliche Regelung fĂŒr eine tagesaktuelle Terminplattform vor, auf der alle Praxen einen festzulegenden Anteil ihrer gesetzlichen Kassentermine bereitstellen. Vizechef Stoff-Ahnis forderte zudem, bei der Terminvergabe dĂŒrfe nicht mehr nach gesetzlichem oder privatem Versicherungsstatus gefragt werden.
Ein Schweizer Modellprojekt als Vergleichspunkt
Wie unterschiedlich Koordinationsprobleme angegangen werden können, zeigt ein Beispiel aus der Schweiz: Das Swiss Medical Network hat im VIVA Aare-Netz am Spital Zofingen die neue Rolle der Gesundheitskoordination geschaffen. Gesundheitskoordinatorin Natyra Rexhepi betonte, die Funktion ersetze keinen Hausarzt, stelle keine Diagnosen und verordne keine Therapien.
Eine Hotline fĂŒr Mitglieder ist rund um die Uhr erreichbar â zu BĂŒrozeiten direkt, auĂerhalb ĂŒber einen medizinischen Partnerdienst. Ziel der neuen Rolle ist die proaktive Begleitung chronisch Kranker sowie die Reduktion von Doppelspurigkeiten und doppelten AbklĂ€rungen.
Notfallversorgung als weiteres Reformfeld
Parallel zur Diskussion um die PrimĂ€rversorgung arbeitet die Bundesregierung an einer Notfallreform mit dem Ziel einer vernetzten, digitalen und standardisierten Notfallversorgung, gesteuert ĂŒber Gesundheits- und Akutleitstellen. Das entsprechende Notfallreformgesetz liegt im Gesundheitsausschuss.
Bei jedem Vierten fehlten Befunde oder Arztbriefe, 21 Prozent war unklar, wer den nĂ€chsten Behandlungsschritt ĂŒbernimmt. Wer chronisch krank ist, braucht eine eigene Ăbersicht â bevor die nĂ€chste Ăberweisung ins Leere lĂ€uft. Der Leitfaden liefert Ihnen die passende Vorlage und eine Checkliste fĂŒr den Arztwechsel. Checkliste Arztwechsel jetzt sichern
KernstĂŒck sind Integrierte Notfallzentren. Ăber Betrieb und Finanzierung besteht allerdings Streit zwischen Kliniken, KassenĂ€rztlichen Vereinigungen und LĂ€ndern.
Ein weiteres Element der Diskussion betrifft die Pflegefinanzierung: Die Ausgaben der privaten Pflegeversicherung liegen bei 234 Euro pro Kopf, die der gesetzlichen bei 683 Euro. Ein Papier des Arbeitsministeriums erwĂ€gt in diesem Zusammenhang einen sogenannten Pflegesoli fĂŒr Privatversicherte.
