Psychische Leiden: Erstmals Hauptursache für Arbeitsausfälle
Veröffentlicht am: 24.07.2026 um 05:18 Uhr | Redaktion boerse-global.de
Erstmals sind psychische Leiden die Hauptursache für Arbeitsausfälle in Deutschland. Das zeigt eine aktuelle Analyse der DAK-Gesundheit für das erste Halbjahr 2026.
Der allgemeine Krankenstand lag mit 5,3 Prozent leicht unter dem Vorjahreswert. Doch die Fehlzeiten wegen psychischer Diagnosen stiegen um neun Prozent. Die durchschnittliche Erkrankungsdauer erhöhte sich auf 9,7 Tage.
Besonders auffällig: Während Beschäftigte unter 55 Jahren seltener krankgeschrieben waren, stieg der Krankenstand bei den Über-60-Jährigen um 0,3 Prozentpunkte.
14,6 Millionen Behandlungsfälle in Psychiatrie und Psychotherapie
Die Entwicklung bestätigt einen längerfristigen Trend. Der Zi-Trendreport für 2025 zählte bereits 14,6 Millionen Behandlungsfälle – ein Plus von 3,6 Prozent zum Vorjahr. Besonders Gruppenpsychotherapien legten massiv zu: 464.000 Fälle bedeuten einen Anstieg um 23,6 Prozent.
Digitaler Stress: Jeder Dritte fühlt sich nach Feierabend erreichbar
Ein wesentlicher Treiber der psychischen Belastung ist die permanente Verfügbarkeit. Eine Studie der IU Internationalen Hochschule vom Januar 2026 zeigt: Ein Drittel der Beschäftigten fühlt sich verpflichtet, auch nach Feierabend erreichbar zu sein.
40 Prozent der 2.000 Befragten gaben an, gedanklich ständig auf Empfang zu sein. Jeder Zweite verspürt hohen Erwartungsdruck, schnell auf Nachrichten zu reagieren.
Die Folgen sind gravierend: Ein Drittel der Teilnehmer berichtete von emotionaler Erschöpfung, fast ebenso viele von Schlafproblemen. Frauen sind stärker betroffen als Männer.
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Als Gegenmaßnahmen empfehlen Personalexperten klare Erreichbarkeitsregeln, die Einbeziehung von Führungskräften und die Erfassung psychischer Belastungen in der Gefährdungsbeurteilung.
Soziale Kontakte stärken die Resilienz am stärksten
Doch was schützt die Psyche? Eine Netzwerkanalyse im Journal of Happiness Studies liefert eine klare Antwort: Soziale Freizeitaktivitäten – besonders Besuche bei Familie und Freunden – sind der stärkste Faktor für psychische Widerstandsfähigkeit. Der Effekt ist sogar größer als die positive Wirkung von Sport.
Besonders bei Menschen mit belastenden Kindheitserfahrungen wirkt regelmäßiger sozialer Kontakt überproportional stabilisierend.
Praktische Angebote boomen: Volkshochschulen haben für den Sommer 2026 spezielle Resilienz-Kurse wie KAHA-Training ins Programm aufgenommen. Auch Selbsthilfegruppen, etwa für Multiple-Sklerose-Betroffene in Neustadt-Holstein, bieten Workshops zur Stärkung der psychischen Kraft an.
Krisenvorsorge wird zur staatlichen Aufgabe
Neben der individuellen Ebene rückt die gesellschaftliche Resilienz in den Fokus. Baden-Württemberg startete im Juli 2026 das Projekt „Stark vor Ort“. Es unterstützt Kommunen bei der Entwicklung von Beteiligungsformaten zur Krisenvorsorge. Bis Mitte September können sich Städte und Gemeinden für die Pilotphase bewerben, die im Oktober beginnt.
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Ziel: Die Bevölkerung besser auf Ernstfälle wie Pandemien oder Naturkatastrophen vorbereiten.
Parallel entstehen neue Lehrmaterialien für die Pflegeausbildung. Das Projekt „Modina“ umfasst 40 Unterrichtseinheiten zum sogenannten Disaster Nursing – inklusive Reaktionen auf Cyberangriffe oder Unwetterlagen.
Versorgungslücke droht: 142 Tage Wartezeit beim Therapeuten
Trotz aller Präventionsansätze warnen Fachvertreter vor strukturellen Engpässen. Die Präsidentin der Psychotherapeutenkammer Berlin schlägt Alarm: Die geplante Budgetierung psychotherapeutischer Leistungen könnte zu einem Wegfall von Behandlungsplätzen führen.
Aktuell betragen die Wartezeiten durchschnittlich 142 Tage. Sollten sie weiter steigen, droht eine Chronifizierung psychischer Leiden.
In der Branche wächst die Sorge, dass Therapeuten ab 2027 ihre Kassensitze zurückgeben – weil die Einnahmen die Fixkosten nicht mehr decken.
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