Prostatakrebs-Chirurgie: Roboter operiert über 2.000 km Entfernung
Veröffentlicht am: 19.09.2026 um 07:42 Uhr | Redaktion boerse-global.de
Roboterassistierte Eingriffe bei Prostatakrebs gewinnen an Reichweite und technischer Reife. Berichte der vergangenen Wochen zeigen, wie Kliniken weltweit auf bildgestützte KI-Analyse, Telechirurgie über große Distanzen und wachsende Fallzahlen setzen – während Fachgesellschaften gleichzeitig zur Zurückhaltung mahnen, wenn es um vollautonome Operationen geht.
Ein Fall aus Essen als Beispiel
Wie bild.de berichtete, unterzog sich der 65-jährige Rentner Peter Hinsenkamp aus Mülheim im Mai 2025 im Evangelischen Klinikum Essen einer Operation mit dem Da-Vinci-Roboter. Sein PSA-Wert lag bei 9,86 ng/ml – deutlich über dem für sein Alter üblichen Richtwert von unter 4,0 –, seine Prostata war größer als eine Walnuss.
Der Tumor konnte laut dem Bericht vollständig entfernt werden. Seit August 2025 spielt Hinsenkamp wieder Tennis, eine Chemo- oder Bestrahlungstherapie ist nicht geplant. Das Da-Vinci-System ist dem Bericht zufolge inzwischen in mehr als 100 Kliniken in Deutschland im Einsatz.
Telechirurgie über Kontinente hinweg
Einen technologischen Sprung markiert ein Eingriff, den die Oncorad Group im September 2026 durchführte: Der Chirurg Dr. Youness Ahallal operierte von Padua in Italien aus einen Patienten in der Littoral Clinic Ain Diab in Casablanca – über 2.000 Kilometer entfernt.
Laut einem Bericht von alarabiyalilakhbar.ma vom 17. September 2026 lag die Latenz bei rund 80 Millisekunden. Die roboterassistierte radikale Prostatektomie wurde live bei der Plenarsitzung der Konferenz ERUS 2026 vor rund 1.250 internationalen Teilnehmern übertragen, der Patient war postoperativ stabil.
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Auch in Asien expandiert die robotergestützte Chirurgie: Das Mayapada Hospital Jakarta führte gemeinsam mit Apollo Hospitals India im Rahmen ihrer Kooperation am 26. und 27. August 2026 erste Eingriffe mit dem System da Vinci Xi durch.
Der zweite Eingriff betraf laut upplan.sg eine radikale Prostatektomie bei Prostatakrebs sowie eine große Nierenzyste. Der behandelnde Arzt Dr. Syamsu Hudaya betonte dabei, der Roboter ersetze den Arzt nicht, sondern verbessere Visualisierung, Kontrolle und Flexibilität des Eingriffs – minimal-invasiv, mit weniger Trauma und geringerem Blutverlust.
Wachsende Infrastruktur und Ausblick auf Autonomie
Der chinesische Hersteller MicroPort MedBot meldete für sein System Toumai einen Einsatz in 200 Kliniken in 70 Ländern, mit mehr als 30.000 Operationen und 1.200 telechirurgischen Eingriffen; rund 150 weitere Aufträge befinden sich laut Unternehmensangaben in Bearbeitung.
Bei einer Konferenz im PIM MSWiA in Warschau wurden dem Bericht von mzdrowie.pl vom 18. September 2026 zufolge fünf urologische Eingriffe mit Toumai durchgeführt, darunter ein telechirurgischer Eingriff von Professor Mottrie mit einem Patienten in Belgien. Das dazugehörige KI-System MicroGenius sei mit Daten aus 23.000 Operationen trainiert worden.
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Dr. Chao (Alex) He von MicroPort MedBot rechnet mit einem ersten autonomen OP-Element durch KI-Roboter in ein bis zwei Jahren und mit einem vollständig autonomen Eingriff in fünf bis zehn Jahren.
Fachgesellschaften mahnen zur Vorsicht
Nicht nur in der Urologie spielt KI-gestützte Bildanalyse eine wachsende Rolle. Bei einer Online-Pressekonferenz zur 42. Jahrestagung der Deutschen Gesellschaft für Gefäßchirurgie (DGG) im September 2026 erläuterte Professor Dorweiler, wie KI etwa Aortenaneurysmen auf CT- und MRT-Aufnahmen erkennt, Gefäße segmentiert und Verkalkungen sowie Thromben erfasst – Anwendungen, die auch bei peripherer arterieller Verschlusskrankheit und Carotisstenose in allen Versorgungsphasen zum Einsatz kommen.
Zugleich stellte Dorweiler klar, dass solche Systeme unterstützen, aber nicht entscheiden. Robotik könne die Präzision erhöhen und die Strahlenbelastung senken, Teleoperation sei in Deutschland aber noch Zukunftsmusik – autonome OP-Roboter seien derzeit klinisch nicht verfügbar.
Die Beispiele aus Essen, Casablanca, Jakarta und Warschau zeigen damit ein Feld in Bewegung: Die technische Machbarkeit von Telechirurgie und KI-gestützter Bildauswertung ist demonstriert, während die vollständige Autonomie roboterassistierter Eingriffe nach Einschätzung von Fachleuten noch Jahre entfernt liegt.
