Psychische Gesundheit: Hausärzte sollen Erkrankungen offener ansprechen
Veröffentlicht am: 09.10.2026 um 00:48 Uhr | Redaktion boerse-global.de
Zum Welttag der psychischen Gesundheit am 10. Oktober 2026 rückt die Rolle der Primärversorgung zunehmend in den Mittelpunkt der gesundheitspolitischen Diskussion. Christina Hillebrecht, Präsidentin der Bremer Ärztekammer, fordert, psychische Erkrankungen offener zu thematisieren und Stigmatisierungen konsequent abzubauen.
Da Hausarztpraxen für viele Betroffene die erste Anlaufstelle darstellen, kommt ihnen eine zentrale Funktion bei der Vermittlung fachärztlicher oder psychotherapeutischer Unterstützung zu. Zugleich plädiert Hillebrecht dafür, Erkrankte künftig stärker an der praktischen Ausgestaltung von Versorgungsangeboten zu beteiligen.
Fehlzeiten durch seelische Leiden steigen kontinuierlich
Die Notwendigkeit niedrigschwelliger Anlaufstellen wird durch die Fehlzeitenentwicklung im Erwerbsleben verdeutlicht. Nach Erhebungen der Krankenkasse DAK fehlten Beschäftigte im Bundesland Bremen im Jahr 2025 durchschnittlich 20,1 Kalendertage. Auf psychische Diagnosen entfielen dabei 392 Fehltage je 100 Versicherte, was einem Zuwachs von 16 Prozent gegenüber dem Vorjahr 2024 entspricht.
Nach Angaben von Statista aus dem Jahr 2024 haben sich die bundesweiten Arbeitsunfähigkeitstage infolge psychischer Erkrankungen im Zeitraum von 2000 bis 2024 mehr als verdoppelt. Eine Studie des IGES-Instituts im Auftrag der DAK wies zudem nach, dass seelische Leiden im ersten Halbjahr 2026 erstmals die häufigste Ursache für krankheitsbedingte Ausfalltage darstellten.
Der Fehlzeiten-Report 2026 des Wissenschaftlichen Instituts der AOK (WIdO) belegt diese Tendenz ebenfalls für das Jahr 2025. Bei AOK-versicherten Beschäftigten kletterten die psychisch bedingten Ausfalltage je 100 Mitglieder von 284 Tagen im Jahr 2016 auf 403 Tage im Jahr 2025 – ein Anstieg um knapp 42 Prozent.
Burnout-bedingte Fehltage verzeichneten im selben Zeitraum ein Plus von 77 Prozent von 11 auf 19,5 Tage je 100 Mitglieder. Die vorläufigen Krankengeldausgaben der gesetzlichen Krankenversicherung beliefen sich 2025 auf 21,6 Milliarden Euro, was 6,1 Prozent der Gesamtausgaben ausmachte; zwischen 2021 und 2025 stiegen die Ausgaben für psychisch bedingten Krankengeldfälle um 54 Prozent.
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Hoher Beratungsbedarf in den Praxen
In der ambulanten Versorgung zeigt sich der psychosoziale Druck unmittelbar. Auf einer Fachkonferenz der Charité wurde dargestellt, dass Hausärzte den Anteil von Terminen mit psychosozialem Bezug auf bis zu 40 Prozent schätzen.
Als Lösungsansatz präsentierte die Charité Modelle wie das sogenannte Social Prescribing, bei dem Praxen Patienten gezielt an lokale Freizeit- oder Beratungsangebote vermitteln. Bislang fehlen jedoch sogenannte Link Worker als personelle Schnittstellen in den Regelstrukturen.
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Die Landesärztekammer Hessen unterstrich in einem Kommentar die koordinierende Verantwortung der Hausärzte: Sie böten Orientierung, gewichteten medizinische Informationen und verhinderten so unnötige Doppeluntersuchungen sowie stationäre Aufnahmen in einem zunehmend vernetzten System.
Engpässe an der Schnittstelle zur Psychotherapie
Gleichzeitig verschärfen sich die Spannungen bei der Weitervermittlung. Nach Angaben der Deutschen PsychotherapeutenVereinigung (DPtV) stiegen die Patientenzahlen in der Psychotherapie im Jahr 2026 um 10 bis 15 Prozent.
Die DPtV sowie die Bundespsychotherapeutenkammer (BPtK) kritisieren geplante Einschränkungen im GKV-Beitragsstabilisierungsgesetz. Beide Verbände fordern eine umfassende extrabudgetäre Vergütung psychotherapeutischer Leistungen, um drohende Kapazitätsengpässe und längere Wartezeiten ab dem Jahr 2027 zu verhindern.
Auch unparteiische Mitglieder des Gemeinsamen Bundesausschusses (G-BA) äußerten Anfang Oktober 2026 Bedenken: Eine Kopplung der extrabudgetären Akutbehandlung an Terminservicestellen sei bürokratisch und fehlanfällig. Eine Beschlussfassung über entsprechende Änderungsanträge ist für den 14. Oktober 2026 vorgesehen.
