Prokrastination, Fachleute

Prokrastination: Warum 14- bis 29-JÀhrige besonders hÀufig aufschieben

Veröffentlicht am: 17.10.2026 um 01:48 Uhr | Redaktion boerse-global.de
Fachleute erklÀren Aufschieben als emotionales Vermeidungsverhalten und empfehlen kleine Schritte, feste Strukturen sowie angepasste Arbeitsumgebungen.
Ein minimalistischer Schreibtisch mit einem geschlossenen Notizbuch und einem FĂŒller in weichem Tageslicht. Illustration mit AI erstellt.

Wer wichtige Aufgaben vor sich herschiebt, wird im Alltag schnell als faul abgestempelt. Psychologen und Fachleute stellen jedoch klar, dass zwischen Prokrastination und schlichter TrÀgheit grundlegende Unterschiede bestehen. WÀhrend Faulheit oft auf Erschöpfung verweist, handelt es sich beim chronischen Aufschieben meist um ein komplexes emotionales Regulierungsproblem.

Emotionale Blockaden statt mangelnder Energie

Nach EinschÀtzung der Psychologin Maria Polyakova ist Faulheit im Kern ein Energiedefizit, das eine körperliche oder psychische Erschöpfung signalisiert.

Bei der Prokrastination liege der Fall gĂ€nzlich anders: Betroffene verfĂŒgen ĂŒber Kraft und konkrete Aufgaben, meiden deren Erledigung jedoch und weichen stattdessen auf unwichtigere TĂ€tigkeiten aus. Dies fĂŒhre regelmĂ€ĂŸig zu TerminbrĂŒchen und einem Anstau unerledigter Arbeiten. Laut Polyakova liegen diesem Verhalten fast immer unterdrĂŒckte Emotionen sowie innere Blockaden zugrunde.

Auch die Psychologin Marina Mammoliti betont, dass Prokrastination keineswegs mit Faulheit gleichzusetzen sei, sondern als Vermeidung unangenehmer GefĂŒhle verstanden werden mĂŒsse. Das kurzfristige Ausweichen vor Unwohlsein verstĂ€rke den inneren Druck auf lange Sicht jedoch nur weiter.

Die Psychotherapeutin An?ela ?uri? ordnet das Aufschieben ebenfalls als Form emotionaler Regulierung ein. Es diene dazu, unangenehmen GefĂŒhlen rund um eine Frist aus dem Weg zu gehen, was kurzzeitig entlaste, die Anspannung letztlich aber ansteigen lasse.

Gleichzeitig könne das Arbeiten in letzter Minute bisweilen motivierend wirken oder ein Kennzeichen von Perfektionisten sein, die zusÀtzliche Zeit zum Nachdenken beanspruchen.

Der Philosoph Simon May fĂŒhrt das PhĂ€nomen vor allem auf Ängste zurĂŒck. Nicht Faulheit sei die Ursache, sondern die Furcht vor dem Scheitern, vor dem Erfolg oder vor der eigenen Verletzlichkeit.

May verweist darauf, dass kaum etwas den menschlichen Willen so sehr sabotiere wie Angst. Ein Beispiel dafĂŒr sei eine Form des erfolgreichen Aufschiebens, bei der jemand etwa ĂŒber Jahre hinweg kĂŒnstlerisch tĂ€tig sein möchte, jedoch nie ein Werk abschließt.

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Junge Menschen besonders hÀufig betroffen

Dass das PhĂ€nomen vor allem in jĂŒngeren Jahren auftritt, unterstrich die Psychologin Celina Neuß auf einer Fachtagung im Kreis Kleve. Demnach sind Personen im Alter von 14 bis 29 Jahren besonders anfĂ€llig fĂŒr den Konflikt zwischen Leistungsdruck, Stress und Aufschiebeverhalten.

Bei Jugendlichen spielt zudem die neurologische Entwicklung eine Rolle: Bereiche des Gehirns, die fĂŒr Handlungsplanung und Impulskontrolle zustĂ€ndig sind, befinden sich wĂ€hrend der PubertĂ€t noch im Umbau. Das Hinauszögern bis zur letzten Minute kann zudem AdrenalinschĂŒbe und ein kurzes HochgefĂŒhl erzeugen, birgt jedoch das Risiko dauerhafter Überforderung.

Praktische AnsĂ€tze zur Überwindung

Um die emotionale HĂŒrde vor dem Arbeitsbeginn zu senken, empfehlen Fachleute unterschiedliche strukturierte Methoden:

  • Aufgaben zerlegen: Psychotherapeut Jewgeni Kulgawtschuk rĂ€t dazu, umfangreiche Vorhaben in kleine Schritte zu unterteilen, Ă€ußere StĂŒtzen wie Zwischenfristen zu nutzen und am eigenen Perfektionismus zu arbeiten. Ähnlich empfiehlt die Psychologin Olivia Koss die sogenannte Leiter-Methode, bei der Ziele schrittweise in kleine Stufen aufgeteilt werden.
  • Umgebung anpassen: Polyakova empfiehlt, gezielt ablenkende GegenstĂ€nde aus dem Blickfeld zu entfernen, Arbeitszeiten fest einzuplanen und sich Belohnungen in Aussicht zu stellen. Sollten Angehörige im hĂ€uslichen Umfeld fĂŒr Störungen sorgen, sei ein Wechsel des Arbeitsplatzes ratsam.
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  • Handeln vor Motivation: Mammoliti weist darauf hin, dass Motivation meist erst durch das Handeln selbst entsteht und nicht vorausgesetzt werden kann. Sie rĂ€t zu ersten Schritten, die lediglich ein bis zwei Minuten in Anspruch nehmen.
  • Typgerechtes Vorgehen: Ein Ratgeber des Portals Tokyocentral unterscheidet fĂŒnf AusprĂ€gungen der Prokrastination – von Perfektionismus und Angstvermeidung bis hin zu ImpulsivitĂ€t, Motivationsmangel und Entscheidungsschwierigkeiten. Laut Expertenforschung könne die bloße Kenntnis des eigenen Prokrastinationstyps das Aufschiebeverhalten um ĂŒber 40 Prozent senken, wenn gezielte Gegenmaßnahmen wie Zeitmanagement-Techniken, Priorisierungsmodelle oder ein Absenken ĂŒberhöhter AnsprĂŒche angewendet werden.
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