Polizei Diepholz: Psychologin sieht Lebensgefahr bei Erbrech-Tipp
Veröffentlicht am: 13.10.2026 um 00:48 Uhr | Redaktion boerse-global.de
Ratschläge von Sicherheitsbehörden zur Abwehr sexueller Übergriffe geraten zunehmend in den Fokus fachlicher Kritik. Anlass bieten Empfehlungen der Polizei im Landkreis Diepholz, wie aus einem Bericht vom 12. Oktober 2026 hervorgeht.
In Selbstbehauptungsseminaren für Behördenmitarbeitende mit Kundenkontakt regten Beamte an, bei sexuellen Übergriffen den Würgereiz per Finger im Hals auszulösen und sich zu erbrechen, um Angreifer durch Ekel in die Flucht zu schlagen.
Während solche Ansätze seitens mancher Polizeistellen als Notlösung verstanden werden, warnen Fachleute vor erheblichen gesundheitlichen Gefahren und psychologischen Fehleinschätzungen.
Medizinische Risiken und psychologische Gegenargumente
Gegen diese Vorgehensweise regt sich deutlicher fachlicher Widerspruch. Stefanie Gonin-Spahni, Psychologin und Studienleiterin für den Bereich Sexuelle Gesundheit an der Universität Bern, bezeichnete die Methode in dem Bericht vom 12. Oktober 2026 als hochproblematisch.
Ein willentliches Herbeiführen von Erbrechen sei unter extremem Stress kaum möglich. Zudem berge der Vorgang akute Lebensgefahr: Sollte der Angreifer der betroffenen Person den Mund zuhalten oder sie auf dem Rücken fixieren, bestehe ein erhebliches Erstickungsrisiko.
Zudem wies Gonin-Spahni darauf hin, dass die Erstarrung in Bedrohungssituationen eine biologisch normale Reaktion sei. Eine abschreckende Ekelwirkung auf potentielle Täter sei wissenschaftlich nicht nachgewiesen, zumal sexuelle Erregung das Ekelempfinden nachweislich dämpfe.
Die Verantwortung für derartige Taten liege ausnahmslos beim Täter, weshalb der Fokus vielmehr auf einer konsequenten Täterprävention liegen müsse. Auch in den sozialen Medien stießen die Hinweise auf deutliche Ablehnung, wo Nutzer den Ratschlag als realitätsfern, menschenunwürdig und als Form der Täter-Opfer-Umkehr kritisierten.
Umstrittene Empfehlungen und die Debatte um Täter-Opfer-Umkehr
Die Empfehlung aus Diepholz ist kein Einzelfall. Wie aus einem Bericht vom 11. Oktober 2026 hervorgeht, schult die Kriminalprävention der Polizei Bremen Frauen bereits seit über zehn Jahren darin, bei einem Vergewaltigungsversuch das Auslösen des Brechreizes per Finger im Hals zur Abschreckung einzusetzen.
Die Empfehlung, sich bei einem Übergriff absichtlich zu erbrechen, steht in der fachlichen Kritik: Unter extremem Stress ist das kaum steuerbar, und bei zugehaltenem Mund droht Erstickungsgefahr. Was Präventionsexperten stattdessen raten, ist trainierbar und alltagstauglich. Der kostenlose Leitfaden zeigt Befreiungstechniken, die auf Flucht statt aufs Kämpfen zielen – Schritt für Schritt erklärt. Kostenlosen Selbstschutz-Leitfaden anfordern
Polizeisprecherin Franka Haedke bestätigte gegenüber der Kreiszeitung, dass Erbrechen durchaus Teil einer Selbstverteidigungsstrategie sein könne. Laut dem Bericht verzeichnete Deutschland seit 2018 einen Anstieg der registrierten Vergewaltigungen um 72 Prozent.
Ratschläge dieser Art sorgten in der Vergangenheit wiederholt für Debatten. So zog die Berliner Polizei eine frühere Empfehlung zurück, im Ernstfall zu singen. Nach der Kölner Silvesternacht 2015/16 hatte zudem eine Empfehlung der Kölner Oberbürgermeisterin Henriette Reker für Unmut gesorgt, zu fremden Männern eine Armlänge Distanz zu wahren.
Schweizer Polizeikorps gaben an, Maßnahmen ausländischer Behörden nicht zu bewerten. Die Kantonspolizei Bern betonte jedoch, dass Reaktionen auf Übergriffe stets individuell seien und jede Form von Täter-Opfer-Umkehr vermieden werden müsse.
Was die polizeiliche Kriminalprävention stattdessen empfiehlt
Abseits solch umstrittener Konzepte setzt die polizeiliche Kriminalprävention primär auf physische Gegenwehr und sofortige Flucht. Nach deren Erkenntnissen lassen Angreifer häufig ab, sobald Betroffene aktiven Widerstand leisten; neun von zehn Frauen hätten einen Täter durch massive Gegenwehr zur Aufgabe zwingen können.
Viele Frauen kennen die Angst vor Übergriffen im Alltag – aber kaum jemand hat konkrete Handgriffe je unter Stress geübt. Genau das entscheidet: Angreifer lassen oft ab, sobald Betroffene sich massiv wehren. Der Leitfaden bündelt einen Notfallplan für Bedrohungssituationen, von der Stimme über empfindliche Körperstellen bis zum Einsatz von Schlüsselbund oder Handtasche. Notfallplan für Bedrohungssituationen jetzt sichern
Befreiungstechniken – etwa gegen Umklammerungen, Handgelenk- oder Kleidergriffe – zielen darauf ab, sich eine Fluchtmöglichkeit zu verschaffen, nicht auf das Besiegen des Angreifers. Zu den Grundprinzipien gehören das Erzeugen von Lautstärke, Angriffe auf empfindliche Körperstellen wie Gesicht, Schienbeine oder Knie sowie der Einsatz des vollen Körpergewichts.
Auch Alltagsgegenstände wie Stühle, Schlüsselbünde oder Handtaschen können zur Abwehr dienen. Da sich diese Abläufe nur durch intensives Training unter Stress verlässlich abrufen lassen, raten Präventionsexperten zu regelmäßiger Übung. Rechtlich ist das Handeln durch das Notwehrrecht nach Paragraph 32 des Strafgesetzbuches abgedeckt, solange der Angriff andauert.
