PRIMA-Netzhaut-Chip, Patienten

PRIMA-Netzhaut-Chip: 81 Prozent der Patienten sehen nach Implantat besser

Veröffentlicht am: 26.09.2026 um 10:48 Uhr | Redaktion boerse-global.de

Studien untersuchen Oxalat bei Darmerkrankungen, selektive IL-6-Hemmung und Netzhautimplantate; weitere Therapien befinden sich in der Forschung.

Entzündungsforschung: Neue Ansätze für Darm, Auge und Gewebe
Nahaufnahme von biologischem Gewebe unter Laborbeleuchtung zur Darstellung von Heilungsprozessen. Illustration mit AI erstellt.

Chronische Entzündungen gehören zu den hartnäckigsten Herausforderungen der Medizin – ob im Darm, am Auge oder in anderen Organsystemen. Mehrere aktuelle Forschungsstränge liefern neue Ansätze, wie sich überschießende Entzündungsreaktionen gezielter beeinflussen und geschädigtes Gewebe reparieren lassen könnten.

Oxalat als möglicher Mitverursacher bei chronisch entzündlichen Darmerkrankungen

Eine Studie der University of North Carolina School of Medicine, im August 2026 auf cmghjournal.org publiziert, rückt einen bislang wenig beachteten Faktor bei chronisch entzündlichen Darmerkrankungen (CED) in den Fokus: Oxalat.

Bei Patienten mit Morbus Crohn oder Colitis ulcerosa fanden die Forscher geringere Mengen der Oxalat-Transporter SLC26A2 und SLC26A3, besonders im entzündeten Gewebe. Bei Morbus-Crohn-Patienten zeigte sich zudem mehr Oxalat im Stuhl. Auch das Bakterium Oxalobacter formigenes, das normalerweise am Oxalatabbau beteiligt ist, kam bei den Betroffenen seltener vor.

Im Tiermodell verschärfte zusätzliches Oxalat den Krankheitsverlauf deutlich: Mäuse mit künstlich ausgelöster Colitis und erhöhter Oxalatzufuhr wiesen eine um 60 Prozent geringere Überlebensrate auf.

Bei Morbus-Crohn-Patienten mit geringer Aktivität des Transporters SLC26A6 zeigten laut der Studie fast 75 Prozent eine vernarbende Darmverengung – ein Hinweis, der nach Einschätzung der Autoren jedoch noch durch größere Studien bestätigt werden muss.

Für Betroffene ergibt sich daraus praktische Relevanz: In Deutschland leben laut Schätzung bis zu 600.000 Menschen mit CED. Oxalatreiche Lebensmittel sind unter anderem Spinat, Mandeln, Mangold, Rote Bete, Rhabarber, Kakao und Süßkartoffeln. Kochen kann den Oxalatgehalt reduzieren, was als möglicher Ansatzpunkt für die Ernährungsberatung dieser Patientengruppe diskutiert wird.

Selektive Blockade statt Rundumschlag: Neue Wege bei Interleukin-6

Kieler Forscher um Prof. Stefan Rose-John, Dr. Georg Wätzig und Prof. Stefan Schreiber stellten in Nature Reviews Drug Discovery 2026 einen Ansatz vor, der zwischen zwei Signalwegen des Entzündungsbotenstoffs Interleukin-6 unterscheidet: dem krankmachenden Trans-Signalweg und der schützenden klassischen Signalgebung.

Bisherige Antikörper wie Tocilizumab und Sarilumab blockieren beide Wege gleichzeitig und verursachen dadurch Nebenwirkungen wie Infektanfälligkeit, veränderte Blutfettwerte und in seltenen Fällen lebensbedrohliche Komplikationen.

Der von den Kieler Forschern entwickelte Wirkstoff Olamkicept fängt selektiv den löslichen Rezeptorkomplex ab und soll damit nur den schädlichen Signalweg unterbinden.

In einer randomisierten klinischen Studie bei Colitis ulcerosa lag das Ansprechen unter Olamkicept bei 58,6 Prozent gegenüber 34,5 Prozent unter Placebo, ohne dass die bekannten IL-6-typischen Nebenwirkungen auftraten. Olamkicept soll den Forschern zufolge gemeinsam mit einem internationalen Partner in Phase-III-Studien gehen.

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Netzhaut-Chip gibt Sehvermögen bei fortgeschrittener AMD zurück

Auch in der Augenheilkunde rückt gezielte Gewebereparatur in den Fokus. Auf einer Kongress-Pressekonferenz der Deutschen Ophthalmologischen Gesellschaft (DOG) wurde der Netzhaut-Chip PRIMA vorgestellt, der Patienten mit fortgeschrittener trockener altersbedingter Makuladegeneration (AMD), speziell der geografischen Atrophie, einen Teil des zentralen Sehvermögens zurückgeben kann.

In Deutschland gibt es der DOG zufolge rund eine Million Menschen mit diagnostizierter AMD, davon schätzungsweise 400.000 mit der fortgeschrittenen trockenen Form.

Das Implantat misst 2 mal 2 Millimeter, ist 30 Mikrometer dünn und enthält 378 photovoltaische Pixel. Es wird unter die Netzhaut eingesetzt und über eine Kamerabrille mit Nahinfrarotlicht kabellos versorgt, ohne Batterie.

In der Zulassungsstudie PRIMAvera mit 38 Patienten zeigte sich nach zwölf Monaten bei 81 Prozent der ausgewerteten Teilnehmer eine klinisch relevante Verbesserung der Sehschärfe um mindestens zehn ETDRS-Buchstaben, was etwa zwei Zeilen auf der Sehtafel entspricht. Der Chip erhielt im Juli 2026 die CE-Kennzeichnung.

Einschränkend betont die DOG, dass PRIMA kein normales Sehvermögen und kein Farbsehen ermöglicht. Patienten benötigen eine monatelange Rehabilitation, der Zugang ist auf spezialisierte Zentren beschränkt, und die Erstattungsfrage ist bislang ungeklärt. Die Studienergebnisse wurden im New England Journal of Medicine veröffentlicht.

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Stammzellen für Frühgeborene und Fruchtbarkeitsstörungen

Auf dem EAPM-Kongress in Warschau diskutierten Fachleute zudem Stammzelltherapien als Ansatz zur Entzündungsreduktion und Geweberegeneration. Prof. Daniel Surbek vom Inselspital Bern berichtete, dass mesenchymale Stromazellen (MSC) und Exosomen Entzündungen reduzieren und Nervengewebe regenerieren können; erste klinische Studien zeigten vielversprechende Sicherheitsdaten.

Dr. Jakub Rzepka verwies auf Hinweise, dass MSC aus der Wharton'schen Sulze der Nabelschnur die Eierstockfunktion, Follikelentwicklung und Schwangerschaftsraten bei vorzeitiger Eierstockinsuffizienz verbessern könnten. Tomasz Baran von der FamiCord Group nannte Nabelschnurblut und -gewebe als mögliches Ausgangsmaterial für MSC-, NK-Zell-, CAR-T-Zell- und Exosomen-Therapien.

Pflanzliche Wirkstoffe als ergänzender Forschungsgegenstand

Neben klinischen Studien wird auch das Potenzial pflanzlicher Wirkstoffkombinationen untersucht. Cannabinoide wie CBD, THC, CBG und CBN sowie Terpene wie Myrcen, Limonen, Pinen und Linalool stehen dabei im Fokus, wobei CBD-reiche Genetiken Werte von 10 bis über 20 Prozent CBD bei minimalen THC-Gehalten erreichen können.

Diskutiert wird zudem die Kombination von CBD mit Curcumin, dem Wirkstoff aus Curcuma longa, der etwa 3 bis 5 Prozent des Gewichts der getrockneten Kurkuma-Wurzel ausmacht.

Beide Substanzen beeinflussen die Enzyme COX und Lipoxygenase, und CBD kann durch Hemmung bestimmter Leberenzyme die Aufnahme von Curcumin steigern. Konkrete Studienzahlen zu klinischen Effekten beim Menschen liegen für diese Kombination bislang nicht vor.

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