Präsentismus: 72% der Beschäftigten gehen krank zur Arbeit
Veröffentlicht am: 19.07.2026 um 10:12 Uhr | Redaktion boerse-global.de
Digitaler Dauerstress, Arbeitsverdichtung und unzureichende Prävention treiben die Krankenstände in die Höhe – mit enormen Kosten für die Volkswirtschaft.
Präsentismus: Arbeiten trotz Krankheit wird zum Standard
Ein alarmierender Trend dominiert die Arbeitskultur: Präsentismus. Laut der Arbeiterkammer Oberösterreich gingen 2025 rund 72 Prozent der Beschäftigten krank zur Arbeit – ein deutlicher Anstieg. Besonders betroffen: Zeitarbeitsfirmen sowie Post- und Kurierdienste.
Die Folgen sind gravierend. Betroffene klagen über Abgeschlagenheit, Konzentrationsmangel und ein erhöhtes Risiko für Langzeiterkrankungen. Der DGB-Index zeigt: 2024 arbeiteten 63 Prozent der Beschäftigten mindestens einen Tag trotz Krankheit. Bei hoher Arbeitsverdichtung steigt der Wert auf 67 Prozent.
Die Politik diskutiert nun über schärfere Nachweispflichten. Geplant sind eine Attestpflicht ab dem ersten Krankheitstag und die Abschaffung der telefonischen Krankschreibung. Experten wie der Arbeitswissenschaftler Prof. Hasselhorn von der Universität Wuppertal halten das für kontraproduktiv. Seine Daten belegen: Zwischen 2020 und 2023 machte die telefonische Krankschreibung nur 0,8 bis 1,2 Prozent aller Fälle aus. Mehr Misstrauen gegenüber Arbeitnehmern könnte den Präsentismus sogar verstärken.
Digitale Dauerflut: Wenn das Gehirn nie zur Ruhe kommt
Die Digitalisierung wird zunehmend zum Gesundheitsrisiko. Neurowissenschaftliche Studien belegen: Digitale Interaktionen wie „Likes“ aktivieren das dopaminabhängige Belohnungssystem und können suchtähnliche Muster erzeugen. Die Folge: Eine dauerhafte Alarmbereitschaft des Gehirns und erhöhte Cortisolspiegel.
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Haupttreiber für Burnout-Symptome ist die tägliche E-Mail-Flut. 76 Prozent der Angestellten berichten von Überlastung – bei durchschnittlich 117 Nachrichten pro Tag. Unternehmen setzen auf KI-gestützte Sortiersysteme oder Produktivitätstracking. Zukunftsforscher wie Thomas Druyen warnen jedoch vor einer systematischen digitalen Abhängigkeit. Verbraucherschützer fordern strengere Regeln für suchtfördernde Mechanismen auf sozialen Plattformen – etwa Endlos-Scrollen oder Autoplay.
Milliardenschwere Folgen fĂĽr die Wirtschaft
Die ökonomischen Auswirkungen sind enorm. Psychische Erkrankungen verursachen in Deutschland jährlich Produktionsausfälle von rund 22,5 Milliarden Euro. Gleichzeitig steht das Versorgungssystem unter Druck.
Ab 2027 ändert das Beitragsstabilisierungsgesetz die Vergütungsstrukturen in der Psychotherapie. Berufsvertreterinnen wie Eva Stahl und Amelie Festag warnen vor Praxisschließungen. Die Wartezeiten auf einen Therapieplatz betragen derzeit durchschnittlich 142 Tage – und könnten sich weiter verlängern.
Auch in der Gynäkologie warnen Fachverbände vor Engpässen durch geplante Einsparungen. Die zunehmende Digitalisierung in der Medizin schaffe für Millionen Menschen Hürden und verdränge analoge Alternativen.
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Prävention: Neue Ansätze gegen den Stress
Angesichts der Belastungen gewinnen präventive Maßnahmen an Bedeutung. Die Weltgesundheitsorganisation (WHO) hat im Juli 2026 ihre Leitlinien zur Demenzprävention aktualisiert. Bis zu 45 Prozent des Risikos sind demnach durch Bewegung, soziale Kontakte und die Behandlung von Bluthochdruck beeinflussbar.
Im betrieblichen Kontext setzen Unternehmen verstärkt auf Employee Assistance Programmes (EAP). Diese bieten psychologische Beratung und Unterstützung bei privaten Belastungen – leiden aber oft unter mangelnder Bekanntheit. In Indien hat sich bereits ein Wellness-Markt im Volumen von 28 Milliarden US-Dollar entwickelt, der auf Erholungstherapien und personalisierte Gesundheitspläne setzt.
Alternative Ansätze zur Stressregulation etablieren sich ebenfalls. Studien des M. D. Anderson Cancer Center belegen positive Effekte von Qigong auf die Lebensqualität und die Reduktion von Depressivität. Im privaten Bereich zeigt sich ein Trend: Wohnraum wird verstärkt für kreative Tätigkeiten statt für reines Fitnesstraining genutzt – eine bewusste Abgrenzung zwischen Arbeit und Freizeit.
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