Pflegekräfte unter Druck: 77 Prozent arbeiten trotz Krankheit weiter
Veröffentlicht am: 25.09.2026 um 05:18 Uhr | Redaktion boerse-global.de
Hohe Arbeitszufriedenheit bei massiver körperlicher und psychischer Beanspruchung
Aktuelle Daten zum Arbeitsklima im Gesundheits- und Sozialbereich verdeutlichen ein paradoxes Bild zwischen beruflicher Erfüllung und extremer Belastung. Laut dem Arbeitsklima-Index der AK Salzburg, über den am 24. September 2026 berichtet wurde, empfinden 87 Prozent der dort Beschäftigten ihre Tätigkeit als sinnvoll.
Zudem gaben 77 Prozent an, mit ihrer ursprünglichen Berufsentscheidung zufrieden zu sein. Demgegenüber steht jedoch eine im Vergleich zum Gesamtdurchschnitt überproportional hohe Belastungsempfindung: Während im Salzburger Gesamtdurchschnitt lediglich 20 Prozent der Arbeitnehmer ihre Arbeit als zu hart bewerten, liegt dieser Wert im Gesundheitswesen bei 42 Prozent.
Die Belastungsfaktoren sind dabei vielfältig. Neben körperlicher Anstrengung, die von 47 Prozent der Befragten angeführt wurde, nannten 46 Prozent psychischen Druck als wesentliche Herausforderung. Administrative Aufgaben und Dokumentationspflichten belasten weitere 37 Prozent der Beschäftigten.
Ein besonders kritisches Ergebnis der Erhebung ist das Ausmaß des sogenannten Präsentismus: 77 Prozent der Befragten arbeiteten in den vergangenen sechs Monaten trotz einer vorliegenden Erkrankung. Zudem gehört Gewalt zum Arbeitsalltag vieler Kräfte; 39 Prozent berichteten von regelmäßigen Beschimpfungen, während 16 Prozent bereits körperliche Übergriffe erlebten.
Systemische Engpässe und die Folgen gesetzlicher Neuregelungen
Die angespannte Lage spiegelt sich auch in der stationären Versorgung wider. Wie aus einem Bericht vom 24. September 2026 über eine Umfrage unter 271 deutschen Notaufnahmen hervorgeht, meldet fast jede zweite Einrichtung eine Überfüllung.
Hauptursache sei der Mangel an freien Betten auf den Stationen, was die zeitnahe Verlegung von Patienten verhindere. Gleichzeitig fehle es vielerorts sowohl an ärztlichem Personal als auch an Pflegekräften, während akute Notfälle unabhängig von den Kapazitäten weiterhin aufgenommen werden müssen.
Zusätzlicher Druck entsteht durch finanzielle und gesetzliche Rahmenbedingungen. Das im Juli 2026 beschlossene GKV-Spargesetz sieht vor, das jährliche Pflegebudget an das Vorjahresniveau zu binden und im Wachstum zu begrenzen.
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Tariflohnsteigerungen, die über die Grundlohnrate hinausgehen, werden künftig nur noch zur Hälfte refinanziert. Dies erschwert laut Einschätzung von Gewerkschaftsvertretern die Finanzierbarkeit attraktiver Tarifabschlüsse. Parallel dazu regt sich Widerstand gegen das geplante Pflegeneuordnungsgesetz (PNOG).
In Kiel demonstrierten am 24. September 2026 rund 1.000 Inhaber und Mitarbeitende von Pflegeeinrichtungen gegen die Pläne. Kritikpunkte sind unter anderem die befürchtete Entziehung von bis zu 20.000 Pflegefachkräften aus der direkten Versorgung für neue Aufgaben der Pflegebegleitung sowie drohende Stellenstreichungen in der Hauswirtschaft.
Digitalisierung als Belastungsfaktor für körperlich tätige Berufe
Einen neuen Aspekt der Arbeitsbelastung beleuchtet eine Studie des Ifo-Instituts, des IAB und der Universität Konstanz, die im September 2026 veröffentlicht wurde.
Die Forscher stellten fest, dass Beschäftigte mit überwiegend körperlichen Tätigkeiten infolge der Digitalisierung — definiert als Einsatz smarter Technik wie Robotik oder KI — im Schnitt rund 20 Prozent mehr Fehltage pro Jahr aufweisen. Bei Büro- und Wissensberufen ließ sich dieser Zusammenhang nicht nachweisen.
Oliver Schlenker vom Ifo-Institut erklärte diesen Befund mit „Technostress“, der insbesondere bei fehlenden Fachkenntnissen im Umgang mit komplexer Technik entstehe. Ein unterstützendes Führungsumfeld und gezielte Trainings könnten diesen negativen Effekt jedoch abmildern. Die Studie basierte auf repräsentativen Daten der Jahre 2011 bis 2019 und verdeutlicht, dass steigende Löhne die erhöhten Belastungen allein nicht kompensieren können.
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Gesundheitliche Langzeitfolgen und Forderungen der Berufsverbände
Die gesundheitlichen Risiken hoher Belastungen werden auch durch medizinische Langzeitstudien untermauert. Eine im September 2026 im European Journal of Preventive Cardiology veröffentlichte Untersuchung des Imperial College London zeigt, dass Menschen mit den höchsten Entzündungswerten ein um 43 Prozent höheres Risiko für Herzinfarkte oder Schlaganfälle haben.
Studienleiter Declan O'Regan wies darauf hin, dass soziale Faktoren und die psychische Gesundheit eng mit diesen physiologischen Entzündungsprozessen verknüpft sind.
Angesichts dieser Entwicklungen fordern Berufsverbände wie der Deutsche Pflegerat (DPR) eine stärkere Verankerung pflegerischer Kompetenzen als eigenständige Gesundheitsdienstleistungen. DPR-Präsidentin Christine Vogler betonte am 24. September 2026, dass Pflege als eigenständiger Fachberuf vollständig genutzt und vergütet werden müsse.
Weitere Forderungen umfassen transparente Personalberechnungsmodelle, Dienstplansicherheit sowie eine Existenzsicherung während der Ausbildung, um die personelle Situation nachhaltig zu stabilisieren. Ergänzend dazu sind für den 26. September 2026 bundesweite Aktionstage des DGB gegen geplanten Sozialabbau und für bessere Arbeitsbedingungen in 15 Großstädten angekündigt.
