Psychische, Fehlzeiten

Psychische Fehlzeiten: Ausfalltage bei AOK-Versicherten steigen um 42 Prozent

Veröffentlicht am: 09.10.2026 um 18:53 Uhr | Redaktion boerse-global.de

AOK-Daten zeigen mehr psychisch bedingte Ausfalltage; zugleich klaffen Arbeitgeber- und BeschÀftigteneinschÀtzungen zum betrieblichen Wohlbefinden auseinander.

Psychische Belastungen: Fehlzeiten steigen, PrĂ€vention rĂŒckt stĂ€rker in den Fokus
Ein ruhiger, minimalistischer Raum mit natĂŒrlichem Lichteinfall und Blick in einen begrĂŒnten Innenhof. Illustration mit AI erstellt.

Psychische Belastungen im Berufsleben fĂŒhren zu immer lĂ€ngeren Ausfallzeiten und stellen Unternehmen sowie Gesundheitssysteme vor wachsende Herausforderungen. Erhebungen von Krankenkassen, VerbĂ€nden und Arbeitsforschern zeigen ein deutliches Anwachsen psychisch bedingter Fehlzeiten. Parallel dazu rĂŒcken prĂ€ventive Maßnahmen und die gesetzlich verankerte Arbeitsgestaltung verstĂ€rkt in den Fokus betrieblicher Akteure.

Starker Anstieg der Fehlzeiten durch psychische Erkrankungen

Die Fehlzeiten infolge psychischer Leiden verzeichnen seit Jahren eine spĂŒrbare AufwĂ€rtstendenz. Nach dem Fehlzeiten-Report 2026 des Wissenschaftlichen Instituts der AOK (WIdO) stiegen die ArbeitsunfĂ€higkeitstage wegen psychischer Erkrankungen bei AOK-versicherten BeschĂ€ftigten innerhalb von zehn Jahren um knapp 42 Prozent.

WĂ€hrend 2016 noch 284 Ausfalltage je 100 Mitglieder registriert wurden, lag der Wert im Jahr 2025 bei 403 Tagen. Die durchschnittliche Krankheitsdauer je Fall belief sich dabei auf 28,5 Tage, wohingegen Atemwegserkrankungen im Schnitt 5,7 Tage beanspruchten.

Bei Burnout-Diagnosen zeigte sich von 2016 bis 2025 eine Steigerung um 77 Prozent von 11,0 auf 19,5 Ausfalltage je 100 Mitglieder. Über alle Diagnosen hinweg beliefen sich die Fehltage je AOK-Mitglied im Jahr 2025 auf 23,3 Tage, nach 24,5 Tagen im Jahr 2022 sowie jeweils 23,9 Tagen in den Jahren 2023 und 2024.

Besonders stark betroffen sind soziale und dienstleistungsorientierte Berufsfelder: Im Dialogmarketing wurden 2025 laut WIdO 39,0 KrankheitsfÀlle je 100 Mitglieder verzeichnet, in der Haus- und Familienpflege 25,6, in der Altenpflege 24,9, in der Heilerziehungspflege und SonderpÀdagogik 24,6 sowie in der Kinderbetreuung 23,0 FÀlle.

Die Ausgaben der gesetzlichen Krankenversicherung fĂŒr Krankengeld erreichten 2025 eine Höhe von 21,6 Milliarden Euro, was 6,1 Prozent der Gesamtausgaben entsprach, verglichen mit 11,2 Milliarden Euro und 5,2 Prozent zehn Jahre zuvor. Laut AOK-Angaben wuchsen die KrankengeldfĂ€lle wegen psychischer Erkrankungen zwischen 2021 und 2025 um 25 Prozent, die damit verbundenen Ausgaben sogar um 54 Prozent.

Parallel dazu meldete SRH unter Verweis auf DAK-versicherte BeschĂ€ftigte fĂŒr das Jahr 2025 rund 366 Fehltage je 100 Versicherte aufgrund psychischer Erkrankungen, ein Zuwachs von 6,9 Prozent gegenĂŒber dem Vorjahr, bei einer durchschnittlichen Falldauer von 34,2 Tagen.

Anzeige

Angesichts der steigenden Fehlzeiten durch psychische Belastungen stehen Arbeitgeber und Sicherheitsverantwortliche zunehmend in der Pflicht. Dieser kostenlose Report zeigt, wie Sie GefĂ€hrdungsbeurteilungen rechtssicher erstellen und behördliche Anforderungen erfĂŒllen. GefĂ€hrdungsbeurteilung: So erstellen Sie GBUs, die Aufsichtsbehörden sofort anerkennen

Das Arbeitsmedizinische und Sicherheitstechnische Zentrum (asz) in Österreich registrierte fĂŒr 2025 eine durchschnittliche Krankenstandsdauer bei psychischen Diagnosen von 36,7 Tagen gegenĂŒber einem Schnitt von 9,1 Tagen ĂŒber alle Diagnosen hinweg.

Laut dem FachkrĂ€fteradar 2026 des asz stieg zudem in 81 Prozent der betroffenen Betriebe die ArbeitsintensitĂ€t, wĂ€hrend 64 Prozent ĂŒber mehr Überstunden berichteten.

Diskrepanz zwischen betrieblichem Angebot und Wahrnehmung

Trotz zunehmender Initiativen klafft zwischen Arbeitgebern und Belegschaften hĂ€ufig eine deutliche WahrnehmungslĂŒcke. Die Great Employee Benefits Studie 2026, fĂŒr die 8.000 Mitarbeitende und 3.147 FĂŒhrungskrĂ€fte in acht europĂ€ischen MĂ€rkten befragt wurden – darunter 1.000 BeschĂ€ftigte und 381 Arbeitgebende in Deutschland –, verdeutlicht diese Differenz: WĂ€hrend 83 Prozent der befragten Arbeitgeber der Ansicht waren, das Wohlbefinden im Betrieb ausreichend zu unterstĂŒtzen, empfanden dies nur 53 Prozent der Mitarbeitenden so. Rund 49 Prozent der deutschen BeschĂ€ftigten gaben an, ihre Arbeitsbelastung langfristig als nicht nachhaltig einzustufen.

Zudem fĂŒhlten sich in Deutschland lediglich 50 Prozent der BeschĂ€ftigten wohl dabei, Belastungen und Stress offen mit ihrer FĂŒhrungskraft zu thematisieren – der niedrigste Wert unter den acht untersuchten LĂ€ndern. Auf Arbeitgeberseite planen 64 Prozent fĂŒr 2027 eine Erhöhung der Budgets fĂŒr Mitarbeiter-Benefits, wĂ€hrend 4 Prozent KĂŒrzungen vorsehen.

Attraktive Rahmenbedingungen spielen auch bei der Personalbindung eine Rolle: 39 Prozent der Befragten gaben an, ein Jobangebot wegen unzureichender Zusatzleistungen abzulehnen; in der Generation Z lag dieser Anteil bei 54 Prozent.

Anzeige

Wer die psychischen Belastungen im Team frĂŒhzeitig erkennen und gegensteuern möchte, benötigt eine strukturierte Dokumentation. Erfahrene SicherheitsfachkrĂ€fte nutzen hierfĂŒr spezialisierte Muster-Vorlagen, um ArbeitsplĂ€tze nachhaltig zu sichern. Kostenlose Vorlagen zur GefĂ€hrdungsbeurteilung jetzt herunterladen

Gesetzliche Vorgaben und AnsÀtze zur PrÀvention

Fachleute und Institutionen verweisen darauf, dass StressprĂ€vention strukturell in den Arbeitsalltag integriert werden muss. Dr. Gustav Wirtz von der SRH RPK Wiesloch betonte, dass Belastungen nicht als individuelles Problem Einzelner behandelt werden dĂŒrfen und persönliche Angebote eine gesundheitsgerechte Arbeitsgestaltung nicht ersetzen.

Auch Birgitt Espernberger vom asz wies darauf hin, dass ein MissverhĂ€ltnis zwischen hoher Anpassungsleistung und mangelnder Regeneration die Gesundheit beeintrĂ€chtigt; in Österreich gilt die Pflicht zur Evaluierung arbeitsbedingter psychischer Belastungen bereits seit dem 1. JĂ€nner 2013.

Die Deutsche Gesetzliche Unfallversicherung (DGUV) machte im Kontext der Woche der Seelischen Gesundheit vom 10. bis 20. Oktober 2026, die unter dem Motto Miteinander statt nebeneinander steht, auf entsprechende Instrumente aufmerksam.

HauptgeschĂ€ftsfĂŒhrer Dr. Stephan Fasshauer hob hervor, dass bereits Maßnahmen wie verlĂ€ssliche Pausenregelungen, klare Kommunikationswege, definierte ZustĂ€ndigkeiten und grĂ¶ĂŸere HandlungsspielrĂ€ume Stress verringern können. Die DGUV stellt hierfĂŒr das Instrument Erfahrungsschatz Arbeitsgestaltung bereit; zudem ist psychische Gesundheit das Schwerpunktthema der Nationalen PrĂ€ventionskonferenz 2026.

Begleitend bieten TÜV Rheinland und die gesetzlichen Krankenkassen UnterstĂŒtzung an: Neben GefĂ€hrdungsbeurteilungen und Workshops stellen die Kassen ĂŒber die Zentrale PrĂŒfstelle PrĂ€vention bundesweit mehr als 120.000 zertifizierte Kurse bereit, darunter rund 50.000 PrĂ€senz- und etwa 2.500 Onlineangebote im Stress- und Ressourcenmanagement.

Parallel weiten auch Sportorganisationen ihre Strukturen aus: Eintracht Frankfurt startete eine Initiative zur Erkennung seelischer Gefahren, wĂ€hrend der DFB eine Stelle fĂŒr das Management von Mental Performance und Psychologie ausschrieb.

Disclaimer...

de | wissenschaft | 70281966 |