Pflegeversicherung, Eigenanteile

Pflegeversicherung: Eigenanteile auf 3245 Euro gestiegen

Veröffentlicht am: 17.09.2026 um 21:12 Uhr | Redaktion boerse-global.de

Das geplante Pflegeneuordnungsgesetz soll Milliardenlücken schließen, stößt aber auf Kritik wegen möglicher Folgen für Pflegequalität und Beschäftigte.

Pflegeversicherung vor Reform: Milliardenlücke und Branchenprotest
Ein leerer, sonnendurchfluteter Flur in einer modernen Pflegeeinrichtung mit minimalistischer Architektur. Illustration mit AI erstellt.

Die soziale Pflegeversicherung in Deutschland steht vor einer weitreichenden Umgestaltung. Während das Bundesgesundheitsministerium und politische Akteure auf massive Einsparungen und strukturelle Reformen drängen, wächst der Widerstand in der Branche.

Pflegeverbände und soziale Organisationen warnen davor, dass die geplanten Maßnahmen im Rahmen des Pflegeneuordnungsgesetzes (PNOG) die Versorgungsqualität gefährden und die ohnehin angespannte Situation in den Pflegeberufen weiter verschlechtern könnten.

Die finanzielle Situation der sozialen Pflegeversicherung

Die Notwendigkeit für Reformen wird vor allem mit der angespannten Haushaltslage begründet. Bundesgesundheitsminister Carsten Linnemann (CDU) bezeichnete die Finanzlage der Pflegeversicherung im Rahmen einer Haushaltsrede im Bundestag als desaströs.

Den vorliegenden Daten zufolge belaufen sich die jährlichen Pflegeausgaben derzeit auf etwa 75 Milliarden Euro. Ohne Gegensteuerung wird für das Jahr 2027 ein Defizit von rund 8 Milliarden Euro erwartet.

Für die Folgejahre zeichnet sich eine weitere Verschärfung ab: Prognosen gehen für 2028 von einem Fehlbetrag von über 15 Milliarden Euro aus. Auch Susanne Schaper, Fraktionschefin der Linken im sächsischen Landtag, verwies auf Einschätzungen des Spitzenverbandes der gesetzlichen Krankenversicherung, wonach der Pflegeversicherung die Zahlungsunfähigkeit drohe. Sie rechnet für 2027 mit einem Defizit von zehn Milliarden Euro.

Das Pflegeneuordnungsgesetz und die geplanten Reformschritte

Um die finanzielle Stabilität zu sichern, sieht das Bundesgesundheitsministerium Einsparungen in einer Größenordnung von etwa 10 Prozent für notwendig an. Ein entsprechender Referentenentwurf für das Pflegeneuordnungsgesetz liegt seit dem 5. Juni 2026 vor. Ein Kabinettsbeschluss wird noch für den September angestrebt, wobei sich das Verfahren bereits seit mehreren Monaten verzögert.

Ein zentrales Element der Strategie von Minister Linnemann ist die Einberufung einer Strukturkommission, die bis zum Jahr 2027 konkrete Vorschläge für einen Umbau des Systems liefern soll. Ziel ist es, das Defizit im kommenden Jahr zu decken und weitere Beitragserhöhungen zu vermeiden.

Anzeige

Reformen im Gesundheits- und Sozialwesen bringen oft weitreichende arbeitsrechtliche Änderungen mit sich, auf die Arbeitgeber und Personalabteilungen vorbereitet sein müssen. Dieser kostenlose Guide zeigt, worauf HR-Verantwortliche bei neuen gesetzlichen Regelungen jetzt achten müssen. Compliance-Risiken vermeiden und HR-Prozesse rechtzeitig anpassen

Laut Linnemann sei das System in seiner aktuellen Form nicht zukunftsfest und drohe in den 2030er-Jahren zu kollabieren, sofern eine grundlegende strukturelle Reform ausbleibe. Angesichts einer prognostizierten Zahl von 7,5 Millionen Pflegebedürftigen bis zum Jahr 2050 – gegenüber derzeit mehr als sechs Millionen Menschen – wird der Handlungsdruck als hoch eingestuft.

Kritik aus der Branche und von Sozialverbänden

Die Reaktionen auf die Pläne fallen kritisch aus. Sozial- und Hilfsverbände wie die Johanniter-Unfall-Hilfe warnen vor drohenden Schließungen von Einrichtungen und Einschränkungen bei den Pflegediensten.

Thomas Mähnert vom Bundesvorstand der Johanniter bezeichnete den PNOG-Entwurf primär als Sparpaket, in dem strukturelle Veränderungen fehlten. Er forderte, Struktur- und Finanzierungsreformen konsequent zu verknüpfen, etwa durch einen sogenannten Sockel-Spitze-Tausch oder den Abbau von Sektorengrenzen.

Anzeige

Große Reformpakete im Bereich der sozialen Sicherung bedeuten für Betriebe oft eine kompletten Neuausrichtung ihrer Verwaltungsabläufe. Ein kostenloser PDF-Ratgeber deckt die wichtigsten Änderungen bei Bürokratieabbau und Compliance-Anforderungen auf. Kostenlosen Ratgeber zum Reformpaket hier herunterladen

Auch der VDAB übte deutliche Kritik. Der Bundesvorsitzende Stephan Baumann erklärte auf einer Mitgliederversammlung in Magdeburg, das Gesetz verteile Probleme lediglich um, statt sie nachhaltig zu lösen. Eine Reform müsse die wirtschaftliche Stärkung der Einrichtungen zum Ziel haben. Chancen sieht der Verband hingegen in der Digitalisierung und neuen Versorgungsformen.

Zusätzlich fordern Institutionen wie das Kuratorium Deutsche Altershilfe (KDA) eine stärkere Verankerung der Pflegebegleitung auf kommunaler Ebene. Die KDA-Vorständin Dr. Alexia Zurkuhlen plädiert für einen Rechtsanspruch auf fachliche Begleitung, die pflegerische, sozialrechtliche und sozialarbeiterische Kompetenzen bündelt.

Steigende Eigenanteile und Forderungen nach Systemwechsel

Während die Politik über Sparmaßnahmen debattiert, steigt die finanzielle Belastung für die Betroffenen. Laut Daten des Verbandes der Ersatzkassen lag der durchschnittliche Eigenanteil für einen Heimplatz im ersten Jahr seit Januar 2026 bundesweit bei 3245 Euro pro Monat. Dies entspricht einer Steigerung von 261 Euro oder 9 Prozent innerhalb eines Jahres. Branchenkenner erwarten künftig Beträge von über 3500 Euro.

Angesichts dieser Entwicklung fordern Patientenschützer eine Deckelung der reinen Pflegekosten auf 1000 Euro. Politische Forderungen gehen teilweise noch weiter: Susanne Schaper schlägt die Einführung einer Pflegevollversicherung vor. In dieses Modell sollen alle Erwerbstätigen, einschließlich Abgeordneter, Beamter und Selbstständiger, auf Basis ihrer kompletten Einkünfte einzahlen, um die Finanzierung langfristig zu sichern.

In der Praxis formiert sich bereits sichtbarer Protest gegen die Pläne, die ab Januar 2027 wirksam werden sollen. So kündigte die Evangelische Altenhilfe St. Georgen an, sich mit Mahnmalen an einer landesweiten Aktionswoche gegen den PNOG-Entwurf zu beteiligen, um auf die befürchtete Gefährdung der Versorgungsqualität aufmerksam zu machen.

Disclaimer...

de | wissenschaft | 70120388 |