Psychische, Erkrankungen

Psychische Erkrankungen: Fehlzeiten steigen binnen zehn Jahren um 42 Prozent

Veröffentlicht am: 30.10.2026 um 03:30 Uhr | Redaktion boerse-global.de
AOK- und DAK-Daten zeigen mehr psychisch bedingte Ausfälle; Fachleute betonen neben persönlicher Vorsorge die Bedeutung guter Arbeitsbedingungen.
Ein leerer, aufgeräumter Arbeitsplatz in der Abenddämmerung mit weichem Licht, das durch ein Fenster fällt. Illustration mit AI erstellt.

Die Zunahme psychischer Belastungen in der Arbeitswelt rückt den Schutz vor beruflicher Erschöpfung verstärkt in den Fokus wissenschaftlicher und betrieblicher Betrachtungen.

Wie Anica Pilz vom Lehrstuhl für Differentielle Psychologie der Universität Würzburg in einem Vortrag am Gymnasium Karlstadt, veranstaltet vom Förderverein Freunde des JSG und der örtlichen Volkshochschule, darlegte, gehen mittlerweile 17,5 Prozent der Krankschreibungen auf psychische Erkrankungen zurück.

Die Fallzahlen seien innerhalb eines Jahrzehnts deutlich gestiegen. Eine Analyse der Ursachen, Warnsignale und Interventionsmöglichkeiten verdeutlicht, wie vielschichtig das Phänomen gelagert ist.

Vielgestaltige Warnsignale und diagnostische Einordnung

Die Anzeichen einer beginnenden oder fortgeschrittenen Erschöpfung äußern sich auf mehreren Ebenen. Pilz verwies auf typische Warnsignale wie Schmerzen, Schlafstörungen, Energiemangel und Konzentrationsprobleme, die häufig von Interessenverlust, innerer Unruhe, Ärger und anhaltenden Grübeleien begleitet werden.

Gustav Wirtz, Facharzt für Psychiatrie und Psychotherapie sowie Bereichsleiter an der SRH RPK Karlsbad-Langensteinbach, nennt neben anhaltender Erschöpfung und Gereiztheit auch somatische Reaktionen wie Kopfschmerzen, Magen-Darm-Beschwerden und eine erhöhte Anfälligkeit für Infekte. Zudem zeige sich Überlastung im Arbeitsalltag häufig durch gehäufte Fehler sowie sozialen Rückzug.

Auf internationaler Ebene ordnet die Weltgesundheitsorganisation Burnout in der Klassifikation ICD-11 nicht als eigenständige Krankheit, sondern als arbeitsbezogenes Syndrom ein, das infolge von chronischem, nicht erfolgreich verarbeitetem Arbeitsstress entsteht.

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Das Phänomen wird dabei über drei Dimensionen definiert: das Gefühl von Energieerschöpfung, eine wachsende mentale Distanz oder eine zynische Haltung gegenüber der eigenen Arbeit sowie eine spürbar verringerte berufliche Leistungsfähigkeit.

Statistischer Trend bei Ausfalltagen und Diagnosen

Die klinischen Befunde spiegeln sich in den Erhebungen der Krankenkassen wider. Dem Fehlzeiten-Report des Wissenschaftlichen Instituts der AOK (WIdO) zufolge kletterten die Fehlzeiten aufgrund psychischer Erkrankungen bei den versicherten Beschäftigten binnen zehn Jahren um knapp 42 Prozent: von 284 Arbeitsunfähigkeitstagen je 100 Mitglieder im Jahr 2016 auf 403 Tage im Jahr 2025. Auf 100 Mitglieder entfielen 2025 durchschnittlich 14,1 Fälle mit einer Dauer von 28,5 Tagen je Fall.

Bei reinen Burnout-Diagnosen verzeichnete das Institut im selben Zeitraum einen Anstieg der Ausfalltage um 77 Prozent von 11,0 auf 19,5 Tage je 100 AOK-Mitglieder.

Zahlen der DAK-Gesundheit für das erste Halbjahr 2026 bestätigen diesen Trend: Psychische Erkrankungen führten zu 184 Fehltagen je 100 Versicherte, was einem Zuwachs von neun Prozent gegenüber dem Vorjahreszeitraum entspricht. Im Jahr 2025 betrug die durchschnittliche Krankschreibungsdauer bei psychischen Diagnosen laut DAK gut 34 Tage.

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Individuelle Bewältigung und betriebliche Verantwortung

Hinsichtlich der Gegenmaßnahmen betonte Pilz, dass persönliche Resilienz trainierbar sei. Gesetzliche Krankenkassen bezuschussen anerkannte Entspannungsmethoden wie autogenes Training oder die progressive Muskelentspannung. Zudem empfahl die Psychologin konkrete Alltagstechniken wie die 4-7-8-Atemübung, das Einhalten fester Pausen sowie ein bewusstes Ritual zum Feierabend.

Gleichzeitig warnen Mediziner davor, die Problematik allein auf das Individuum abzuwälzen. Wirtz unterstrich, dass Stress selten ein reines Einstellungs- oder Resilienzproblem sei, sondern überwiegend aus den tatsächlichen Arbeitsbedingungen erwachse. Achtsamkeit oder sportliche Aktivität könnten notwendige strukturelle Anpassungen im Betrieb nicht ersetzen.

Betroffenen wird geraten, die eigene Lage zu analysieren, Prioritäten mit Führungskräften neu zu ordnen, Vertretungen zu regeln und klare Grenzen bei der Erreichbarkeit zu ziehen. Bei anhaltenden Beschwerden über mehrere Wochen sei zudem die Konsultation des Hausarztes oder einer psychotherapeutischen Sprechstunde geboten.

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