Pflegestrukturkommission: Nur eine von 13 Personen kommt aus der Pflegepraxis
Veröffentlicht am: 17.10.2026 um 01:01 Uhr | Redaktion boerse-global.deDie Zusammensetzung der von der Bundesregierung berufenen Pflegestrukturkommission stößt bei Berufs- und Trägerverbänden auf deutliche Kritik. Vertreter der Branche bemängeln, dass das Gremium überwiegend mit Vertretern aus Wissenschaft und Forschung besetzt ist, während die praktische Pflegeperspektive kaum Gehör finde. Gefordert wird eine wesentlich stärkere Einbindung der tatsächlichen Versorgungspraxis in künftige sozial- und pflegepolitische Weichenstellungen.
Besetzung und Mandat des neuen Gremiums
Die Bundesregierung berief am 14. Oktober 2026 die 13-köpfige Pflegestrukturkommission ein, um Vorschläge zur finanziellen Stabilisierung der Pflegeversicherung sowie zur Weiterentwicklung der Versorgungsstrukturen zu erarbeiten.
Die Arbeitsaufnahme erfolgte mit einer Woche Verspätung, was SPD-Fraktionsgeschäftsführer Dirk Wiese auf vorangegangene Uneinigkeiten bei der personellen Zusammensetzung zurückführte. Den Vorsitz übernimmt der ehemalige Caritas-Generalsekretär Georg Cremer gemeinsam mit Gabriele Kuhn-Zauber als Co-Vorsitzender.
Zum Arbeitsauftrag der Kommission zählt die Prüfung, ob Zuschüsse nach Paragraph 43c SGB XI zielgenauer auf Personen mit geringeren oder mittleren Einkommen fokussiert und Eigenanteile begrenzt werden können.
Zudem soll das Gremium verfassungskonforme Modelle für soziale Ausgleichsmechanismen prüfen, eine engere Verzahnung akutmedizinischer und pflegerischer Versorgung evaluieren und Maßnahmen zur Stärkung präventiver sowie rehabilitativer Angebote vorschlagen.
Das Gremium flankiert den PNOG-Entwurf. Bis Ende Januar 2027 sollen die Vorschläge vorliegen, damit die geplante Pflegestrukturreform zum 1. Juli 2027 in Kraft treten kann.
Deutliche Kritik an fehlender Praktiker-Beteiligung
In der Pflegelandschaft regt sich Widerstand gegen die einseitig akademische Zusammensetzung. Von den 13 Mitgliedern verfügt mit der ehemaligen VdPB-Präsidentin Rita Zöllner lediglich eine Berufene über einen Hintergrund aus der aktiven Pflegepraxis, ergänzt durch die Pflegewissenschaftlerin Martina Hasseler von der Ostfalia Hochschule Wolfsburg.
Verbandsvertreter warnen vor praxisfernen Beschlüssen. Bernd Meurer, Präsident des Bundesverbands privater Anbieter sozialer Dienste (bpa), betonte, pflegerische Versorgung lasse sich nicht am grünen Tisch organisieren, und forderte eine stärkere Beteiligung von Einrichtungen und Diensten.
Der Vorstandsvorsitzende des Bundesverbands Ambulante Dienste und Stationäre Einrichtungen (bad), Andreas Kern, warf der Bundesregierung vor, Fehler der früheren Bund-Länder-Arbeitsgruppe zu wiederholen.
Die Pflegestrukturkommission soll bis Ende Januar 2027 Vorschläge zur finanziellen Stabilisierung der Pflegeversicherung und zur Weiterentwicklung der Versorgungsstrukturen vorlegen. Von den 13 Berufenen kommt nur eine einzige aus der aktiven Pflegepraxis — Verbände wie bpa, bad und der Deutsche Pflegerat kritisieren das scharf. Wer jetzt nicht einordnet, welche Reformhebel geplant sind, wird von den Ergebnissen überrascht. Kostenlosen Strategie-Report zur Pflegestrukturreform anfordern
Auch Peter Koch vom Pflegebündnis Mittelbaden mahnte, wer die Profession Pflege außen vor lasse, riskiere Reformen, die an der Realität auf Stationen und Touren vorbeigingen. Thomas Knieling, Geschäftsführer des VDAB, äußerte sich ebenfalls kritisch zur fehlenden Praxis.
Sarah Lukuc vom Bundesverband Pflegemanagement forderte eine direkte Beteiligung von Praktikern und bemängelte die Auslassung von Pflegemanagement-Expertise. Der Deutsche Pflegerat erklärte, im Vorfeld nicht einmal angefragt worden zu sein.
Claudia Hauck, Vorsitzende des Bayerischen Landespflegerats, rügte, maßgebliche Bundesorganisationen der professionellen Pflege seien nicht vertreten, und bezeichnete die Auswahlkriterien als nicht nachvollziehbar.
Michael Wetterich, Präsident der Vereinigung der Pflegenden in Bayern (VdPB), begrüßte zwar die Berufung Zöllners, hätte sich jedoch eine breitere Vertretung gewünscht – etwa durch die Einbindung von DPR-Präsidentin Christine Vogler.
Wetterich forderte Vorrang für die Versorgungsqualität und eine Stärkung der Profession, unter anderem über Kompetenzerweiterungen durch das Pflegekompetenzgesetz (BEEP).
Erwartungen der Kostenträger und Reformansätze
Pflegewissenschaftlerin Hasseler kündigte an, in der Kommission die pflegewissenschaftliche Perspektive zu vertreten und die Lebensrealität von Pflegebedürftigen und Angehörigen in den Mittelpunkt zu rücken. Sie verwies auf Diskrepanzen zwischen der gesetzlichen Definition von Pflegebedürftigkeit und dem tatsächlichen pflegefachlichen Versorgungsbedarf mit dem Ziel, Unter-, Fehl- und Minderversorgung abzubauen. Die Pflegebevollmächtigte Katrin Staffler mahnte eine stärkere Berücksichtigung der häuslichen Pflege und den Abbau starrer Sektorengrenzen an.
Unter den Kassen herrscht Skepsis bezüglich der Umsetzbarkeit. Während AOK-Vorstandschefin Carola Reimann die wissenschaftliche Expertise begrüßte und rasche Entscheidungen wegen drohender Finanzierungsdefizite im Jahr 2027 anmahnte, bezweifelte DAK-Chef Andreas Storm den engen Zeitplan bis Ende Januar.
Der GKV-Spitzenverband begrüßte den Arbeitsbeginn, während Florian Reuther vom Verband der Privaten Krankenversicherung vor einem Finanzausgleich zwischen den Systemen warnte.
Ihr Verband wurde im Vorfeld nicht einmal angefragt — so wie der Deutsche Pflegerat. Die Kommission tagt dennoch, und bis Ende Januar 2027 sollen die Vorschläge stehen, damit die geplante Pflegestrukturreform zum 1. Juli 2027 in Kraft treten kann. Dieser Report zeigt Ihnen, wie Sie die Praxis-Perspektive Ihrer Einrichtung und Ihrer Verbände strukturiert in den politischen Prozess einbringen. Checkliste zur Interessenvertretung jetzt sichern
Die Bundesarbeitsgemeinschaft der Seniorenorganisationen (BAGSO) warnte durch ihre Vorsitzende Dr. Regina Görner vor Leistungskürzungen und formulierte Kernforderungen nach Prävention, kommunaler Stärkung und einer sozialverträglichen Finanzierung.
Zusätzliche Impulse brachte der Deutsche Berufsverband für Pflegeberufe (DBfK) ein. In einem Bericht vom 15. Oktober 2026 stellte der Verband ein Sieben-Punkte-Papier vor. DBfK-Präsidentin Vera Lux warnte vor einer reinen Verengung auf Finanzierungsfragen und sprach von einem historischen Zeitfenster für einen echten Neustart, der auch Verordnungsrechte für Pflegefachpersonen und ein eigenständiges Leistungsrecht umfassen müsse.
