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Psychische Gesundheit: Depressionen bei Kindern um 30% gestiegen

26.05.2026 - 11:24:05 | boerse-global.de

Depressionsdiagnosen bei jungen Menschen steigen um 30 Prozent. Das Vorsorgesystem erfasst psychische Probleme kaum, Wartezeiten auf Therapie betragen 28 Wochen.

Psychische Gesundheit: Depressionen bei Kindern um 30% gestiegen - Foto: über boerse-global.de
Psychische Gesundheit: Depressionen bei Kindern um 30% gestiegen - Foto: über boerse-global.de

Zwischen 2018 und 2023 stiegen Depressionsdiagnosen bei den 5- bis 24-Jährigen um 30 Prozent. Jeder fünfte Heranwachsende zeigt Verdacht auf eine Essstörung. Besonders alarmierend: Im Jahr 2024 waren psychische Erkrankungen mit 18,9 Prozent die Hauptursache für Krankenhausaufenthalte bei den 10- bis 19-Jährigen.

Doch das System der Früherkennung hinkt hinterher. Die klassischen U-Untersuchungen – dokumentiert im „gelben Heft“ – erfassen psychische Probleme kaum. Bei der U9 etwa prüfen Ärzte, ob ein Kind ein Haus malen kann. Die tägliche Bildschirmzeit, das Vorleseverhalten in der Familie oder die Qualität sozialer Kontakte? Fehlanzeige.

„Blackbox“ für Familien: Warum die Vorsorge versagt

Die Kritik an den Vorsorgeuntersuchungen wird lauter. Medizinerin Ute Thyen bemängelt, dass die Verantwortung fast ausschließlich bei niedergelassenen Kinderärzten liege. Der Zugang zu weiterführenden Hilfsangeboten sei dadurch erschwert. Sie fordert ein staatlich verankertes System, das Familien unkompliziert unterstützt – statt sie in einer bürokratischen „Blackbox“ zu belassen.

Die Wartezeiten auf einen Therapieplatz unterstreichen die Misere. Durchschnittlich 28 Wochen müssen Betroffene warten. Fachverbände wie die Bundespsychotherapeutenkammer und die Deutsche Gesellschaft für Kinder- und Jugendpsychiatrie fordern eine eigenständige Bedarfsplanung. Und das in Zeiten von Honorarkürzungen: Seit April 2025 müssen Psychotherapeuten 4,5 Prozent weniger verdienen.

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Schule als Brennglas der Krise

Das Bildungssystem zeigt die Folgen der psychischen Belastungen besonders deutlich. Das Deutsche Schulbarometer vom März 2026 offenbart: 25 Prozent der Schüler zeigen psychische Auffälligkeiten, 26 Prozent berichten von geringer Lebensqualität, 30 Prozent sind regelmäßig von Mobbing betroffen.

Die Belastung trifft auch die Lehrkräfte. Eine Potsdamer Studie von 2022 bis 2024 identifizierte bei einem Viertel der Lehrer ein Burn-out-Risikomuster. Weitere 38,5 Prozent zeigten ein ausgeprägtes Schonungsmuster – ein klares Anzeichen für hohe psychische Belastung. Schulleiter Carsten Bangert fordert deshalb: Gesundheit muss Führungsaufgabe werden.

„Fach Glück“: Wie Schulen gegensteuern

Als Reaktion gewinnen alternative pädagogische Ansätze an Boden. Seit 2007 hat sich das Fach „Glück“ an mehreren Hundert Schulen etabliert. Über 5.000 Lehrkräfte wurden bereits ausgebildet. Das von Ernst Fritz-Schubert initiierte Fach thematisiert Charakterstärken, Freundschaft und Lebenssinn.

In der Schweiz setzt man noch früher an. Kindergärten und Schulen integrieren Yoga- und Achtsamkeitsangebote zur Förderung von Konzentration und Emotionsregulation. Teilweise ist das bereits im Lehrplan verankert. Die Pädagogische Hochschule Zürich begleitet die Programme wissenschaftlich.

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Mediensucht: Wenn der Alltag verschwindet

Ein spezifisches Problemfeld ist die Mediensucht. Seit April 2023 bietet das Klinikum Nürnberg eine spezialisierte Sprechstunde für Jugendliche an, die den Kontakt zum Alltag verloren haben. Betroffen sind vorwiegend Jungen im Alter von 14 bis 15 Jahren. Als Risikofaktoren gelten ADHS, Depressionen, soziale Ängste und Mobbing-Erfahrungen.

Die Schwere der Problematik zeigt sich in stationären Programmen. In Berchtesgaden etwa hatten etwa zwei Drittel der Teilnehmer vor der Behandlung die Schule geschwänzt.

Lebensumstände als Risikofaktor

Die psychische Gesundheit wird massiv von den Lebensumständen beeinflusst. In Hamburg lebten im April 2026 über 13.000 Minderjährige in öffentlichen Unterkünften – mit einer durchschnittlichen Verweildauer von 48 Monaten. Mediziner warnen vor chronischem Stress durch mangelnde Privatsphäre.

International rangiert Deutschland laut einer UNICEF-Studie beim Wohlbefinden von Kindern nur auf Platz 25 von 37 untersuchten wohlhabenden Ländern. Besonders Jugendliche aus benachteiligten Familien erreichen seltener schulische Mindeststandards.

Wirtschaftliche Dimension der Krise

Die Zunahme psychischer Erkrankungen hat auch handfeste wirtschaftliche Folgen. 2025 lag der Krankenstand in Deutschland bei durchschnittlich 14,5 Tagen pro Arbeitnehmer. Die Arbeitsunfähigkeitsbescheinigungen aufgrund psychischer Diagnosen steigen. Bundeskanzler Olaf Scholz mahnte angesichts dieser Zahlen eine Senkung des Krankenstandes an. Mediziner kontern: Krankschreibungen seien oft notwendig, um Patienten dem Leistungsdruck zu entziehen.

Die Glücksforscherin Judith Mangelsdorf weist auf einen weiteren Aspect hin: Rund 36 Prozent der Unterschiede im persönlichen Glücksempfinden sind genetisch bedingt. Umso wichtiger seien stabile soziale Beziehungen als Schutzfaktoren gegen traumatische Erlebnisse.

Politische Debatte: Social-Media-Verbot oder Elternverantwortung?

Die politische Diskussion um den Schutz der psychischen Gesundheit junger Menschen verschärft sich. Bundeskanzler Friedrich Merz befürwortet ein Social-Media-Verbot für Kinder unter 14 Jahren – eine Maßnahme, die laut Umfragen von zwei Dritteln der Deutschen unterstützt wird.

Innenminister Alexander Dobrindt zeigt sich skeptisch. Ein solches Verbot sei schwer durchsetzbar, die Eltern seien primär in der Verantwortung.

Ob die Forderungen der Fachverbände nach einer verbesserten Bedarfsplanung und leichterem Zugang zu präventiven Maßnahmen Gehör finden, bleibt abzuwarten. Der Ausbau spezialisierter Angebote für Mediensucht und die Integration von Resilienztraining in den Schulalltag könnten wichtige Bausteine sein. Die eigentliche Herausforderung: Das Vorsorgesystem der U-Untersuchungen so zu reformieren, dass psychische Belastungen nicht erst im Krisenfall erkannt werden.

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