Pestizide, Wirkstoffe

Pestizide: Fünf Wirkstoffe gleichzeitig in konventionellen Tomaten

02.06.2026 - 13:48:09 | boerse-global.de

Die EU-Kommission plant unbefristete Pestizidgenehmigungen. Wissenschaftler und Verbraucherschützer kritisieren das Vorhaben scharf.

Micron’s Twin Catalysts: HBM4 Speed and US Fab Ramp Fuel Record Run Ahead of Earnings - Bild: über boerse-global.de
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Die EU-Kommission plant eine grundlegende Reform der Pestizidzulassung – und erntet dafür heftige Kritik von Wissenschaftlern und Verbraucherschützern. Statt befristeter Genehmigungen sollen Wirkstoffe künftig unbefristet zugelassen werden können. Ein fatales Signal, warnt die Nationale Akademie der Wissenschaften Leopoldina.

Unbefristete Zulassungen: Ein Risiko für Mensch und Umwelt?

Aktuell werden Pflanzenschutzmittel in der EU für sieben bis 15 Jahre zugelassen. Danach müssen sie neu geprüft werden. Die EU-Kommission will dieses System nun kippen und auf unbefristete Genehmigungen umstellen. Die Leopoldina sieht darin eine ernste Gefahr.

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Die Begründung: Seit 2009 haben rund 165 Wirkstoffe ihre Zulassung verloren – weil neue Studien ihre Gefährlichkeit belegten. Unter einem unbefristeten System, so die Akademie, könnten solche Erkenntnisse viel zu spät oder gar nicht berücksichtigt werden. Konkret verweist sie auf die zunehmende Belastung des Trinkwassers mit Trifluoressigsäure (TFA) oder den schleichenden Verlust von Bodenorganismen.

Erschwerend kommt hinzu: Die EU will auch die Frist verlängern, in der bereits auslaufende Produkte noch verkauft werden dürfen – von 1,5 auf drei Jahre. Besonders besorgt zeigen sich die Wissenschaftler über die Risiken für Kinder und Schwangere.

Ein Beispiel zeigt, wie fragil die aktuelle Beweislage sein kann: Glyphosat ist in der EU bis Ende 2033 zugelassen. Doch 2025 wurde eine zentrale Studie aus dem Jahr 2000, die das Mittel als nicht krebserregend einstufte, zurückgezogen – wegen fragwürdiger Autorenschaft und möglicher Interessenkonflikte.

Globale Giftlast steigt – trotz weniger Menge

Die Probleme beschränken sich nicht auf Europa. Eine Studie der RPTU Kaiserslautern-Landau, veröffentlicht im Fachjournal Science, zeigt einen alarmierenden Trend: Zwischen 2013 und 2019 ist die ausgebrachte Giftwirkung von Pestiziden weltweit massiv gestiegen – obwohl die ausgebrachte Gesamtmenge schwankte.

Besonders betroffen sind Insekten, Bodenorganismen und Fische. 80 Prozent der gesamten Toxizität entfallen auf den Anbau von Obst, Gemüse, Mais, Soja, Getreide und Reis. Die Hauptverursacher: Brasilien, China, die USA und Indien.

Das hat direkte Folgen für die internationalen Klimaziele. Das UN-Ziel, das Pestizidrisiko bis 2030 zu halbieren (beschlossen auf der COP15 2022), ist nach Ansicht der Forscher massiv gefährdet. Von allen untersuchten Ländern liegt einzig Chile auf Kurs. Deutschland müsste seine Toxizitätswerte auf das Niveau von vor 15 Jahren zurückschrauben, um die Vorgaben zu erreichen.

Cocktail-Effekt auf dem Teller: Was in unseren Tomaten steckt

Ein Test der Verbraucherorganisation Öko-Test auf 26 Sorten Snack-Tomaten fördert erschreckende Ergebnisse zutage: In konventionell angebauten Tomaten fanden die Tester regelrechte Pestizid-Cocktails – bis zu fünf verschiedene Wirkstoffe gleichzeitig. Alle 13 getesteten Bio-Produkte waren dagegen rückstandsfrei.

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Besonders brisant: In importierten Tomaten wurde das Fungizid Dimethomorph nachgewiesen. Der Stoff ist seit zwei Jahren in der EU verboten – doch für importierte Ware gilt das Verbot nicht. Ein Paradebeispiel für die Lücken im globalen Handel.

Auch in Dänemark schlagen Umwelt- und Gesundheitsorganisationen Alarm. Sie warnen davor, dass eine Abschaffung der befristeten Zulassungen eine regelmäßige Neubewertung von Wirkstoffen verhindern könnte – insbesondere solcher, die das Grundwasser belasten. 2025 wurden dort 33 Pestizide verboten, genau weil sie im Grundwasser nachweisbar waren.

Biologische Alternativen: Vielversprechend, aber langsam

Der EU Green Deal sieht eine Halbierung des chemischen Pflanzenschutzes bis 2030 vor. Die Forschung an biologischen Alternativen läuft daher auf Hochtouren. Das AIT Austrian Institute of Technology arbeitet an mikrobiellen Lösungen, die die Widerstandskraft von Pflanzen stärken sollen.

Zwei Produkte sind vielversprechend:
* Biotrinsic W10: Ein Biostimulans für Mais, entwickelt mit Indigo AG, das die Trockentoleranz verbessert.
* KLA5-2: Ein Biopestizid von RovensaNext gegen Pilzkrankheiten.

Doch der Weg zur Marktreife ist steinig. Die Zulassung biologischer Mittel dauert derzeit fünf bis sieben Jahre – ein erhebliches Hindernis für die dringend benötigte Alternative.

Ein Modellprojekt in Vietnam zeigt, dass es auch anders geht: Auf 13 Hektar Reisfeldern in der Region Hai Phong kamen seit 2025 ausschließlich organische Dünger und biologische Schädlingsbekämpfung zum Einsatz. Der Ertrag lag mit rund 6,8 Tonnen pro Hektar sogar leicht über dem konventionellen Niveau.

Neue Regeln: Tierversuche sollen fallen

Am 1. Juni 2026 legte die EU-Kommission einen Fahrplan vor, um Tierversuche in der Chemikaliensicherheitsbewertung schrittweise zu ersetzen. 22 Maßnahmen in 15 Sektoren – darunter Pestizide, Biozide und Pharmazeutika – sollen den Wandel einleiten. Die Strategie setzt auf drei Säulen: Förderung tierversuchsfreier Methoden, Innovationsführerschaft und internationale Zusammenarbeit. Ein hochrangiger Gipfel zur Evaluierung ist für 2029 geplant.

In Deutschland wiederum hat die Bundesregierung Anfang Juni den Entwurf für ein Zweites Gesetz zur Änderung des Düngegesetzes vorgelegt. Ziel ist ein bundesweites Monitoring zur Umsetzung der EU-Nitratrichtlinie. Der Datenaustausch zwischen den Behörden soll verbessert werden, um die Umweltauflagen besser kontrollieren zu können – und frühere administrative Probleme zu beheben.

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