Postbiotika: Pasteurisiertes Bakterium verbesserte Insulinsensitivität um 28,6 %
Veröffentlicht am: 22.10.2026 um 11:15 Uhr | Redaktion boerse-global.deIn der Mikrobiomforschung gewinnen Postbiotika zunehmend an Bedeutung. Nach einer im Jahr 2021 festgelegten wissenschaftlichen Definition durch Prof. Colin Hill vom University College Cork handelt es sich dabei um Präparate aus inaktiven beziehungsweise toten Mikroorganismen oder deren Bestandteilen, die nachweisbare gesundheitliche Vorteile mit sich bringen.
Postbiotika stärken nach bisherigen Erkenntnissen die Darmbarriere und können entzündliche Prozesse im Körper beeinflussen. Im menschlichen Darm leben laut Prof. Andreas Michalsen von der Berliner Charité etwa 1.500 verschiedene Bakterienarten; Postbiotika entstehen natürlicherweise direkt im Darm und gelangen von dort aus in den Organismus.
Differenzierte Studienlage bei spezifischen Bakterienstämmen
Trotz des wachsenden Interesses ist die wissenschaftliche Beweislage am Menschen uneinheitlich. Wie ein systematischer Review wissenschaftlicher Datenbanken bis zum Jahr 2026 darlegt, entwickeln sich Postbiotika zwar zu gezielt produzierten Bestandteilen für funktionelle Lebensmittel und Nahrungsergänzungsmittel, viele zugeschriebene Effekte auf das Immunsystem, Adipositas oder die Darm-Hirn-Achse stützen sich bislang jedoch vorrangig auf Tierversuche oder Zellkulturen.
Gleichzeitig heben Fachleute wie Prof. Colin Hill hervor, dass die biochemischen Mechanismen streng stammspezifisch wirken und für bestimmte Anwendungsbereiche, etwa beim metabolischen Syndrom, bereits solide Belege existieren.
So zeigte eine explorative Proof-of-Concept-Studie bei übergewichtigen und adipösen Erwachsenen mit Insulinresistenz, dass pasteurisierte Akkermansia muciniphila die Insulinsensitivität um 28,6 % verbesserte.
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In einem randomisierten kontrollierten Versuch mit 60 chronisch gestressten Studierenden war das hitzeinaktivierte Bakterium Lactobacillus gasseri CP2305 mit verringerten Angstzuständen und einer besseren Schlafqualität assoziiert.
Eine weitere Studienübersicht mit Daten von 1.740 Säuglingen deutet zudem auf ein Potenzial bei Infektionen von Kindern unter fünf Jahren hin. Zwei kleinere Studien aus dem Jahr 2026 wiesen ferner auf eine Linderung von Magen-Darm-Beschwerden sowie auf Hautverbesserungen bei Frauen mittleren Alters hin.
Bedeutung der Ernährung für das Mikrobiom
Trotz der gezielten Supplementierung betonen Ernährungsexperten, dass Nahrungsergänzungsmittel kein Ersatz für eine vollwertige Kost sind. Nicht jede Substanz, die aus Fermentationsprozessen hervorgeht, gilt automatisch als Postbiotikum. Eine Stanford-Studie belegt, dass fermentierte Lebensmittel die mikrobielle Vielfalt vergrößern und Entzündungsmarker im Blut verringern können.
In der Praxis erreichen beispielsweise 96 % der britischen Erwachsenen die empfohlene Zufuhr von 30 g Ballaststoffen pro Tag nicht. Fachleute weisen darauf hin, dass eine Portion Hülsenfrüchte für die Darmflora der meisten Menschen einen größeren Nutzen bringt als Kapseln.
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Eine Ernährung mit 30 verschiedenen Pflanzen pro Woche versorgt den Körper mit Ballaststoffen und Polyphenolen, wie sie etwa in dunklen Beeren vorkommen. Diese fördern kurzkettige Fettsäuren, die die Schleimhaut schützen und Entzündungen dämpfen.
Nach einer Ernährungsumstellung passt sich das Mikrobiom zumeist innerhalb von drei Tagen bis zu drei Monaten an. Bei gesunden Hundertjährigen bleibt die Vielfalt nützlicher Bakterien wie Bifidobacterium und Akkermansia typischerweise erhalten.
Fehlende Verankerung in medizinischen Leitlinien
Trotz einzelner Studienerfolge fordern Wissenschaftler standardisierte Produkte und groß angelegte Langzeitstudien. Laut dem Konsens „Probióticos y microbiota intestinal“ der Fachgesellschaften SEMERGEN und SEFAC sind Postbiotika und Paraprobiotika bislang noch nicht breit in offiziellen medizinischen Behandlungsleitlinien etabliert.
Fachleute raten Verbrauchern, bei Beschwerden ausschließlich Produkte mit studienbasierter Evidenz für das spezifische Anwendungsgebiet zu wählen und eine Einnahme abzusetzen, sollte sich nach rund zwölf Wochen keine Besserung einstellen.
